Dienstag, 24. Juli 2012
Der Papa heißt Andrey
Andrey lerne ich auf dem Spielplatz kennen. Er ist mit seiner kleinen Tochter, die etwas jünger als das Lieschen ist, dort, was das Lieschen ganz toll findet, weil sie ja mit der Kleinen spielen könnte. Alleine fragen, ob das dem Mädchen auch so geht, will sie natürlich nicht, also muss Mama mit und Übersetzer spielen.
Der Papa heißt Andrey
Es stellt sich heraus, die Kleine will, und ihr Papa ist auch ganz nett, heißt Andrey und findet es, obwohl er Russe ist, normal, dass die Frau mit dem komischen Tuch auf dem Kopf mit ihm spricht (nein, dass ist nicht bei allen Osteuropäern hier in London der Fall; denke mir halt immer - ich habe selbst in Osteuropa gelebt -, die sind die Diversität nicht so gewöhnt wie jemand von hier).
High-skilled immigrant
Aber Andrey ist in der Hinsicht cool, seine Tochter heißt genauso wie das Lieschen, und ein kleiner Bruder, der etwas älter ist als das Lieschen, springt da auch noch rum. Andrey erzählt, dass sie vor sechs oder sieben Jahren nach London gekommen sind, die beiden Kleinen sind beide hier geboren. Ein Programm für high-skilled worker machte es ihnen möglich, überzusiedeln. Am Anfang war es sehr schwer, erklärt Andrey, aber in der Zwischenzeit hätten sie beide einen Job, und es wäre halt Routine.
Verständnisschwierigkeiten
Er arbeitet in der IT-Branche. Sein Englisch ist flüssig, aber dafür, dass er seit sechs Jahren in London lebt, wirklich nicht gut. Die Kinder sprechen beide nur Russisch. Der Kleine geht in der Zwischenzeit in die Schule, was schwierig sei, weil nicht alle Lehrer geduldig genug seien, so langsam und deutlich zu sprechen, dass sein Sohn es verstünde.
Russischsprachige Tagesmutter
Andreys Frau hätte Abschlüsse in Musik, Kunst und Psychologie und sich als Tagesmutter selbstständig gemacht. Teilweise hätten sie elf Kinder gehabt, drei Lehrer eingestellt, die den Kindern Mathe, Kunst, Musik, Lesen und Schreiben beigebracht hätten. Umgangssprache war Russisch, die Zielgruppe russischsprachige und litauische Kinder. Davon gibt es in manchen Teilen Ostlondons richtig viele. Er lacht: "Wir haben immer noch sooo viele Spielsachen zu Hause."
Oma passt auf das Kind auf
In der Zwischenzeit läuft das Geschäft mit der Kinderbetreuung nicht mehr so gut. Viele der Osteuropäer, die in den letzten Monaten und Jahren nach London kamen, und kleine Kinder mitbringen oder hier eins bekommen, bringen die Oma von zu Hause mit. Da wohnen dann Papa, Mama, Kind und Oma in einem Zimmer; die Eltern gehen arbeiten und Oma passt auf das Kleine auf. "Jetzt haben wir nur noch ein paar Kinder in der Betreuung", erklärt Andrey.
Russland und der Islam
Während wir uns unterhalten, überlege ich, warum so mancher Russe, den ich kenne,Vorbehalte gegenüber Muslimen hat. "Na ja, die haben Tschetschenien, Anschläge in Beslan, in Moskau, wer weiß, wie du zu Muslimen und dem Islam stehen würdest, wenn dass das einzige Bild dieser Religion wäre, das du präsentiert bekämst", denke ich mir und bin froh, dass Andrey aus Moskau oder Petersburg kommt, weil ja alle coolen, toleranten Leute immer in den Großstädten leben.
Vorurteile haben wir alle
Dann erzählt Andrey, dass sie aus Astrachan kommen, einer mittelgroßen Stadt nördlich des Kaspischen Meeres und ich will mir gegen den Kopf schlagen für meine Dummheit, Astrachan liegt nur ein paar hundert Kilometer vom Nordkaukasus, von Tschetschenien, Inguschetien, das weiß ich, und ich denke mir, wie doof ich bin, zu glauben, dass er, weil er einer Muslimin offen und tolerant gegenüber ist, aus einer der großen Städte in Russlands Westen kommen muss - als ob man, nur weil man aus der Provinz kommt, doof und vernagelt sein muss und die Menschen dort keinen Kopf haben, den sie benutzen können, kein Hirn, das sie befähigt, zu differenzieren. Tja, Vorurteile, da hat man's mal wieder, haben wir alle.
Und ein russischsprachiger Nepalese ist da auch noch unterwegs
Und so stehen wir da auf dem Spieplatz in der Sonne, denn endlich, endlich, endlich lässt die sich auch mal hier in London blicken, und ich rufe meinem Lieschen was auf Deutsch zu, und er seinen Kindern was auf Russisch, und das kriegt ein südasiatisch aussehender Mann mit, der ihn prompt auf Russisch anspricht. Woher er denn käme, ob er Russe sei, und falls ja, woher aus Russland. Andrey antwortet, und es stellt sich heraus, dass der Mann aus Nepal kommt, aber in Russland gelebt hat - soviel Russisch verstehe ich auch noch, um das mitzubekommen.
Danke, Andrey
Andrey macht noch Bilder von dem Lieschen und seinen beiden Kleinen, wie sie zu zweit (die dritte im Buggy) den Buggy über den Spielplatz schieben, und verspricht, sie mir am nächsten Tag zu schicken. Hat er gemacht, danke, Andrey.
Mittwoch, 30. Mai 2012
Amadou
Amadou traf ich an einem heißen (ja, kaum zu glauben, London kann auch Sommer) Nachmittag im Mai im Park. Das Lieschen lief gerade von der Wippe zum Klettergerüst und er stand an der Schaukel, in der einer seiner beiden Söhne saß. Ob das Deutsch sei, dass ich da mit dem Lieschen spreche. Er spreche auch Deutsch (aha...), habe in Deutschland studiert, in Heidelberg (ach, wirklich?). So kamen wir ins Gespräch.
Westafrika - Heidelberg - London
Und so erfuhr ich, neben den Schaukeln auf dem Spielplatz im Park stehend, dass Amadou aus Westafrika kommt - stimmt, da hörte ich auch an den leichten französischen Akzent, der sein Englisch färbte. Zum Studium sei er nach Heidelberg gegangen, und bald danach nach London. Mit seiner Frau, einer Deutschen, hat er zwei kleine Söhne: Mahjou ist dreieinhalb und Malik anderthalb.
"Die Lebensqualität in England ist einfach nichts"
Als er hört, aus welcher Stadt in Deutschland wir kommen, wird er hellhörig. "Oh, wirklich?" Da sei er auch oft, beruflich, seine Firma schicke ihn immer wieder dorthin. Sie überlegten jetzt, dauerhaft überzusiedeln. "Die Lebensqualität in England ist einfach nichts", sagt er, und ich kann nur kräftig nicken. "Und erst das Schulsystem - eine Katastrophe. Das will ich nicht, dass meine Jungs es durchmachen. Da gehen wir lieber nach Deutschland."
Wieder zurück nach Deutschland
Die Kinder wachsen zweisprachig auf, und auch Amadou spricht Deutsch. [Die Stadt, aus der ich komme] ist zwar längst nicht so multikulti wie London, aber bestimmt gibt es dort auch eine Nische für Leute wie Amadou und seine Familie, die wieder zurück gehen von der Insel nach Deutschland, weil manches eben doch besser ist, auf dem Kontinent.
Dienstag, 10. April 2012
Kezban
Beim Abendessen sitze ich Kezban gegenüber. Wunderhübsch ist sie mit ihrer hellen Haut und den dunklen, fast schwarzen Augen. Sie trägt ein helles Kopftuch (rosa und beige auf Weiß, toll sieht das aus) zum beigen, gut geschnittenen Mantel. Es ist nicht spät, aber sie sieht extrem müde aus. Als ich sie über Teller voll Reis, Suppe, Salat und Gemüse in Tomatensauce frage wie es ihr ihr geht, zuckt sie mit den Schultern lächelt und sagt "elhamdülillah, es geht", und dass sie müde ist. Seit sieben Uhr morgens wäre sie unterwegs und an der Uni gewesen. Ich denke nicht weiter drüber nach und erst als wir auf dem Weg nach Hause sind, und ich noch mal nachfrage, rückt sie mit der Sprache raus.
"Kein Wort hab ich verstanden"
Kezban studiert Agrarwissenschaften und in einer ihrer Arbeitsgruppen an der Uni ist heute etwas passiert. Sie erzählt, wie sie eine ihrer österreichischen Kommilitoninnen nicht verstanden und nachgefragt hat. "Sie hat es dann noch mal, noch schneller und total undeutlich gesagt", erzählt Kezban. "Kein Wort hab ich verstanden. Sie macht das immer so. Ich glaube, sie macht das extra. Ich glaube, sie hat was gegen mich." Ich widerspreche, meine, dass das doch auch Zufall gewesen sein könnte, dass sie das nicht zu schwer nehmen soll, dass sie nächstes Mal eben ein zweites Mal nachfragen soll.
"Die sind immer so zu mir"
Wir laufen weiter durch die Straßen Wiens und es dauert eine Weile bis ich merke, dass Kezban neben mir weint. "Es ist immer so, Lieselotte. Die sind immer so zu mir." Ich denke an die Erfahrungen, die ich in den letzten Monaten mit Wienern machen durfte. Wenn die bei ihr an der Uni nur halb so unhöflich sind, wie der Durchschnitt derer, die mir hier so jeden Tag über den Weg laufen - auweia. Und ich fühle mich sicher hier, bin der Sprache mächtig, geb Kontra, wenn es sein muss. Kezban - nein, Kezban macht das nicht. Sie ist zu Gast hier, seit vielleicht zwei Jahren im Land, ein wohlbehütetes, gut erzogenenes türkisches Mädchen - sie wird denen nicht zeigen, wo der Hase rennt.
"Immer muss ich besser sein"
Kezban weint. "Weißt du, zu Hause, da war ich eine der besten. Ich habe die Prüfungen zur Hochschulzulassung als eine der Landesbesten bestanden, und dann das Stipendium für das Studium in Österreich bekommen, Deutsch gelernt. Und jetzt bin ich hier und kann die Sprache immer noch nicht richtig und kann mich nicht richtig ausdrücken und fühle mich dumm, so dumm. Immer muss ich besser sein als die anderen. Es ist so schwer." Ich nehme sie in den Arm, rede ihr gut zu, sage, dass das doch ganz normal ist bei einem Auslandsstudium, dass das am Anfang allen so geht. Und gleichzeitig bin ich wütend auf Leute wie diese dumme kleine Studentin bei ihr an der Uni, die vielleicht ihr Leben noch nicht aus Österreich rausgekommen ist, aber meint, sie wäre was besseres als Kezban - ohne zu wissen, wer sie ist und was sie kann.
Verrückte Welt
Verrückte Welt. Kezban, die zu Hause eine der besten ist - fühlt sich hier wie ein Niemand. Das Mädchen an ihrer Uni, das vielleicht vor Begeisterung die Augen aufreißen würde, wenn ihr jemand ein Studium im Ausland anbieten würde ("Auslandsstudium - aaah!") guckt auf Kezban, die genau das macht, herunter ("Kopftuchtürkin - iiih!"). Und Kezban, die mindestens genauso viel, vielleicht sogar mehr als dieses Mädchen draufhat, traut sich nicht, den Mund aufzumachen - wegen einer doofen Sprachbarriere und weil ihr beigebracht wurde, dass sich das nicht gehört.
Drei Jahre noch
Drei Jahre, drei lange Jahre in Österreich hat Kezban noch vor sich. Sie wird es schaffen, da bin ich mir sicher, wird weitermachen, einfach immer weitermachen. In drei Jahren hat sie dann - inshaallah - ihr Diplom in der Hand und geht wieder nach Hause, wo anerkannt wird, was sie geleistet hat. Das habe ich ihr gesagt, und Kezban nickte und lächelte, da weinte sie schon nicht mehr, und ich wusste, dass es das war, was sie am Laufen hielt.
Montag, 27. Februar 2012
Katharina
Katharinas Tod war ein Schock.
Sonntag, 26. Februar 2012
Abschied
Meral geht. Nach zehn Jahren in Österreich, zehn Jahren in einem fremden Land, in dem sie vielleicht doch irgendwie auch zu Hause war, packt sie ihre Sachen, Kleider, Küchengeräte, Möbel, die Spielsachen ihrer Tochter, bald soll es losgehen. Einen halben Laster haben Sie zusammen mit einer befreundeten Familie gemietet, das muss reichen. Meral und die kleine Sena fahren morgen los, ihr Mann bleibt noch drei Wochen, dann kommt auch er nach.
Ich wusste, wir wussten alle, dass sie bald geht. Wohin, das weiß sie selbst noch nicht so genau. Die Familie kommt vom Schwarzen Meer, sie gehen jetzt erst einmal in den Süden, aber wollen letztendlich wahrscheinlich etwas in Ankara finden. EineTelefonnummer oder Adresse hat sie noch nicht, aber sie verspricht, sich zu melden.
Zehn Jahre waren sie hier. Sie haben beide studiert, Meral ist mit ihrer Promotion fertig geworden, ihr Mann ist es bald. Deutsch haben sie gelernt, Meral spricht es fließend, fast fehlerfrei, und sich mit dem Leben im fremden Land arrangiert. Freunde gefunden, die Tochter ist hier groß geworden, spricht genauso gut Deutsch wie Türkisch. "Im Kindergarten haben sie alle geweint. Sogar eine der Tanten", erzählt Meral. Nur ein bisschen älter als das Lieschen ist Sena.
Abends, im Wohnheim, ist Meral noch einmal zum Abschiednehmen vorbei gekommen. Umarmungen, Meral weint, die Adressen sind schon ausgetauscht, man wünscht sich alles Gute. Jemand macht einen Scherz, erzählt eine Geschichte von früher, alle lachen. Die Mädchen reden auf Türkisch durcheinander, Meral sagt etwas auf Deutsch. Spät ist es geworden und sie muss nach Hause, morgen geht es früh los.
Mittwoch, 15. Februar 2012
Ismete
Ismete lebt seit anderthalb Jahren in Wien. Dass sie aus Mazedonien kommt, darauf muss man erst mal kommen. Mit ihrem typisch türkisch gebundenen Kopftuch könnte man sie ohne Weiteres für eine Anatolierin halten.
Studentin der Islamischen Theologie
In Wien studiert sie Islamische Theologie, macht hier einen Master. Den ersten Abschluss hat sie im Kosovo erlangt. Mit dem Studium in Österreich ist sie nicht so richtig zufrieden. "Es geht nur um Kritik am Islam", sagt sie rollt genervt mit den Augen. "In Bezug auf theologische Fragen habe ich in den letzten anderthalb Jahren hier an der Uni nichts gelernt. Warum heißt es dann Islamische Theologie und nicht Kritische Islamwissenschaften - oder so?"
Zwischen Wien, Zagreb und Mazedonien
Ismete ist Ende Zwanzig und verheiratet. Ihr Mann kommt wie sie aus Mazedonien. Er studiert in Kroatien, bereitet sich dort auf seine Promotion vor. In welchem Fach habe ich sie nie gefragt. Sie pendelt zwischen Wien und Zagreb, jetzt in den Ferien ist sie wieder bei ihm.
Mehrsprachig
Neben Deutsch, was sie fließend spricht, beherrscht sie Albanisch und Mazedonisch - was für eine Angehörige der albanischen Minderheit in Mazedonien nichts außergewöhnliches ist. Außerdem ist ihr Türkisch perfekt, sie hat die Sprache in Mazedonien gelernt und im Wiener muslimischen Mädchenwohnheim perfektioniert.

Zukunftspläne: Deutschland...
Ihre Masterarbeit plant sie, zur Behandlung des interreligiösen Dialogs in islamischen Schulen in Österreich und Mazedonien zu schreiben. Was danach kommen soll? Vielleicht eine Promotion. Aber nicht in Österreich. Viel lieber will sie dafür nach Deutschland - "dort ist man im Bereich Islamische Theologie schon viel weiter als in Österreich. Wir haben hier in Wien einen Professor in dem Fachbereich..." Immer wieder bekomme ich mit, dass sie gerade wieder an einem Konferenzbeitrag arbeitet.
...oder doch UK? Und Kinder!
Auch ein Promotionsstudium in Großbritannien könnte sie sich vorstellen. Sie überlegt schon, demnächst bald einen Englischkurs zu machen, um ihr Englisch (das jetzt schon gut ist) auf Vordermann zu bringen. Kinder will sie auch mal - später irgendwann.
Was gesehen
Beim Tee erinnert sie sich an die Reise, zu der sie als community leader aus dem multiethnischen Mazedonien vor einigen Jahren von der US-Regierung zu einer Rundreise durch Amerika eingeladen wurde. Sie zählt die Städte auf, die sie im Zuge dieser Reise gesehen hat. "Mein Mann hat in Nordamerika studiert, aber er sagt selbst immer, dass ich definitiv mehr von den USA gesehen habe als er", sagt sie, lacht, und nimmt noch einen Schluck Tee.
Mittwoch, 5. Oktober 2011
Von Ilyas
Als ich Ilyas in Frankreich kennen lernte, war er 18, einige Jahre jünger als ich. Wir studierten an der selben Universität in Frankreich und er war einer der wenigen anderen Muslime, so haben wir uns kennen gelernt. Er wurde einer meiner besten Freunde dort. Als ich fragte, woher seine Familie stammte, sagte er: "Ich bin Syrer", dabei hatte er den Großteil seines Lebens in Frankreich verbracht. Ein Jahr war er, als seine Eltern mit ihm nach Europa gekommen waren. Dass er in Damaskus geboren war, erzählte er mir voller Stolz. Seine Eltern waren Ärzte und lebten mit ihren drei Söhnen und der Tochter in einer kleinen Stadt im Norden Frankreichs. Ilyas besuchte sie an den Wochenenden. Ilyas war intelligent, gebildet, höflich, gutaussehend - wie stolz sie auf ihren ältesten Sohn sein mussten.
Hochschulengagement vom Regime nicht gern gesehen
Als ich an der Uni eine Hochschulgruppe gründen wollte, war Ilyas von der Idee begeistert und sagte mir seine Hilfe zu. Gemeinsam mit einer Reihe anderer Kommilitionen arbeiteten wir an der Idee und wollten unsere Gruppe gerade bei der Universitätsverwaltung anmelden - was nötig war, um als offizielle Studentengruppe der Uni anerkannt zu werden -, als Ilyas mir plötzlich erklärte, dass er zwar gerne weiter mit uns arbeiten würde, sein Name aber in keinem Fall auf der Webseite der Gruppe oder der Universität vermerkt sein dürfte. Sein Vater hatte ihn daran erinnert, dass er aus Syrien stammte und dass die Familie in enorme Schwierigkeiten kommen könnte, falls Ilyas Name in Verbindung mit einer Hochschulgruppe im Ausland im Internet zu finden sei. So kam es, dass nicht Ilyas sondern zwei weitere Freunde von mir mit mir gemeinsam als offizielle Gründer unserer Gruppe bei der Hochschulverwaltung registriert wurden.
Sein Heimatland im Kriegsfall verteidigen
Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen, aber irgendwann meinte Ilyas, dass, wenn jemals ein Krieg gegen Syrien geführt werden würde, er natürlich in sein Heimatland, wie er es nannte, fahren würde und sich an seiner Verteidigung beteiligen würde. Da saßen wir in der Mensa einer französischen Universität, neben uns seine besten Freunde Eloise, Anna und Mathieu, die gerade mit uns in der Vorlesung gewesen waren, und unterhielten uns auf Französisch über die Möglichkeit eines Krieges im Nahen Osten und dass er, Ilyas, der Franzose, in diesem Falle die Heimat seiner Eltern mit der Waffe in der Hand verteidigen wollte. Surreal? Ja, ein bisschen schon.
Krise im Nahen Osten
Ein paar Monate später war ich im Nahen Osten, nicht in Syrien, aber nicht weit von dort. Das Thema überall war der neuste bewaffnete Zusammenstoß an der Grenze zwischen Israel und dem Libanon. "Und", fragte meine Freundin Lana ihren Bekannten Mahmoud, mit dem wir auf der größten Einkaufsstraße der Stadt unterwegs waren, "was glaubst du, wenn das Ganze so weiter geht, meinst du, die Syrer greifen auch ein?" Mahmoud lachte und sagte schnell etwas auf Arabisch. Lana nickte und sah ihn an. Ich bat um Übersetzung und als sie mir erklärte, was er gesagt hatte, glaubte ich für einen Moment, nicht atmen zu können: "Wir fragen uns alle, warum die Syrer nicht schon längst eingegriffen haben". Ich dachte an Ilyas, wie jung er war, und dass er, falls es zu einem Krieg zwischen Israel und Syrien kommen sollte, vielleicht wirklich glauben würde, das Land, dass er tatsächlich doch nur aus den Sommerferien kannte, als Soldat verteidigen zu müssen. Mir war schlecht und auf Einkaufen hatte ich keine Lust mehr.
Volksaufstand in Syrien
Dass alles ist Jahre her. Ilyas ist in der Zwischenzeit älter als ich es damals war. Er hat sein Studium beendet, sich für einen Ausbildungslehrgang zum Beamten beworben, in den er aufgenommen wurden, eine Prüfung nach der anderen bestanden und wird in einigen Jahren wohl in irgend einem Ministerium für Frankreich, sein Land, arbeiten. Und dann war plötzlich tatsächlich Krieg in Syrien. Das syrische Volk lehnte sich endlich, endlich gegen das Regime auf, dass es seit Jahren unterdrückte hatte und ich dachte, beschäftigt mit Studium, Arbeit und Familie, nicht gleich an Ilyas. Erst als sich die Berichte aus Syrien sich häuften, fiel er mir ein und was er damals gesagt hatte.
Cousin verhaftet, Nachbar ermordet
Aber Ilyas fuhr nicht zum Kämpfen nach Hause. Er saß zu Hause vor dem Fernseher und Computer, sah sich Nachrichtensendung über Nachrichtensendung, Youtube-Video über Youtube-Video, Zeitungsartikel über Zeitungsartikel durch. Ein Cousin wurde verhaftet, der nächste, ein Freund aus Kindestagen, und er konnte nur hoffen, dass sie Folter und Erniedrigungen entgehen würden und bald freigelassen werden würden. Wenn ich in den Nachrichten von der Ermordung noch eines Regimekritikers hörte, las ich nicht viel später, dass Ilyas die Familie seit Jahren kannte, es Nachbarn waren, er mit den Söhnen als Kind gespielt hatte.
Vor dem Bildschirm...
Ilyas ging auf Demos in Frankreich, eröffnete einen Twitter-Account und postete regelmäßige Updates zu den Entwicklungen in Syrien und der Region. Welche Freude, als Ben Ali, der Diktator, Tunesien verlassen musste! Welche Erleichterung, als Mubarak, auch der ein Diktator, abdanken musste! Ungläubig verfolgte er das Vorstoßen von Rebellen und westlichen Allierten in Lybien - aber was war mit Syrien? Seit Monaten wurden die Proteste des Volks nun fortgeführt, seit Monaten antwortete das Regime auf jeden Widerspruch mit brutalster Gewalt - und Ilyas konnte nicht viel mehr tun, als die Geschehnisse zu Hause vor dem Bildschirm mitzuverfolgen.
...bis nachts um drei
Ein Video von der Hinrichtung eines syrischen Journalisten durch regimenahe Sniper, auf das er auf Youtube gestoßen war, veröffentlichte er, noch eins, auf dem nächsten war es ein kleines Mädchen, dass durch einen Bauchschuss ums Leben gekommen war, dann eine alte Frau, deren Blut die Straße tränkte, noch ein Video und noch eins und noch eins, und ich sah ihn nicht, aber ich wusste, wie er sich quälte, konnte mir vorstellen, wie er glaubte, all diese Filme zu sehen, um, wenn er doch letztendlich nicht viel ausrichten konnte, wenn er nicht in Syrien, nicht bei seinen Freunden, seinen Nachbarn, seiner Familie war, doch wenigstens so am Geschehen zu sein, mitzufühlen, bei ihnen zu sein. Ich wollte ihm sagen, dass er das lassen sollte, dass er sich informieren und Nachrichten sehen konnte, aber dass bis spät in die Nacht Hinrichtung über Hinrichtung auf dem Bildschirm zu verfolgen, keinem der Menschen dort helfen würde. Ich wollte es ihm sagen. Und habe nichts gesagt.
Mittwoch, 7. September 2011
Hümeyra
Hümeyra ist Mitte Zwanzig. Sie ist in [Stadt in Deutschland] geboren und hat einen Bruder, der ein Jahr älter ist als sie. Ihre Großeltern waren vor Jahren aus dem Osten der Türkei nach [Stadt in der Westtürkei] gekommen. Auf der Suche nach Arbeit kam ihr Großvater vor Jahrzehnten dann nach Deutschland. Holte seinen Sohn, als die Situation in der Türkei nach einem der Putsche für junge Leute gerade mal wieder unsicher aussah, nach. Und schließlich auch die junge Frau des Vaters. Sechzehn war sie, als sie heiratete; er nur ein Jahr älter als sie.
Schwieriger Start
Es muss schwierig gewesen sein für Hümeyras Mutter, damals in den ersten Jahren. Jung war sie, so jung, mit zwei kleinen Kindern, in einem fremden Land, mit zwei Männern, die bis vor kurzem auch noch Fremde waren für sie. Sie blieb bei den Kindern zu Hause, aber als sie in der Schule waren, begann sie, Deutsch zu lernen und ihren Realschulabschluss nachzuholen. Sie bekam eine Stelle bei der Deutschen Bank und arbeitete sich in den nächsten Jahren langsam hoch. Ihr Mann hätte in der Türkei vielleicht studiert. Hier, in Deutschland, musste er arbeiten, um seine Familie durchzukriegen. Er ist bis heute Lagerarbeiter.
Erster Schritt: Abitur
Hümeyras Bruder kam aufs Gymnasium. Er hatte dort aber Schwierigkeiten und wurde schließlich wieder zurückgestuft. Die Erfahrung wollte Hümeyras Mutter nicht noch einmal machen und schickte ihre Tochter gleich auf die Realschule. Im Nachhinein glaubt Hümeyra, dass das ein Fehler war. Sie hatte auf der Realschule ausgezeichnete Noten, aber der Übergang zum Gymnasium fiel ihr schwer. Mit viel Fleiß, Durchsetzungswillen und Unterstützung von Freunden hat sie es dennoch geschafft.
Zweiter Schritt: Studium
Nach dem Abitur begann sie Physik und Musik auf Lehramt zu studieren. Sie schaffte das Studium in der Regelstudienzeit, machte nebenbei noch eine Ausbildung in Montessoripädagogik und absolvierte Praktika an einer der renommiertesten Privatschulen ihrer Stadt. In der Zwischenzeit hatte sie Yasin kennen gelernt. Der hatte Ingenieurwissenschaften studiert, noch ein bisschen Zeit bis zum Studienabschluss und studierte deshalb ein halbes Jahr Spanisch in Madrid.
Englisch lernen in Cambridge
Etwas später planten Hümeyra und Yasin ihre Verlobung. Zu dem Zeitpunkt waren die Familien bereits involviert. Hümeyra war es wichtig, vor der Verlobung, sie war gerade mit dem Studium fertig geworden, für einige Zeit ins Ausland zu gehen. Sie wollte ihr Englisch verbessern. Yasins Eltern waren von der Idee nicht angetan, aber schließlich setzte Hümeyra sich durch und fuhr für zwei (oder waren es drei?) Monate zum Englisch lernen nach Cambridge.
Wie weiter?
In der Zwischenzeit sind Hümeyra und Yasin seit einigen Jahren verheiratet. Sie hat ihr Referendariat absolviert und anschließend eine Stelle gefunden. Nebenbei macht sie einen Master in Islamischer Religionspädagogik. Yasin steht kurz davor, seine Promotion zu Ende zu bringen. Er war in der Vergangenheit oft frustriert gewesen, in Deutschland immer noch "der Türke" zu sein und hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, in die Heimat seiner Eltern zurück zu gehen. Jetzt besteht für ihn eventuell die Möglichkeit, für einige Zeit an eine der besten Universitäten in seinem Fach in den USA zu gehen. Wenn er dort war, stehen ihm, aus akademischer Sicht, alle Türen offen. Hümeyra überlegt schon, ob sie ihn dann dorthin begleiten wird oder lieber ihrer Stelle zuliebe in Deutschland bleiben soll. Reizen würde sie es schon, eine Zeit in den USA zu leben, und mit ihm zusammen zu sein, ist ihr wichtig - ihr Job aber auch.
Montag, 22. August 2011
Rubina (02)
- 22. Ramadan -
Man sieht sie immer wieder in London, die Frauen mit Niqab. Vor allem natuerlich in den Stadtvierteln, in denen der Grossteil der Londoner Muslime lebt. Das ist vor allem im Osten, aber teilweise auch im Norden und Sueden der Stadt. Aber auch im Westen laufen einem immer wieder Frauen mit Gesichtschleier ueber den Weg - beim Shoppen auf der Einkaufsstrasse Oxford Street oder in einem der grossen Londoner Parks.
Mit Niqab in London unterwegs
Wie es fuer sie ist, mit Niqab in London unterwegs zu sein, frage ich meine Kommilitonin Rubina. "Oh", meint sie, "ich bin in Ostlondon gross geworden - von daher war das nie ein Problem". Ja, hat sie denn gar keine schlechten Erfahrungen gemacht? Kam nie ein bloeder Spruch? Schiefe Blicke? "Ja, Blicke vielleicht", sagt Rubina, "aber sonst?" Und dann faellt ihr doch ein, wie sie einmal auf der Strasse als "Briefkasten" beschimpft wurde. "Das war schlimm", meint sie - nicht so sehr wegen der Beleidigung, sondern, wie sie mit einem Laecheln hinzufuegt, weil sie so gerne etwas zurueckgerufen haette ("ist ja nicht so, dass ich dazu nichts zu sagen gehabt haette"), sich aber gleichzeitig an den islamischen Grundsatz, dass der Kluegere nachgibt, halten wollte.
Heiratsantrag per E-Mail
Vor anderthalb Jahren, mit 20, hat Rubina geheiratet. Ihren Mann hat sie in einem Kurs zu islamischem Recht kennen gelernt, an dem sie teilgenommen hat und den er unterrichtete. Sie hatte eine Frage, stellte sie ihm per E-Mail und sie schrieben sich eine Weile hin und her. Als das Ganze offizieller wurde, unterstuetzte ihre Familie sie sehr. "Mit seiner Mutter war das schon schwieriger", erklaert Rubina, "wir stammen zwar auch aus [Land in Suedasien], kommen aber aus einem anderen Teil des Landes - das wollte sie nicht". Nach einer Weile gab seine Mutter ihnen doch ihren Segen.
Kinder nicht vor 30
"Ich wollte eigentlich nie heiraten", sagt Rubina, "und Kinder kriegen erst recht nicht". Das will sie immer noch nicht. Jedenfalls nicht vor 30. Wenn sie ihr Studium hinter sich gebracht und ein paar Jahre studiert hat, dann - ja, vielleicht. "Und was sagt dein Mann dazu?", frage ich sie mit grossen Augen, weil ich mir nicht so Recht vorstellen kann, dass ein [suedasiatischer] religioeser Mann seines Alters (er ist jetzt 27) keine Kinder haben moechte. Rubina lacht: "Der hat nur gemeint: 'Gut Schatz, wenn du das willst, machen wir das so'".
Kulturelle Unterschiede
Zurzeit leben die beiden bei seiner Mutter. Das ist nicht leicht fuer Rubina, die sich nie haette denken koennen, bei ihrer Schwiegerfamilie zu leben, und die kulturellen Unterschiede sind beachtlich, aber so lange sowohl ihr Mann als auch sie noch Studenten sind, koennen sie sich eine eigene Wohnung nicht leisten. Wie Rubina hat auch ihr Mann erst spaeter mit seinem Studium der Medizin, das er zurzeit absolviert, begonnen. Vorher hat er islamische Theologie studiert, erst an einer englischen Schule, dann an der Al-Azhar in Kairo.
"Ich bin nicht extremistisch"
"Was mich am meisten stoert", sagt Rubina, "ist wenn die Leute denken, weil ich Niqab trage, bin ich Extremistin. Das ist nicht so. Ich bin nicht radikal, ich bin nicht extrem, ich bin keine Salafistin oder was-weiss-ich. Ich mache das, weil ich es moechte und weil es mir wichtig ist, aber nicht, weil ich extremistisch bin oder denke, dass alle, die kein Kopftuch oder keinen Niqab tragen, schlechte Menschen sind. Ich bin nicht extremistisch oder so."
Sonntag, 21. August 2011
Firas
- 21. Ramadan -
Oder: Klischees zertruemmern
Firas stammt aus dem Iran. Er ist in [Stadt im Iran] geboren, kam aber schon als Kind nach Deutschland. Er litt an einer seltenen Atemswegserkrankung, die im Iran nicht behandelt werden konnte. Oder vielleicht schon - aber die Chancen als Bahai im Iran adaequate medizinische Betreuung zu erhalten, waren gering. Was tun? Als sich die Moeglichkeit auftat, zur Behandlung nach Deutschland zu gehen, zoegerten seine Eltern nicht lange. Zwar wussten sie nicht, was in dem fremden Land auf sie wartete, aber dass das ihre Chance war, waren ihnen klar. Firas wuerde behandelt werden koennen und vielleicht bestuende auch die Moeglichkeit, zu bleiben. In Deutschland wuerde ihr Sohn Moeglichkeiten haben, von der der Grossteil der Iraner nur traeumen konnten. Er wuerde, ohne Steine in den Weg gelegt zu bekommen, studieren koennen. Ein normales Leben fuehren.
"Damit werdet ihr gehen koennen"
Dass die Familie die medizinisch notwendige Reise womoeglich zur Auswanderung nutzen koennte, war auch den iranischen Behoerden klar. Zur Absicherung verlangten sie die Zahlung eines Pfandes. Das Geld hatten Firas' Eltern nicht und der Traum von der geplanten Ausreise schien vor ihren Augen zu platzen. Bis Firas' Onkel seinem Vater die Besitzurkunde seines Hauses in die Hand drueckte: "Da nimm, damit werdet ihr gehen koennen". Firas' Vater wies das Dokument von sich: "Spinnst du? Nimm das zurueck! Du weisst doch genau, dass wir zu 95 Prozent nicht zurueckkommen werden. Willst du dein Haus verlieren?" Firas' Onkel liess nicht nach, die Urkunde wurde bei der iranischen Behoerde hinterlegt und einige Wochen spaeter machten Firas und seine Eltern sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft.
Sie sind nicht wieder zurueck gekommen
Sie sind nicht wieder zurueck gekommen. Fuer Firas' Eltern war es nicht leicht, die fremde Sprache, ein neues Land. Ihre Ausbildungen wurden in Deutschland nicht anerkannt und die Jobs, die sie hier in Deutschland haben, haetten sie im Iran im Traum nicht gemacht. Wenn ich sie heute fragen wuerde, ob sie es bereut haben, damals hierher gekommen zu sein, wuerden sie die Frage wahrscheinlich trotzdem verneinen. Sie sind nicht fuer sich, sondern wegen ihres Sohnes nach Deutschland gekommen. Um ihm die medizinische Behandlung und die Zukunft zu ermoeglichen, die ihm im Iran verwehrt geblieben waeren.
Ein deutscher iranischer arabophoner Bahai
Firas wuchs in Deutschland auf, spricht, schreibt, denkt heute auf Deutsch. Seine Verbindung zu der Region, aus der er stammt, ist nie abgebrochen. Waehrend des Studiums legte er Auslandssemester in drei Laendern im Nahen Osten ein, lernte Tuerkisch und Arabisch und schrieb seine Abschlussarbeit an der Uni zum politischen Islam. Dass er kein Muslim ist, verstehen, wenn er dort unterwegs ist, viele der Menschen im Nahen Osten nicht: "Aber du siehst doch aus wie einer von uns! Du sprichst doch Arabisch!" Sein Studium hat er seit einer Weile abgeschlossen und seitdem einen Job an einer US-amerikanischen Uni als Dozent in Islamwissenschaften angeboten bekommen. "Da freu ich mich schon drauf", schmunzelt er, "schoen ein bisschen Klischees zertruemmern".
Samstag, 6. August 2011
Deniz
- 6. Ramadan -
Oder: Wie aus einer anderen Zeit
Es war ein Nachmittag im Juli und das Lieschen und ich waren in der [Stadt in Deutschland]er Fussgaengerzone unterwegs. Schon von Weitem hoerten wir die Musik und in einer Einkaufspassage standen sie: ein Geiger, ein Tubist und drei Akkordeonspieler, eine Gruppe aus Russland, um die sich eine Gruppe von begeisterten Passanten sammelten. Klassische Musik, die mit einem Ausdruck und einer Staerke gespielt wurden, wie man es nicht oft zu hoeren bekommt. Unter den Zuschauern fiel er mir schon gleich zu Beginn auf: heller Strohhut auf grauem Haar, ein leichter beiger Mantel ueber dem dunkelblauen Dreiteiler, apart sah er aus, wie aus einer anderen Zeit.
"Efendim?"
Als ich ihn anspreche und frage, ob er wuesste, was die Gruppe spiele, versteht er mich nicht und nach dem zweiten Nachfragen meint er dann: "efendim?". "Na toll, der denkt, dass ich Tuerkin bin und mein Deutsch so miserabel ist, dass er seine Sprachkenntnisse aus dem letzten Tuerkeiurlaub herauskramen muss", denke ich mir, aber dann meint die Frau neben ihm, weisshaarig, dass das Verdi sein muesste - oder doch Mozart?
Deutschtuerkisch
Jetzt sieht er mich an und fragt mich, ob ich Deutsche sei. Ich bejahe und tue das, was ich immer mache, wenn mir jemand diese Frage nach meiner Herkunft stellt: Ich frage ihn, woher er kommt. Als er "ich bin Tuerke" anwortet, kann ich es erst gar nicht glauben. Er spricht perfektes Deutsch, drueckt sich so gewaehlt, so geschliffen aus, wie ich es von vielen Muttersprachlern nicht kenne und hat zwar einen ganz zarten Akzent - aber typisch Tuerkisch ist der nicht. Er habe in Aachen Maschinenbau studiert und dann jahrelang als Ingenieur gearbeitet.
Kinderfragen
Er nickt Richtung Lieschen und fragt, ob ich nur ein Kind habe. Ich sage das, was ich immer sage, wenn mir jemand diese Frage stellt: "Ja, und das reicht auch erst mal, eins ist wirklich mehr als genug zurzeit". Er widerspricht mir. Nein, er sei Einzelkind gewesen und sein Sohn auch, und er habe sich immer eine Schwester gewuenscht. Seinem Sohn haette es auch gut getan, noch jemanden zum Spielen zu haben. 30 sei sein Sohn in der Zwischenzeit, ein ganz toller Kerl. Einen 1,2er-Durchschnitt habe er im Abi gehabt, dann Informatik studiert, spiele Geige und Klavier und spreche fuenf Sprachen ("ausser Deutsch natuerlich"): Englisch, Franzoesisch, Spanisch, Latein ("Latein kann er auch sehr gut") und Tuerkisch. Ausserdem sei er Schachmeister.
Tuerkischer Vater, rechtsradikaler Stiefsohn
Er sei, erzaehlt der Mann, mit einer Deutschen verheiratet gewesen. Die Ehe sei jedoch vor einiger Zeit geschieden worden. Seine Frau habe einen Sohn mit in die Ehe gebracht, der dann "leider rechtsradikalen Tendenzen unterlegen ist. Das gab Reibungen in der Ehe und war mit einer der Hauptgruende fuer unsere Trennung." Er deutet an, dass es zu Handgreiflichkeiten kam und merkt an, dass sein Sohn und er bis heute an dieser Geschichte litten. Der Mann mit Strohhut und im blauen Anzug, der klassische Musik so gerne mochte, war also nicht nur Tuerke, sondern hatte zudem noch einen rechtsradikalen Stiefsohn? Ich konnte es nicht glauben und bemuehte mich, mein Staunen darueber, was fuer Geschichten das Leben schreibt, waehrend er weiter erzaehlte, zu verbergen.
"Mit engen Verbindungen zum letzten Sultan"
Schachmeister sei nicht nur sein Sohn sondern auch sein Vater gewesen, erzaehlt der Mann im blauen Anzug weiter. Medizin und Philosophie habe der studiert, damals in den 1920ern im Osmanischen Reich ("das Osmanische Reich, das kennen Sie doch?"), Geige und Klavier gespielt, komponiert, Gedichte geschrieben ("ueber 600") und acht Theaterstuecke verfasst ("vier davon aufgefuehrt"). Sechs Jahre sei er mit Agnieszka verlobt gewesen, die die Tochter aus einer Ehe zwischen einer polnischen Adeligen und dem Oberbefehlshaber der osmanischen Armee ("mit engen Beziehungen zum letzten Sultan und dem Koenigshaus") war.
Heirat mit einem polnischen Adeligen
Agnieszka hatte in Warschau und Budapest Klavier und Geige studiert. Die Verbindung zwischen ihr und dem Vater des Mannes im blauen Anzug musste geheim bleiben ("ihre Mutter ahnte vielleicht, was dort vor sich ging, aber offiziell war das nicht"), bis sie schliesslich nach sechs Jahren erklaerten, dass sie heiraten wollten. Drei Wochen vor der geplanten Hochzeit eroeffnete die Mutter ihrer Tochter dann, dass sie nach Warschau zu reisen habe. Auf ihre Nachfrage, erklaerte sie ihr, dass sie dort einen polnischen Adeligen heiraten werde. Agnieszka widersprach, erklaerte, dass sie sie ihren Verlobten heiraten wollte, verweigerte Essen und Trinken - aber nichts half, sie musste nach Warschau und wurde dort verheiratet.
Istanbul Love Story
Vier Wochen spaeter war sie wieder in Istanbul, weggelaufen von einem Mann, mit dem sie nicht leben wollte, zurueckgekommen zu dem Mann, mit dem sie ihr Leben teilen wollte. Die Mutter tobte, drohte ihr mit Enterbung und dem Entzug aller Titel - was Agnieszka nicht kuemmerte - letztendlich setzte die Mutter sich durch, sie schickte ihre Tochter zurueck nach Warschau. Dreieinhalb Monate spaeter war die junge Frau wieder in Istanbul. Dieses Mal liess die Mutter sie mit Gewalt zurueck zu ihrem Mann bringen ("von drei Maennern, die sie trugen"). Sein Vater, so erzaehlte der Mann im blauen Anzug, hat danach nie wieder etwas von Agnieszka gehoert.
Ein Kind
Er sei, so der Mann, danach in eine tiefe Depression gefallen. Zwei Jahre lang wollte sein Vater nichts und niemanden sehen, Hunderte von Gedichten und Musikstuecken habe er in der Zeit verfasst, immer mit der gleichen Widmung: Fuer Agnieszka. Eine befreundete Familie schlug seinen Eltern schliesslich vor, ihn mit ihrer Tochter zu verheiraten. Er lehnte ab, meinte, dass keine so schoen und gebildet wie Agnieszka sein wuerde. Die Hochzeit kam schliesslich doch zu stande, trotz der erheblichen Standesunterschiede, wie der Mann im blauen Anzug erklaerte, "die Frau hatte nur die Realschule abgeschlossen". Ein Kind ging aus der Ehe hervor, dass war er. Aber als er nur drei Monate alt war, wurde die Ehe geschieden, und er wuchs bei den Eltern seines Vaters auf.
Auf Wiedersehen
Ploetzlich stoppt die Musik, die vier russischen Musiker haben aufgehoert zu spielen. Die Frau, in deren Begleitung der Mann im blauen Anzug in die Passage gekommen war, kommt auf uns zu. Mit einem Laecheln streckt sie mir ihre Hand entgegen und stellt sich als Irena vor. Jetzt hoerte ich auch bei ihr einen ganz zarten Akzent heraus. Als ich ihr meinen Namen sage, moechte sie wissen, was er bedeutet. Ich erklaere es ihr, und dann entsteht eine kleine Pause. Ich sehe zu dem Mann im blauen Anzug und frage ihn, wie er heisst: Deniz. Ich laechele, er laechelt, und zum Abschied schuetteln wir uns die Hand. Sie wuenschen mir alles Gute, ich ihnen auch, dann drehen sie sich weg, sie hakt sich bei ihm ein und sie verschwinden in der Masse der Menschen, die an diesem Julinachmittag in der Einkaufsstrasse in [Stadt in Deutschland] unterwegs sind.
Samstag, 25. Juni 2011
Mariko
Seit das Lieschen da ist, überlege ich mir vor einem Vorstellungsgespräch nicht mehr nur, was meine drei Stärken und Schwächen sind und wo ich mich in fünf Jahren sehe, sondern auch, wie ich meinem Gesprächspartner klar machen kann, dass ich den Job auch mit Kind hinbekommen kann. Ich dachte immer, das sei wichtig - Mariko hat es ganz anders gemacht.
Die letzten
Mariko ist Ende Dreißig, ich kenne sie aus dem Kindergarten, wo wir jeden Abend beide unsere Kinder abholen. Meistens sind wir zwei die letzten. Wenn ich komme, sitzt Mariko dann schon auf einer der kleinen Bänke in der Affengruppe und das Lieschen und Marikos Tochter Nami toben noch ein letztes Mal durch den Raum. Irgendwie kriegen wir es dann hin, dass die beiden ihre Schuhe und Jacken anziehen und mit uns los und Richtung U-Bahn und Bus kommen.
Japan - Spanien - London - Österreich
Mariko kommt aus Japan. Sie lebt schon seit Jahren in Europa. Zurzeit studiert sie in London an einer der besseren Unis Management. Ihr Mann ist Spanier. Nami wächst dreisprachig auf: Mariko spricht Japanisch mit ihr, ihr Mann Spanisch und im Kindergarten lernt sie Englisch. Unter der Woche arbeitet Marikos Mann in Österreich, er ist nur am Wochenende in London. Von Sonntagabend bis Freitagmorgen ist Mariko mit Nami alleine.
Vorstellungsgespräch
Letztens auf dem Nachhauseweg erzählte Mariko von einem Vorstellungsgespräch, das sie am selben Tag gehabt hat. Eine mittelgroße japanische Beratungsfirma sei das gewesen, die jetzt auch ein Büro in London aufgemacht hätten. Dass es eine mittelgroße Firma sei, habe ihr gut gefallen: "Ich habe lange genug für große Firmen gearbeitet, das wäre zur Abwechslung mal ganz gut", meint sie.
"Meinen Sie, Sie kriegen das hin?"
Dann erzählt sie, wie das Gespräch gelaufen ist. Was die gefragt haben. Was sie gesagt hat. "Und dann, am Ende habe ich gesagt: 'Ich muss Ihnen jetzt noch eine Frage stellen. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das so politisch korrekt ist, aber das muss gesagt werden'". Ich dachte erst, ich hätte mich verhört und ihr wäre eine politisch nicht korrekte Frage gestellt worden. Aber dann fährt sie fort: "Und dann habe ich gesagt: 'Schauen Sie, ich habe eine Tochter, die in den Kindergarten geht. Hier in Europa, denke ich, kann man da Unterstützung von seinem Arbeitgeber für die Kinderbetreuung verlangen. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie da ein bisschen flexibel sind. Das heißt nicht, dass ich den Job nicht machen kann oder nicht voll dabei sein kann. Aber manchmal wird es Ausnahmesituationen geben - und da müssen Sie dann flexibel sein. Meinen Sie, Sie kriegen das hin?"
Einen Schritt
Ich konnte nicht mehr. Erst konnte ich nicht glauben, dass sie ihm das tatsächlich so gesagt hat. Dann musste ich, die Situation im Kopf, lachen. Marikos Gesprächspartner in der Beratungsfirma muss ziemlich perplex gewesen sein. Mariko lachte laut auf: "Und der war Japaner! Bei uns ist das kulturell doch noch viel stärker verwurzelt, dass der Mann arbeiten geht und die Frau zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert... Aber ich habe ihm ganz klar gesagt, schauen Sie, Sie können eine qualifizierte Mitarbeiterin gewinnen, mit Jahren an Erfahrung in Europa - aber dann müssen Sie auch einen Schritt auf mich zukommen."
Ich auch
Als der Mann von der Beratungsfirma sich gefangen hatte, erzählte, dass er selbst einen dreijährigen Sohn habe. Und bot Mariko den Job an.
Freitag, 10. Juni 2011
Federico
Ein Italiener in London
Federico kommt aus Italien. Seit letztem Sommer studiert er in London - und findet es schrecklich. Das Wetter, das Essen, das anstrengende Studium und so lange von seiner Mamma weg sein, das ist es einfach nicht. "Meine Freunde schreiben jeden Tag auf Facebook, wie toll es heute wieder am Strand war", mault er, "und ich hocke hier in London."
Nord - Sued
Federico stammt aus einem kleinen Ort an der Kueste im Sueden Italiens. Sein Vater ist Mathematiker, die Mutter stammt aus einer traditionell kommunistischen Familie und ist gleuhende Feministin und Anti-Berlusconi-erin. Studiert hat Federico in Neapel. Erst Geschichte und Politik und danach, einen Master, Internationale Beziehungen. Als es darum ging, sich ein Thema fuer seine Bachelorarbeit zu ueberlegen, war Federico sich sicher, ueber die Kolonialisierung des Suedens Italiens durch den Norden schreiben zu wollen. Begeistert erzaehlte er seinem Professor von seiner Idee, bis der ihn stoppte: "Hoert sich super an! Schreiben wirst du allerdings zur italienischen Aussenpolitik nach 1945."
Gibt's nicht
Waehrend seines Masterstudiums konzentrierte Federico sich auf Lateinamerika. Als er fertig war, ueberlegte er sich, was jetzt kommen sollte. Jobs ausserhalb des Tourismus gibt es in seinem Heimatort kaum. Federico ueberlegte sich, sich fuer eine Promotion zu bewerben. In Neapel war das nicht moeglich. "Promovieren solltest du auf jeden Fall", riet ihm sein Professor. "Aber bei mir wird das nichts. Ich habe nicht die politischen Beziehungen, die es braeuchte, um an Foedermittel zu kommen." Die Regierung hatte gerade einen Grossteil der Mittel fuer die Hochschulbildung gestrichen.
Was es gibt
Ein Stipendium fuer eine Promotion im Ausland bekam Federico nicht, und ohne Foerderung war ein noch einmal Jahre dauerndes Studium nicht drin. Fuer ein einjaehriges Masterstudium in London gab es aber Foerderung. Mit einem Vollstipendium ausgestattet reiste Federico etwas spaeter also nach Grossbritannien. Bisher war er nur zu zwei Uniexkursionen im Ausland gewesen: einmal in Irland ("war wie in London"), einmal in Griechenland ("ziemlich das Gleiche wie in Italien").
Zurueck nach Italien?
Wie es nach dem Studium weiter gehen soll, weiss Federico nicht. "Ich halte es nicht mehr aus", stoehnt er, "ich muss zurueck nach Italien." Vom Wetter, dem Essen und der Lebensart abgesehen geht es ihm vor allem um seine Mutter: "Sie wird jetzt langsam alt, und ich bin nicht da fuer sie - das ist nicht gut", meint er. Beruflich Fuss zu fassen wird im Sueden Italiens schwierig werden. Federicos Schwester hat vor zwei Jahren ihr Jurastudium mit exzellenten Noten abgeschlossen - und ist seitdem arbeitslos. Nach Norditalien, wo es noch eher Arbeit gaebe, will er nicht: "da kann ich ja gleich im Ausland bleiben."
Nur fuer ein paar Jahre
Und im Ausland bleiben? Wenigstens fuer ein paar Jahre? "Nein", er schuettelt den Kopf, "ich weiss, wie das ist. Man sagt, man geht nur fuer ein paar Jahre, aber wenn man dann erst mal einen Job hat und Geld verdient, dann bleibt man auch. Kommt jeden Sommer zurueck nach Hause und weint sich die Augen aus dem Kopf, dass man nicht mehr da ist. Nein."
Mittwoch, 8. Juni 2011
Sophia
Deutsche in London
Sophia hat in Deutschland eine Ausbildung zur Hotelfachfrau abgeschlossen und arbeitet jetzt in London in einem Hotel. Es gefaellt ihr ganz gut dort, aber es nervt sie, staendig auf ihre Herkunft aus Deutschland angesprochen zu werden. "Staendig diese Nazi-Witze", meint sie entnervt, "ja, ich komme aus Deutschland, aber verdammt, der Zweite Weltkrieg ist jetzt ueber fuenfzig Jahre vorbei, ich war damals noch gar nicht geboren, meine Eltern auch nicht - also, was sollen diese Sprueche die ganze Zeit?".
Fremde in Deutschland
"Ich wollte immer auswandern", faehrt sie fort, "aber seit ich im Ausland lebe, ist mir klar, wo ich hin gehoere. Ein paar Jahre mache ich das hier noch, vielleicht gehe ich auch noch mal fuer ein Weilchen nach Frankreich, aber danach bin ich wieder in Deutschland, das ist klar." Sophias Mutter kommt aus Marokko, ihr Vater aus Frankreich. "Ich bin in Deutschland gross geworden, aber irgendwie habe ich mich immer fremd gefuehlt dort. Irgendwie war ich anders."
Rotblonde Araberin
Dabei sieht man Sophia ihr Fremdsein nicht an: Sie hat rotblonde Haare, hellbraune Augen, ganz helle Haut. Auch ihr Name ist unauffaellig. "Das hat mich immer so aufgeregt, wenn mir die Leute dann nicht glauben wollten, dass mein Name Arabisch ist", meint sie, "klar, ich weiss, Sophia kommt aus dem Griechischen, aber im Arabischen gibt es den auch! Wie die Leute immer geguckt haben, wenn ich ihnen gesagt habe, dass meine marokkanische Grossmutter den fuer mich ausgesucht hat..."
Sprachen
Arabisch spricht sie nicht. "Als ich klein war, hat meine Mutter Arabisch und Franzoesisch mit mir gesprochen und ich konnte beides - wie das bei kleinen Kindern in dem Alter aber eben so ist, habe ich alle Sprachen gemixt - Deutsch, Arabisch, Franzoesisch. Dann kam ich in den Kindergarten und die Kindergaertnerinnen haben meiner Mutter Panik gemacht und meinten, dass ich spaeter mal kein ordentliches Deutsch sprechen wuerde." Das wollte Sophias Mutter nicht und von da an sprach sie mit dem Kind nur noch Deutsch. Heute spricht Sophia akzentfrei Deutsch, aber nur gebrochen Franzoesisch und Arabisch versteht sie nur ein bisschen. "Mach bloss den Fehler mit dem Lieschen nicht", meint Sophia zu mir und schuettelt den Kopf: "Kinder lernen so schnell und mit der richtigen Unterstuetzung wird das auch mit drei Sprachen was!"
Donnerstag, 19. Mai 2011
Gregor
Gregor habe ich im Jemen kennen gelernt. Er hat dort als einer der wenigen (westlichen) Auslaender in einem international gesponsorten Projekt gearbeitet. Sein Team bestand ausschliesslich aus Arabern. "Du glaubst nicht, wie schnell ich hier fliessend Arabisch konnte", meinte er lachend. In Deutschland hatte Gregor Islamwissenschaften studiert, waehrend des Studiums und danach mehrere Praktika und Jobs in der arabischen Welt gemacht und sprach die Sprache so bei seiner Ankunft im Jemen ganz passabel.
Islamwissenschaften, vorher und danach
"Als ich in den 1990ern begonnen habe, Islamwissenschaften zu studieren", konnte das keiner verstehen. "'Ja, was willst du denn damit?' war so ziemlich die haeufigste Frage, die ich zu meinem Studienfach zu hoeren bekam", erklaerte er mir. "Nach dem 11. September 2001 war das ploetzlich anders. Da war das auf einmal kein Thema mehr: 'Ach, Islamwissenschaften studierst du? Ja ja, schon klar, verstehe.'"Sana'a - Aden
Zum ersten Mal hatte ich Gregor in Sana'a, der Hauptstadt des Jemens getroffen. Sana'a liegt auf einem Hochplateau und kuehlt so selbst im Sommer abends immer wieder ab. So kann man mit den Temperaturen leben. Aden hingegen, wo ich Gregor das naechste Mal sah, liegt am Meer, am Golf von Aden, wo die Hitze und vor allem die Luftfeuchtigkeit unertraeglich ist. Er kam mir auf dem Anwesen seines Arbeitsgebers in langen Jeans, einem T-Shirt und barfuss entgegen geschlurft. Hier schien alles ein bisschen lockerer zu sein als in Sana'a, der Hauptstadt.
Ein Land, zwei Laender
Der Jemen war, aehnlich wie Deutschland, jahrzehntelang in zwei Republiken geteilt: die Jemenitische Arabische Republik im Norden, die Volksdemokratische Republik Jemen im Sueden. Waehrend der Norden traditionalistisch ausgerichtet war, ging es im Sueden sozialistisch zu: zwei vollkommen unterschiedliche Wege, die die beiden Landesteile eingingen.
Der Sueden kam im 19. Jahrhundert unter britischen Einfluss. Aden war einer der wichtigsten Hafen des Empires und Umschlagplatz fuer den Handel zwischen Indien und dem Mittelmeerraum, der ueber den neueroeffneten Suezkanal lief. In den 1930ern wurde Aden zur Kronkolonie erklaert, doch lange sollte es seinen besonderen Status nicht halten. Als 1967 im zuge des Sechstagekriegs der Suezkanal geschlossen wurde, hatte das drastische Auswirkungen auf die Stadt Aden, die fuer den internationalen Handel ploetzlich entbehrbar geworden war. Der Suezkanal wurde zwar Jahre spaeter fuer die internationale Schifffahrt wieder geoeffnet, da war Aden aus internationaler Sicht jedoch bereits ziemlich in der Bedeutungslosigkeit versunken.
Heute
Nach dem Abzug der Briten wurde der Suedjemen sozialistisch, mit allen Auswirkungen, die das auf eine Gesellschaft damals hatte. Noch heute gibt es im Sueden des Jemens, der im Vergleich mit den anderen arabischen Staaten als einer der traditionalistischsten gelten muss, Menschen, die mit Traditionen und vor allem Religion nur wenig am Hut haben, die eben in einem sozialistischen Land gross geworden sind. Im Stadtbild Adens wird das zum Beispiel daran deutlich, dass mehr Frauen als im konservativen Norden nur Hijab aber keinen Gesichtsschleier tragen.
Nicht weit von Afrika
Die Atmosphere in der einst so bedeutenden Stadt war eine ganz andere als in Sana'a. Die erschlagende Hitze und Luftfeuchtigkeit in Aden liessen alles langsamer und wie durch einen Schleier erscheinen. Alte, in der Zwischenzeit ziemlich heruntergekommende Kolonialbauten standen zwischen nicht ganz so alten, aber ebenso heruntergewirtschafteten Plattenbauten aus der Zeit des Sozialismus. Ich hatte staendig diesen Spruch vom "morbiden Charme" einer Stadt im Kopf. Dass Afrika nur einige Kilometer entfernt auf der anderen Seite des Golfs von Aden lag, war schon daran zu erkennen, dass viele der Menschen auf der Strasse dunkler waren als im groesstenteils arabischen Sana'a.
Kaum Auslaender
Es gab einige von Chinesen gefuehrte Restaurants, aber sonst kaum Auslaender in der Stadt, vor allem keine "Westler". In einem arabischen Restaurant sass einmal am Tisch neben uns eine Gruppe junger Palaestinenser, von denen manche ein Studium im Jemen finanziert bekommen. Beliebt sind die palaestinensischen Studenten im Jemen nicht, weil sie viel weniger traditionell als die meisten Jemeniten sind. Ich wusste damals schon, wie das Leben in einer palaestinensischen Stadt aussah und konnte mir vorstellen, wie fremd sich diese jungen Palaestinenser hier fuehlen mussten.
Rubina (01)
An meiner Uni in London gibt es zwei Studentinnen mit Niqab. Eine davon ist Rubina aus London, sie ist 21. Ihre Eltern kamen vor Jahren aus [Land in Suedasien] nach Grossbritannien. Der Vater war Taxifahrer, die Mutter ist Hausfrau. Ihre Mutter hat sich fuer ihre Toechter immer gewuenscht, dass sie sich spaeter mal auf ihre Familie konzentrieren. Es war Rubinas Vater, der sie ermutigt hat, zu lernen, zu studieren.
Niqab
Rubinas Mutter traegt Niqab - aus kulturellen Gruenden, wie Rubina meint - und wuenschte sich das auch fuer ihre Tochter. Vollverschleierung? Fuer Rubina kam das nicht in Frage. Es war erst, als sie sich persoenlich mit den theologischen Gruenden, die hinter dem Schleiertragen stehen, auseinander setzte, dass sie eine Logik darin sah. "Es machte Sinn", meint Rubina. "Wenn es darum geht, dass man seine Schoenheit bedecken soll - das Schoenste an einem Menschen ist doch sein Gesicht". Von ihren Schwestern ist Rubina, die die Niqab immer abgelehnt hat, heute die einzige, die ihn traegt.
12 Jahre
"Ich habe dann mit 12 Jahren begonnen, Niqab zu tragen." Mit zwoelf?? "Ja, ich war schon immer sehr weit fuer mein Alter." Rubina ging damals auf eine Maedchenschule und hatte fast nur weibliche Lehrkraefte. Insofern blieb der Gesichtsschleier den groessten Teil des Tages nach hinten geschlagen. An der Schule war man "nicht begeistert" von Rubinas Entscheidung, "sie konnten aber nichts dagegen tun", wie Rubina mit einem Laecheln meint.
Abitur, Arbeit, Studium
Nach dem Abitur begann Rubina erst einmal zu arbeiten. "Wo?", frage ich unglaeubig und versuche darauf zu kommen, welcher Arbeitgeber eine Frau mit Gesichtsschleier einstellen wuerde. "Im Telefonmarketing", erklaert Rubina, "da kam es nur auf die Stimme an" - und da ist es wieder, dieses Laecheln. Arbeiten und fuer eine Weile Geld verdienen war gut, aber letztendlich wollte Rubina mehr. Sie bewarb sie sich fuer einen Studienplatz in Soziologie und wurde an einer der besten Universitaeten des Landes angenommen.
...und danach?
Sie weiss, dass es - selbst in Grossbritannien - nicht leicht sein wird fuer sie, nach Abschluss ihres Studiums eine qualifizierte Arbeitsstelle zu finden. Ein Job in der Entwicklungszusammenarbeit haette sie interessiert. Aber passt das zusammen? Wer stellt schon eine vollverschleierte Entwicklungshelferin ein? "Ich koennte Lehrerin werden, an einer islamischen Schule zum Beispiel", meint Rubina und verdreht die Augen. "Das will ich nicht. Ich will mich nicht nur in diesen Kreisen bewegen. Ich will kein Leben fuehren, das sich nur um den Islam dreht. Ich will einfach nur ein ganz normales Leben haben."
Gefaehrlich
Ausserdem, fuegt sie hinzu, einen Job als Lehrerin faende man zwar vielleicht als Niqabtraegerin an einer islamischen Schule, aber dann wuerde es sicherlich Probleme mit ihrem Studienfach geben: "Soziologie. Das unterrichten die doch nicht. Himmel nein, da wird man ja zum eigenen Denken aufgefordert - gefaehrlich", sagt sie und lacht.
Sonntag, 17. April 2011
Dunia
Dunia ist 22 Jahre alt. Sie ist Libanesin, weil ihre Eltern von dort stammen. Sie ist aber auch Britin, weil sie lange Jahre in Grossbritannien gelebt hat. Aufgewachsen ist sie in einer ganzen Reihe von Laendern, vor allem im Nahen Osten, aber auch in Europa. Dunias Vater ist Professor, so kam die Familie ziemlich herum. Dunias Englisch hat einen leicht amerikanischen Einschlag - ich vermute, das kommt von den Schulen, die sie im Ausland besucht hat. Heute lebt sie in London, wo sie Wirtschaftswissenschaften und Umweltpolitik studiert.
Der Sommer vor fuenf Jahren
Auch wenn sie nie dort gelebt hat, ist Dunia, seit sie ein kleines Kind war, jeden Sommer in den Libanon gefahren, um dort die Ferien mit ihren Grosseltern, Tanten, Onkeln, Cousins und Kusinen zu verbringen. So auch damals, im Sommer vor fuenf Jahren. Der Sommer vor fuenf Jahren, das war der Sommer 2006, als wieder einmal ein israelisch-arabischer Krieg ausbrach. Dieses Mal war es wieder ein Libanon-Krieg. Glaubt man den einen, waren am Ausbruch des Krieges die Israelis Schuld, hoert man auf die anderen, war es der Fehler von Hisbullah-den Libanesen-Palaestinensern-Arabern.
Krieg
Dunia flog mit ihrem Bruder in den Libanon. Und ploetzlich war da Krieg. Bombardements, Schuetzenfeuer, man schlief in voller Montur, weil es ja immer sein koennte, das man ploetzlich aufstehen und rennend aus Haus verlassen musste. "Einmal kamen die Bomben so nahe, dass wir aus dem Haus mussten. Wir rannten auf die Strasse, mein Cousin wurde vor meinen Augen von einem Bombensplitter getroffen", erzaehlt Dunia und ich versuche, diese Beschreibung mit dem Bild des huebschen, dezent geschminkten Maedchen, das in Jeans und Kopftuch vor mir steht, zusammen zu bringen. Das passt nicht.
"Ich wollte nicht weg"
"Meine Familie wollte, dass mein Bruder und ich uns evakuieren lassen. Das waere kein Problem gewesen, weil wir ja unsere britischen Paesse hatten. Aber ich wollte nicht weg. Wie haette ich den Libanon verlassen koennen, wo doch meine Familie, meine Grosseltern, meine Tanten und Onkels, alle dort waren? - Meine Grosseltern weigerten sich sowieso, ihr Haus zu verlassen. 'Wir lassen nicht zu, dass hier ein zweites Palaestina passiert', meinte mein Grossvater - er hatte Angst, dass die Israelis einmarschieren koennten und sie die Fluechtlinge dann nicht mehr zurueck in ihre Haeuser lassen wuerden."
Etwas Gutes?
"Es hatte auch etwas Gutes. Das hoert sich irre an, oder: 'Der Krieg hatte auch etwas Gutes'. Es hat mich veraendert, ich war danach nicht mehr die Gleiche. Am Anfang hast du noch Angst, dass du sterben koenntest, aber irgendwann ist es dir egal. Man macht halt normal weiter und denkt sich: 'Na und, dann sterb ich halt'."
Vier Wochen
Der Libanonkrieg vom Sommer 2006 dauerte fast genau einen Monat. Vier Wochen, das war auch die Zeit, die Dunia jeden Sommer im Libanon verbrachte. Als der Krieg vorbei war, flog sie wieder zurueck nach Hause. Nach vier Wochen, die alles veraendert hatten.
Samstag, 16. April 2011
Alice
Ein Abend im Sommer
Alice ist ungefaehr so alt wie ich. Wir haben im gleichen Jahr Abi gemacht und haben gemeinsame Freunde. Kennen gelernt haben wir uns erst in den letzten Wochen an der Schule, als wir schon gar keinen Unterricht mehr hatten, sondern irgendwo zwischen Pruefungen und Abschlussfeier schwebten. Es war nur ein Abend, aber wir hatten uns gleich gut verstanden. "Schade, dass wir uns erst jetzt kennen gelernt haben", meinte Alice beim Abschied. Sie wollte in ein paar Wochen nach Israel gehen, um dort fuer ein Jahr Hebraeisch zu lernen.
In Israel
Alice ist nach Israel gegangen, hat Hebraeisch gelernt und Yuval kennen gelernt. Yuval war juedisch wie sie und lebte in Israel. Alice verliebte sich und beschloss, zu bleiben. Wenig spaeter heirateten sie und Yuval. Als Juedin war es fuer sie kein Problem, die israelische Staatsbuergerschaft zu bekommen. Sie begann ein Studium an einer der Unis im Lande. Das Studium hat sie in der Zwischenzeit abgeschlossen. Sie hat gearbeitet und jetzt erwartet sie ein Kind.
Muslimin, Islamistin, Israelhasserin?
Ich habe sie nicht mehr gesehen seit diesem ersten Abend irgendwann im Sommer vor Jahren, als sie wir uns kennen lernten. Muslimin war ich schon damals, aber das wusste fast keiner. Seit ich mit Kopftuch deutlich als solche erkennbar war, war ich so manchem der gemeinsamen Bekannten, die Alice und ich hatten, und deren Freunden suspekt. War sie Muslimin, Islamistin, Israelhasserin? Es war deutlich, wie schwer es vielen von ihnen fiel, mich einzuordnen. Mit Alice habe ich nicht darueber gesprochen - wieso auch: wir waren nie Freunde gewesen, und konnten es aufgrund der raeumlichen Distanz auch nicht werden - aber ich befuerchtete, dass sie mein Muslimsein aehnlich sehen wuerde.
Eine Sicht auf den Konflikt
Und dann tauchten auf ihrer Facebook-Seite ploetzlich immer wieder Links zu islamfeindlichen Artikeln und Videos auf. Wann immer es zu einem Konflikt zwischen Israel und seinen Nachbarstaaten kam, konnte ich an Alices Kommentaren sehen, dass sie den in Israel dominanten Diskurs vollkommen aufgenommen hatte: Israel ist die einzige Demokratie im Nahen Osten, Schuld am Konflikt sind die Araber und Palaestinenser sind Terroristen. Selbstkritik oder auch nur die geringste Empathie fuer die andere Seite fehlte voellig.
Alice ist nicht von dort
Das mag verstaendlich sein bei jemandem, der in Israel gross geworden ist, dort immer gelebt hat, aber Alice ist nicht von dort. Sie kommt aus Europa, sie kommt aus Deutschland, aus der gleichen Stadt wie ich, wo uns schon, bevor wir in der Schule waren, eingetrichtert wurde, common knowledge kritisch zu hinterfragen. Alice hat in [Stadt in Deutschland] muslimische Freunde, sie kennt die und weiss, dass nicht jeder Muslim oder Araber ein Israelifresser ist.
Warum nicht?
Wie es trotzdem sein konnte, dass sie den in Israel dominanten Diskurs so uebernehmen konnte, verstehe ich nicht. Sie kam von draussen, sie haette es anders sehen koennen. Warum nicht? Ich wuerde sie gerne fragen, aber ich zoegere, sie zu fragen, weil ich befuerchte, dass sie mich als eine von den anderen sieht - und ausserdem, weil wir uns ja eigentlich gar nicht richtig kennen.
Samstag, 2. April 2011
André
Interessant
André habe ich in der Unibibliothek kennen gelernt. Ich saß an einem der Computer und schrieb gerade - an einer Bewerbung, einem Essay über den Kosovokrieg, das Daytonabkommen in Bosnien-Herzegovina - so genau weiß ich das nicht mehr. Da sprang mir von seinem Bildschirm das Wort "Beirut" entgegen. "Oh, interessant", dachte ich mir, "über was schreibt der denn?", und schaute noch mal hin. Irgendwas mit dem Libanon - Mann, waren meine Augen wieder schlechter geworden?
Peinlich
Und er drehte sich um. Sah mich an. Schnell, bevor es peinlich werden konnte (das ist ja jetzt nicht wirklich sehr ladylike, seinem Tischnachbarn quer über die Schulter zu lesen...), fragte ich, über was er denn da schreibe. Über den Libanon. Er wollte sich für ein Forschungsstipendium im Libanon bewerben, ein paar Wochen, diesen Sommer. Das war das Antragsschreiben.
Wie die Eltern, so der Sohn...
Und wir kamen ins Gespräch. Sozialanthropologie studierte er. Ich hatte es mir schon fast gedacht (der Akzent!), aber als ihn jemand auf Französisch ansprach, war klar: Der junge Mann ist auch Franzose. Den Rest des Gesprächs führten wir halb auf Französisch, halb auf Englisch - sehr angenehm war das, immer schnell in die Sprache wechseln zu können, in der man das Zu-Sagen-Wollende gerade besser ausdrücken konnte. Ich erzählte in von meinem Studium in Frankreich und er meinte gleich, da habe seine Mutter auch - vor Jahren - ihren Abschluss bekommen. Der Vater, ein Libanese, hat an einer der Eliteuniversitäten im Libanon studiert - kein Wunder, dass Söhnchen jetzt an einer der besseren Unis Englands studiert. Wie die Eltern, so der Sohn?
Von der gleichen Schule
Und dann kam wieder jemand an unserem Tisch vorbei, begrüßte André - in der Zwischenzeit hatte ich mitbekommen, dass das sein Name war - stürmisch auf Französisch und fragte ihn gleich nach der letzten club-Nacht aus. Noch jemand kam dazu, die Diskussion wurde aufgeregter und lauter - ganz Französisch eben - und als die beiden weg waren und ich zu André meinte, dass es an dieser Uni ja wirklich nicht viele Franzosen gebe, sie sich - das hatte ich schon vor Wochen bemerkt - aus irgend einem Grund aber in dieser Ecke der Bibliothek geradezu tummelten, nickte er zustimmend und sagte: "Wir kennen uns schon seit Jahren, wir kommen alle von der gleichen Schule".
So läuft Elite: Mama und Papa Absolventen der Superunis, Söhnchen auf die richtige Schule geschickt. Und so geht das dann immer weiter.
Montag, 28. März 2011
Mina
Neuanfang
Minas Großeltern kamen - vor Jahrzehnten - als palästinensische Flüchtlinge nach [Land im Nahen Osten]. Ihrem Großvater ging es besser als anderen, mit viel Ausdauer und etwas Glück hat er sich im neuen Land hochgearbeitet. Geldsorgen hatte die Familie nicht. Minas Mutter studierte Architektur und begann eine erfolgreiche Karriere. Sie baute unter anderem einen der Paläste für die Königsfamilie in [noch ein Land im Nahen Osten].
Vom Nahen Osten nach Nordengland
Minas Vater, einen Arzt, lernte sie auf der Hochzeit von gemeinsamen Freunden kennen. Etwas gefiel ihr an dem jungen Mann, der an seiner Universität als Vorbeter das Gemeinschaftsgebet leitete. Die beiden heirateten und verließen etwas später [Land im Nahen Osten]. Im Ausland kümmerte sich Minas Vater kaum noch um seine Religion, Minas Mutter schon. Als das erste Kind unterwegs war, legte Minas Mutter ihre Karriere auf Eis. Minas Vater begann, sich auf ein eher außergewöhnliches Gebiet der Medizin zu spezialisieren und die Familie lebte in den nächsten Jahren in einer ganzen Reihe von Ländern: in Schottland, Saudiarabien, den USA - bevor sie sich schließlich auf Dauer im Norden England niederließen.
Wie es nach dem 11. September war
Mina wuchs in einem upper-class Vorort von [Stadt in Nordengland] auf. Sie war auf ihrer Schule - bis auf ein Mädchen aus China und eins aus Jamaika - die einzige mit ausländischen Wurzeln. "Vor dem 11. September habe ich mich als Engländerin, als Weiße gesehen", meint Mina heute. Dann kamen die Anschläge vom 11. September 2001, Mina war elf Jahre alt, und alles änderte sich. Ihre Mutter wurde wegen ihres Kopftuchs auf offener Straße angepöbelt und beleidigt. Minas neuer Spitzname in der Schule war Osama Bin Laden. "Ich wurde für etwas verurteilt, an das ich selbst gar nicht so richtig geglaubt habe", meint Mina heute.
Teenagerzeit
Sie interessierte sich für Philosophie und Religion. Als Kind hatte sie viel Zeit alleine verbracht, zu Hause mit ihren Romanen, jetzt begann sie, Theater zu spielen. Sie wurde das Stottern los, mit dem sie jahrelang gekämpft hatte. Ihr Freundeskreis erweiterte sich und eigentlich hatte sie jetzt alles, wovon sie als Kind immer geträumt hatte. Aber etwas fehlte, und das fand sie schließlich in der Religion ihrer Mutter, die für sie immer der Inbegriff einer selbstbewussten, würdevollen Frau gewesen war.
Studienjahre in London
Mina war 17, fast 18, als sie begann, Kopftuch zu tragen. Ihr Vater war dagegen, er meinte, so verbaue sie sich Chancen. Etwas später bekam sie eine Zusage von einer der besten Unis des Landes, Jura sollte sie studieren, in London. "An der Uni hatte ich zum ersten Mal muslimische Freunde", erklärt Mina, "das kannte ich vorher nicht". Nach drei Jahren Studium trennen sie jetzt nur noch ein paar Prüfungen von ihrem Abschluss. Danach will sie erst mal arbeiten, wahrscheinlich für eine Nichtregierungsorganisation im Bereich Menschenrechte.