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Samstag, 30. Juni 2012

Biester

Interessanten Artikel zum Thema Kindererziehung im Netz gefunden. Drüber nachgedacht. Teilen gewollt.

Voilà: "Spoiled Rotten".

Freitag, 13. April 2012

Letztens gelesen (21)

Brenda Kinsel: Fashion Makeover. 30 Days to Diva Style. San Francisco: Chronicle Books, 2007.

Ich habe mich lange nicht die Bohne für Mode interessiert. Für schöne Kleidung schon, aber wenn ich ein paar schöne Stücke im Kleiderschrank hatte, dann war auch gut. Im Leben wär ich nicht darauf gekommen, Bücher (oder Blogs) über Mode und Stil zu lesen. Darüber, was ich gerne trage, welche Farben mir stehen und wie ich aussehen will, habe ich, nachdem das Lieschen da war, plötzlich begonnen, mir mehr Gedanken zu machen. Ob das mit der neuen Rolle als Mutter, meinem fortschreitenden Alter oder sonstigen Umwelteinflüssen zu tun hat, dürft ihr gerne philosophieren.

Jedenfalls kam es so, dass ich das Buch, als ich es auf dem 1 EUR-Wühltisch lag, nicht gleich wieder aus der Hand legte. Die Idee hinter dem wirklich sehr schön gestalteten Buch mit den tollen, farbigen Skizzen ist es, dem Leser zu helfen, herauszufinden, welche Farben, Schnitte und Stile ihm (ihr) stehen. Konzipiert hat die Autorin dafür ein umfassendes 30-tägiges Programm - was mir dann doch ein bisschen zu viel des guten war (außerdem ging mir das etwas zu sehr herauskommende klischee-Amerikanische der Autorin, die doch tatsächlich von Botox, Formunterwäsche, "Makeup muss sein" und anderen Dummheiten anfing), aber ein paar Anregungen dazu, wie man darauf kommt, was einem steht und wie man aussehen will, finden sich in dem Buch dann doch.

Sonntag, 8. April 2012

Letztens gelesen (20)

Kirsten Boie: Ringel Rangel Rosen. Hamburg: Friedrich Oetinger, 2010.

In der Siedlung am Damm lebt die 13-jährige Karin mit ihrer Familie. Sie und die anderen Bewohner der Siedlung, Ausgebombte und Vertriebene, wurden nach dem Krieg in die behelfsmäßig gebauten Häusern einquartiert. Karin und ihre Freundin verbringen einen Großteil des Sommers am Wasser, laufen barfuss durch die Siedlung und lesen in der Bibliothek heimlich Bücher über "so Judensachen", ein Thema, das zu Hause gemieden wird. Die Familie schafft sich den ersten Fernseher an und Nachbarn und Freunde versammeln sich bei Salzstangen und Käsehäppchen bei ihnen zu Hause.

Dann kommt, im Februar 1962, die Flut und zerstört alles, Karins Zuhause, ihre Kinderheit. Was wahrscheinlich so oder so gekommen wäre, die Abnabelung vom Elternhaus und die zunehmende Infragestellung des "Wir haben nichts von den Verbrechen während des Naziregimes gewusst", kommt plötzlich - wie eine Welle. Ein toller Roman, über Heimat, Familie, deutsche Geschichte und das Erwachsenenwerden, und ganz bestimmt nicht "nur" ein Kinderbuch.

Mittwoch, 4. April 2012

Letztens gelesen (19)

Jean-Louis Fournier: Wo fahren wir hin, Papa? München: dtv, 2008.

Daran, wie es wäre, wenn das eigene Kind mit einer Behinderung zur Welt kommt, denkt wohl jeder während der Schwangerschaft einmal nach, verliert zumindest einen Gedanken an die Möglichkeit. Jean-Louis Fournier und seine Frau bekommen ein Kind mit Behinderung und kurz darauf, als sie sich auf ein "normales" Kind freuen, noch eins. Beide Kinder sind schwer geistig und körperlich behindert. In Wo fahren wir hin, Papa? erzählt Fournier vom Leben mit seinen Söhnen, und das auf seine ganz eigene, direkte, ehrliche und ganz bestimmt nicht politisch korrekte Art.

Wie er Witze auf Kosten seiner Söhne macht, hat viele Leser bestürzt und das Buch erhielt, als es erschien, harsche Kritiken. Fourniers Exfrau sah sich gezwungen, eine dementierende Webseite zu eröffnen, auf der sie ihre ganz andere Sicht der Dinge darstellte. Dabei ist es vielleicht genau das, was Fourniers Kritiker verkannten: dass er einfach nur eine andere Sicht, seine Sicht auf das Leben mit seinen Söhnen hatte und dass seine Art, darüber zu schreiben, seine Weise war, mit dem umzugehen, auf das kaum einer von uns vorbereitet ist: dem Leben mit einem geistig und körperlich schwer behinderten Kind.

Montag, 2. April 2012

Letztens gelesen (18)

Anna Sam: Die Leiden einer jungen Kassiererin. München: Riemann, 2009.

Die Leiden einer jungen Kassiererin (Oder Les tribulations d'une cassière wie die französische Originalausgabe betitelt war) hat vor einigen Jahren für Trubel in den deutschen, und davor den französischen Medien gesorgt. Der Inhalt ist schnell zusammen gefasst: Junge Literaturstudentin findet sich, wegen Geldnot, an Supermarktkasse wieder. Zieht nicht nur Chipstüten, Nudelpackungen und Pralinenschachteln über den Scanner, sondern beobachtet nebenbei ihre Umgebung so genau, dass sie nach einiger Zeit mit viel Witz, Scharfsinn und einer großen Portion Zynismus ihre Erfahrungen in Texte fassen kann, die sie auf einem Blog veröffentlicht. Blog wird so erfolgreich, dass ein Buch draus wird. Und wir haben jede Menge Spaß (und vielleicht sogar die ein oder andere Einsicht, denn Anna Sams Texte sind nicht nur lustig sondern auch kritisch) beim Lesen.

Samstag, 31. März 2012

Letztens gelesen (17)

Petra Hammesfahr: Das letzte Opfer. Reinbek bei Hamburg: Rowohl Taschenbuch, 2004.

Ein Krimi, mit dem ich zunächst nicht viel anzufangen wusste. Die Handlung spielt irgendwo in der westdeutschen Provinz, beginnt in den 1970ern und 80ern (demnach tummeln sich massenweise Karen, Norberts, Markos und Michaele auf den ersten Seiten), bis man schließlich in der Gegenwart ankommt. Ziemlich lange passiert nichts, stattdessen wird das stinknormale Leben der Protagonisten in einem kleinen Ort in der Nähe von Köln beschrieben. Besonders beklemmend wirkt die Situation einer der Hauptfiguren, der als Kind alle Türen aufzustehen schienen, bis eine Begebenheit, die sie selbst nicht verschuldet hat, ihr alles verbaut. Der extrem blutige Prolog und das Wissen, dass sich hinter der beschriebenen spießbürgerlichen Kulisse Grauenhaftes versteckt, hält trotz der sich sehr ziehenden ersten Kapitel die Spannung. Wie am Ende schließlich alle Fäden zusammen kommen und (fast) nichts so ist wie es schien ist genial.

Donnerstag, 29. März 2012

Letztens gelesen (16)

Robert Gernhardt: Später Spagat. Frankfurt / Main: Fischer Taschenbuch, 2008.

Robert Gernhardt ist, zusammen mit Erich Fried, einer meiner Lieblingsdichter. Es gibt kaum eine Zusammenstellung seiner Bücher, die ich nicht gut finde, bei der ich beim Lesen nicht laut auflache, staune über seine Sprachfertig- und Gewitztheit. Dass man so schreiben kann! Sein letzter Gedichtband, Später Spagat (der Dichter starb 2006 in Frankfurt am Main) steht seinen Vorgängern in nichts nach. Was diesen letzten Band besonders macht, ist, dass Gernhardt sich in einigen der abgedruckten Gedichten mit dem Krebs, mit dem er kämpfte und dem er erlag, auseinandersetzt. Das tut er, wie er auch sonst seine Gedichte schreibt, mit einer sprachlichen Genauigkeit, Gewalt, Gewindigkeit, und hier zudem noch Ehrlichkeit, die nicht die Schmerzen, nicht die Angst, die Angst vor dem Tod auslässt - dass es einen sprachlos lässt.

Dienstag, 27. März 2012

Letztens gelesen (15)

Janusz Leski / Dieter Saldecki: Janna. Bindlach: Loewe, 1989.

Es gibt Kinderbücher, die können gut und gerne auch Erwachsene lesen. Janna ist so ein Buch. Es spielt in einem polnischen Dorf der 1920er, und dreht sich um zwei verfeindete Kinderbanden; einen Ring, der magische Kräfte haben soll; ein Pferdewettrennen, das mit unlauteren Mitteln gewonnen wird; ein dunkles Geheimnis, von dem alle wissen, aber über das keiner spricht; und die ersten Boten der Moderne, nämlich ein Flugzeug und elektrisches Licht, die im Dorf Einzug halten. Ende der 1980er wurde eine deutsch-polnische TV-Serie gleichen Namens produziert, zwei Filme gibt es anscheinend auch. Lesenswert - auch für Erwachsene.

Sonntag, 25. März 2012

Letztens gelesen (14)

Rike Drust: Muttergefühle. Gesamtausgabe. München: C. Bertelsmann, 2011.

In "Muttergefühle. Gesamtausgabe" schreibt Rike Drust, wie es ihr erging, als ihr Sohn Oskar (2) zur Welt kam. Nein, wie es ihr erging, seitdem sie schwanger war, denn es geht ja vorher schon los: die Gedanken, die man sich vorher im Leben nie gemacht hätte (Gläschenbrei oder selbstgekocht? Karotte oder Pastinake?), die neuen Themen, zu denen man plötzlich Expertenwissen aufbaut (Listeriose, Babyled Weaning, Töpfchentraining), die ungewollten Ratschläge, oft in "Fragen" verpackt, die einem Fremde aufdrängen ("ist dem Kleinen nicht kalt?").

Einen ehrlichen Elternratgeber hätte sie gesucht, schreibt Rike Drust - und nicht gefunden, deshalb schrieb sie ihn selbst. Wie schön es sein kann, Mutter zu sein; wie extrem nervend ein greinendes Zweijähriges ist; wie ätzend Kinderspielplatzkonversationen sein können; was für einen Balanceakt das Leben als berufstätige Mutter mit Kleinkind bisweilen ist - davon schreibt Rike Drust witzig, locker und unterhaltsam.

Donnerstag, 22. März 2012

Letztens gelesen (13)

Patricia Cornwell: Ein Fall für Kay Scarpetta. München: Wilhelm Goldmann, Stern Krimi-Bibliothek, 2005.

Polizeireporterin war die US-amerikanische Krimiautorin Patricia Cornwell, bevor sie mit dem Krimischreiben begann. Dem Erstling Ein Fall für Kay Scarpetta (Post Mortem auf Englisch) folgte eine Serie von Krimis, die sich um die Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta als Hauptfigur drehen.

Eine Reihe unaufgeklärter Morde, ratlose Polizisten, Intrigen, politische Machtspiele, ein Einblick in das Privatleben der Ermittler - inhaltlich ist in ihrem ersten Buch alles dabei, was man sich für einen guten Krimi wünschen könnte, stylistisch passt es auch, und das Ganze ist so spannend, das Ende so unerwartet, dass es schwer fällt, dass Buch wieder aus der Hand zu legen.

Amüsant ist so manche Stelle im Buch - das Original erschien 1990 -, in der Computer als neue große technische Errungenschaft gepriesen werden; verrückt, wieviel sich in dieser Hinsicht in den letzten 20 Jahren getan hat. Peinlich hingegen sind die teilweisen groben Schnitzer, die sich die Übersetzerin erlaubt hat. "Hell no!" heißt auf Deutsch einfach nicht "Hölle, nein!", als professioneller (?) Übersetzer sollte man das wissen.

Montag, 19. März 2012

Letztens gelesen (12)

Mariama Bâ: Der scharlachrote Gesang. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 1984.

Im Roman "Der scharlachrote Gesang" erzählt die senegalesische Autorin Mariama Bâ die Geschichte von Mireille und Ousman, die sich in den 1960ern auf der Schule - ihr Vater ist Diplomat in Dakar - kennen lernen. Sie Französin, Tochter des Botschafters, er Afrikaner, aus einer einfachen Familie - alle sind gegen ihre Beziehung. Die beiden halten zusammen, setzen sich durch, gegen ihren Vater, der als Diplomat zwar viel von Völkerverständigung und den guten französisch-senegalesischen Beziehungen redet, aber "heiraten tut man den Neger nicht", und gegen seine Mutter, die sich eine traditionelle afrikanische Schwiegertochter wünscht. Sie setzen sich durch, heiraten - und die Ehe scheitert, scheitert nicht nur sondern endet in einer Tragödie.

Wie Mariama Bâ die kulturellen Unterschiede, die nicht miteinander in Einklang bringenden Werte, Mentalitäten und Lebensweisen der beiden Protagonisten und ihrer Familien und Freunde beschreibt, ist so fesselnd, dass es schwer fällt, den Roman aus der Hand zu legen. Was zu einer kitschigen Geschichte à la Fünfgroschenroman hätte verkommen können, wird unter Bâs Händen zu einer detaillierten Beschreibung der Schwierigkeiten, die entstehen können, wenn zwei Kulturen in einer Familie aufeinander treffen - und die Bereitschaft, auf den anderen zuzugehen, nicht bei allen Beteiligen gleichsam vorhanden ist.

Freitag, 16. März 2012

Letztens gelesen (11)

Naim Kattan: Farewell, Babylon. Coming of Age in Jewish Baghdad. Boston: David R. Godine, 2007.

In Farewell, Babylon schreibt Naim Kattan, ein jüdischer Irako-Franko-Kanadier (oder wie nennt man das? Himmel, ist Multikulti kompliziert) über seine Jugend im Bagdad der 1940er. Damals machte die jüdische Gemeinde der Stadt 25 Prozent der Bevölkerung aus.

Bagdad - Paris - Montréal

Die Welt, in der Naim Kattan sich damals bewegte, existiert nicht mehr. Um die zwanzig Personen zählte die jüdische Gemeinde Bagdads, als die allierten Truppen unter Führung der USA in den Irak einmarschierten. Auch Kattan lebte damals schon lange nicht mehr in Bagdad. Er hatte sein Land als junger Mann verlassen, erst Richtung Paris, zum Studium an der Sorbonne; seit Mitte der 1950er lebt er in Montréal, Kanada.

Tigris-Wasser, Umm Kulthum und Kahlil Gibran

In der Geschichte seiner Jugend blickt er zurück auf eine Zeit, in der er und seine Freunde durch den Tigris schwammen; in der er die ersten Filme mit der ägyptischen Sängerin Umm Kulthum sah; in der er viersprachig (Arabisch, Französisch, Hebräisch, Englisch) aufwuchs. Er erzählt von seiner Liebe für die französische Sprache und Kultur und seinem Unverständnis, als er erfuhr, dass seinem in Bagdad unterrichtender Französischlehrer der Name Kahlil Gibran unbekannt war. Auch die fehlende Wahlfreiheit der Frauen, egal ob jüdischer, christlicher oder muslimischer Konfession, in seinem Umfeld ist Thema.

Unsichtbare Grenzen

Er berichtet vom Leben als Angehöriger einer religiösen Minderheit im neu geformten irakischen Nationalstaat; den unsichtbaren Grenzen zwischen muslimischen und jüdischen Vierteln (auch wenn man, wie Kattans Vater, Bruder und Onkel als Beamter jüdische und christliche Kollegen hatte), aber auch die Separation zwischen wohlhabenden und ärmeren Mitgliedern der jüdischen Gemeinde.

Der Anfang vom Ende

Von der Diskriminierung berichtet er; wie er und seine Freunde Bildung als Weg aus der Marginalisierung sahen; und vom Farhud-Pogrom 1941, das alle Illusionen der jüdischen Gemeinde, doch als Teil des neuen Staates anerkannt werden zu können, zerschlug. Der Farhud, so erklärt Kattan im Rückblick, war der Anfang vom Ende. Er schildert eine Zeit des Umbruchs und eine Welt, die unterging, "a homeland which caused us so much pain."

Immer noch Iraki

Als er das Land verlässt, spricht es keiner aus, aber seine Freunde und Familienangehörigen wissen, dass sie im bald folgen werden. Heute leben sie in Frankreich, den Vereinigten Staaten und in Israel. Doch sein arabisches Erbe, so Kattan, ist auch in Kanada noch ein Teil von ihm: "Even though I had changed my surroundings, my world, and my culture, I never lost touch with my background, for I found that cultures, like loves, can be added to each other without contradiction."

Sonntag, 19. Juni 2011

Letztens gelesen (10)

Irmela Hannover / Cordt Schnibben: I can't get no. Ein paar 68er treffen sich wieder und rechnen ab. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2007.

40 Jahre später

Vor drei Jahren waren die 1968er das Thema in Deutschlands Feuilletons. 40 Jahre 68er - wer da nicht alles was zu sagen hatte. Vor etwas mehr als drei Jahren, pünktlich zum Jubiläum kam auch "I can't get no" (der Titel ist doof und passt eigentlich nicht) heraus. 16 Freunde von damals, die die 68er als Jugendliche in Bremen miterlebten, diskutieren über ihre damaligen Ideen und was heute daraus geworden ist.

Steinewerfer, Staatsanwalt

Steinwerfer, Hippies, Demonstranten - heute arbeiten sie als Staatsanwälte, Manager, Politiker, Professoren. Manche sehen sich auch heute noch als Linke, einige sind über die Jahre unpolitisch geworden, andere vertreten heute eher konservative Positionen. So radikal wie damals ist heute eigentlich fast keiner mehr. Wie es dazu - zu ihrer damaligen Radikalität und der graduellen (Re)integration in die gesellschaftliche Mitte - kommen konnte, diskutieren die 16 an einem Wochenende.

Lesenswert

"I can't get no" ist die Dokumentation dieser Diskussion: Das Buch besteht neben den Kurzporträts der Diskutanten aus den transkribierten Tonbandmitschnitten eines Wochenendes geleiteter Diskussion. Lesenswert ist das Buch, weil es ehrlich ist und es deutlich macht, wie unterschiedlich damals und heute die, die 1968 mitprägten, sich, ihre Generation und die Welt sahen.

Dienstag, 14. Juni 2011

Letztens gelesen (09)

Rosemary Taylor / Christopher Llyod: The East End At War. Stroud: Sutton Publishing, 2007.

1933 - 45

Ich habe in der Grundschule Anne Frank gelesen. In den ersten Jahren auf dem Gymnasium stand das Thema Nationalsozialismus im Deutsch-, Geschichts- und Sozialkundeunterricht auf dem Plan. Und auch privat hat mich die Zeit von 1933 bis 45 so gefesselt, dass ich mir regelmäßig Bücher dazu aus der Bücherei geholt habe. Von Klaus Kordon, Gudrun Pausewang, Lisa Tetzner und vielen, vielen anderen. In der 13. haben meine Freundin und ich einen Projekttag zur Erinnerung an die Befreiung Ausschwitz' organisiert und natürlich kam das Thema auch in den Abiturprüfungen dran.

Fokus: Deutschland

Der Fokus aller Unterrichtsstunden und auch der meisten Bücher, die ich dazu las, lag allerdings auf Deutschland. Es ging um deutsche Kinder, die den Ersten, Zweiten Weltkrieg, die Zeit der Weimarer Republik, die ersten Nachkriegsjahre miterlebten. Später, in der Oberstufe standen im Mittelpunkt die Struktur des nationalsozialistischen Regimes und deutsche Politik seit Ende des Ersten Weltkriegs. Die europäische Dimension wurde kaum miteinbezogen - von der Situation außerhalb Europas ganz zu schweigen.

Nicht nur wir

So kam es, dass ich erst als Teenager staunend davon erfuhr, dass im Zweiten Weltkrieg ja nicht nur Berlin, Hamburg, Frankfurt, München bombardiert wurden, sondern auch Warschau, London, Rotterdam. In Großbritannien wird der Luftkrieg gegen London, der die Stadt zwischen September 190 und Mai 1941 traf, als the blitz bezeichnet. Betroffen war von den Anschlägen vor allem der Osten der Stadt, wo die Hafen- und Industrieanlagen geballt waren. Tragischerweise waren es damit vor allem die einfachen Leute, die vielen Arbeiter und Angestellten, die den Großteil der Bewohner Ostlondons ausmachten (und dies immer noch tun), die Opfer der Bombenangriffe wurden.

London im Krieg

In The East End At War fassen Rosemary Taylor und Christopher Lloyd diese Jahre zusammen. Drei der neun Kapitel widmen sich der Zeit vor 1939 - dem 19. Jahrhundert, dem Ersten Weltkrieg und den Zwischenkriegsjahren. Der Großteil des Buches ist der Zeit des Zweiten Weltkriegs gewidmet, die aus der Perspektive der kleinen Leute dargestellt wird. Auf die mehrseitige Einleitung, die den Rahmen setzt, folgt kein weiterer Text, sondern ausschließlich große, ausführlich kommentierte Schwarzweißphotographien, die den Alltag der Menschen damals veranschaulichen.

Montag, 9. Mai 2011

Letztens gelesen (08)

Kristiane Backer: Der Islam als Weg des Herzens. Warum ich Muslima bin. Berlin: Ullstein Taschenbuch, 2010.

Von MTV...

Als die aus einem protestantischen Elternhaus stammende Kristiane Backer 1989 von Hamburg nach London ging, um dort als erste deutsche Moderatorin für MTV Europe als VJ zu arbeiten, war nicht zu ahnen, dass sie unter Europas Jugendlichen selbst bald als Star gelten würde. Treffen mit Heino, Dinner mit Seal, Partys mit Mick Jagger - Kristiane führt ein Leben, von dem viele ihrer Altersgenossen träumten.

...nach Mekka

Doch etwas fehlte. 1995 trat Kristiane, die die Religion über ihren damaligen Freund, den pakistanischen Nationalspieler Imran Khan kennen gelernt hatte, zum Islam über. Die beiden trennten sich - und Kristiane blieb Muslimin. Weshalb - und wie es weiter ging, wie sie versuchte, ihre muslimische Religion und europäische Identität in Einklang zu bringen; wie ihr Umfeld, Freunde, Bekannte, die Öffentlichkeit auf ihre Konversion reagierten - und wie sie als Europäerin so manche Entwicklung in der muslimischen Welt sieht, schildert sie sehr anschaulich in der erweiterten Ausgabe ihrer Autobiographie, die zum ersten Mal unter dem Titel Von MTV nach Mekka erschien.

Der Islam als "Weg des Herzens"

Kristiane Backer ist Sufi, und ihr Islam ist geprägt von Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Verständnis und Toleranz. Mit der Unterdrückung von Andersgesinnten, von Anhängern anderer Religionen, von Frauen im Namen der Religion kann sie nichts anfangen - und kann das auch theologisch begründen. Dass viele Muslime das Wesentliche ihrer Religion vergessen zu haben scheinen und stattdessen Äußerlichkeiten überbewerten, kritisiert sie deutlich.

Lesenswert

Ein sehr ehrliches, leicht lesbar geschriebenes Buch mit sehr gutem Glossar am Ende - lesenswert für Muslime und Nichtmuslime. Einzig Kristiane Backers Tendenz, im Text immer mal wieder davon zu sprechen, wie "die Muslime" dies empfinden, das sehen und jenes handhaben würden, hat mich etwas irritiert. Ein "viele Muslime", "die meisten Muslime" hätte da besser gepasst. Trotzdem: ein tolles Buch.

Mittwoch, 16. Februar 2011

Ethnische und religiöse Kriege

Auf dem Balkan sprach man von "ethnischen Säuberungen", in Israel/Palästina ist die Rede von "religiösen Fanatikern auf beiden Seiten" und im Irak stehen sich "Sunniten, Schiiten und Kurden" gegenüber. Wie religiös aber sind diese Kriege tatsächlich? Welche Rolle spielt der unterschiedliche ethnische Hintergrund der Kriegsparteien? Kämpfen im Nahen Osten Juden gegen Muslime (und Christen), Juden gegen Araber, Israelis gegen Palästinenser - wie soll man diese Konflikte lesen? So, meint der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler:

"Dass die ethnischen und religiösen Erklärungen der neuen Kriege so attraktiv sind, dürfte vor allem daran liegen, dass die Kriege damit, zumindest implizit, für irrational erklärt werden können: Wenn sie von antiquierten, unaufgeklärten Einstellungen und Motiven angetrieben werden, so liegt es nahe, ihnen mit dem Instrumentarium der Aufklärung zu Leibe zu rücken. (...) Solange man sich mit den ökonomischen Strukturen dieser Kriege nicht beschäftigt hat, kann man dem bequemen Glauben anhängen, Rationalisierung und Pazifierung würden auch hier, wie in den Staaten der OECD-Welt, Hand in Hand gehen. Schaut man jedoch näher hin, erkennt man, dass die neuen Kriege in vieler Hinsicht selbst das Ergebnis ökonomischer Zweckrationalität sind beziehungsweise dass zweckrational handelnde Akteure in ihnen eine bedeutende Rolle spielen: auf Seiten der Unternehmer, der Politiker und nicht zuletzt der Bewaffneten."

Herfried Münkler: Die neuen Kriege. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 2002.

Montag, 1. November 2010

Letztens gelesen (07)

Oder genauer: "Letztens nicht geschafft fertig zu lesen" - ich verschlinge bis zu 200 Seiten politikwissenschaftlicher, soziologischer, psychologischer, historischer Fachliteratur (interdisziplinär fand ich schon immer gut!) pro Woche, da komme ich zu nicht viel anderem.

Ein Stapel Bücher, angefangen aber nicht zu Ende gebracht, geht also die Tage wieder zurück in die Bücherei:

Adam J. Silverstein: Islamic History. A Very Short Introduction. Oxford: Oxford University Press, 2010.

Eine überschauliche (keine 140 Seiten lange), überraschend selbstreflexiv geschriebene Übersicht zum Thema mit einigen interessanten Denkansätzen, die mir in ähnlichen Publikationen noch nicht begegnet sind: zum Beispiel zur Rolle des Kamels bei der Verbreitung des Islams. Hätte ich gerne zu Ende gelesen.

Aa'id Abdullah al Qarni: Thirty Lessons for Those Who Fast. Hounslow: Message of Islam, 1999.

Kurz vor dem Ramadhan dachte ich, jetzt muss mal wieder was Islamisches ins Haus. In unserer lokalen Bücherei habe ich mir dann aus den wenigen nicht religionswissenschaftlichen Büchern zum Islam dieses ausgesucht. Es handelt sich um eine Übersetzung aus dem Arabischen, was man schnell am etwas blumigen und pathetischen Stil erkennt. Dass es ein bisschen aus der Saudi-Ecke zu kommen scheint, darauf weisen die gelegentlichen Stellen, die Musik verteufeln und ein etwas - nun ja, wie soll ich sagen: gewöhnungsbedürftiges? Frauenbild propagieren (falls die Recht haben, bin ich in big trouble...). Davon abgesehen (und insofern man sich für islamische Theologie interessiert): lesenswert. Ob ich den Bibliotheksangestellten mal einen Tipp geben soll, dass sie da Saudi-Propaganda im Regal stehen haben?

Michael Palin: New Europe. London: Phoenix, 2008 (2. Auflage).

Der britische Komödiant und Reisejournalist Michael Palin reist 2006 und 07 durch 21 Länder in Ost- und Südosteuropa: vom Balkan über die Türkei, Zentraleuropa und die Krim ins Baltikum, die Reise endet in Ostdeutschland. Auf die Suche nach dem "neuen Europa" möchte er sich machen, was natürlich ein unsinniger Begriff ist: Polen, Bulgarien, Kroatien, die Ukraine waren schon immer Europa; neu ist nur die Perspektive auf diese Länder. Der Mann ist Reporter und das Buch gerade mal 300 Seiten dick, insofern ist es nicht erstaunlich, dass vieles nur gestreift wird. Dennoch hat er es anscheinend in den wenigen Tagen, die er und seine Crew in jedem der Länder verbracht haben, geschafft, das jeweils Typische zu erfassen.

Ken Blakemore: Sunnyside Down. Growing Up in '50s Britain. Stroud: The History Press, 2005.

Irgendwann dachte ich dann, dass ich vielleicht mal was über englische Geschichte lesen sollte. Ken Blakemoores Bericht über seine Kindheit in einem englischen Dorf in den 1950ern und 60ern war dann bloß so sterbenslangweilig, dass ich es ganz schnell wieder zur Seite legen musste. Vielleicht weil die kulturelle Differenz dann doch nicht groß genug ist, als dass es interessant und spannend sein könnte?

India with Sanjeev Bhaskar. London: HarperCollins, 2007.

Das Buch habe ich mir wegen der Fotografien mitgenommen. (Und ein bisschen aus Gründen der Nostalgie.) Vom Konzept her ähnelt es dem Palin-Buch: Der Brite Sanjeev Bhaskar macht sich mit einem Kamerateam im Gefolge auf den Weg back to the roots und besucht Indien, das Land aus dem seine Eltern einst nach England kamen. Und Pakistan, von wo die Familie nach Indien flüchtete. Allein für die Bilder lohnt sich die Lektüre.

Dienstag, 6. Juli 2010

Letztens gelesen (06)

Anne Donath: Wer wandert, braucht nur, was er tragen kann. Bericht über ein einfaches Leben. München: Piper, 2009 (5. Auflage).

Kein Strom, kein Gas, keine Heizung, kein Telefon. Kein Auto. Eine kleine Holzhütte mit einem Zimmer, zum Schlafen ein Fell auf dem Boden, eine Feuerstelle im Garten vor dem Haus. Keine Stühle, kein Tisch, kein Bad. So lebt Anne Donath seit Anfang der 1990er. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil sie nicht mehr leben wollte, nur um zu arbeiten. Drei Monate im Jahr arbeitet sie festangestellt in einem Krankenhaus, den Rest des Jahres hat sie frei - und nutzt die Zeit oft zu langen Reisen. Verstanden, dass es nicht viel braucht zum Leben, hat sie auf ihren Reisen durch Nordafrika.

Neben einem ersten Teil, in dem Anne Donath über ihren Alltag und die Vorbereitungen auf das neue Leben berichtet, besteht das Buch aus fragmentarischen Textstücken, in denen sie in Momentaufnahmen von ihren Reisen und der Veränderung, die sie langsam durchmachte, berichtet. Ein nettes Buch, das zum Nachdenken anregt - auch wenn man zu dem Schluss kommt, dass man selbst so nicht leben möchte.

Sonntag, 20. Juni 2010

Letztens gelesen (05)

Jan Philipp Reemtsma: Im Keller. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch, 1998.

Vor einer Weile habe ich einen Stapel alter Bücher auf der Straße gefunden. Darunter dieses. Mir waren Name und Geschichte des Autors bekannt; dazu gekommen, das Buch wirklich zu lesen, war ich bis jetzt aber nicht. Lohnt es sich, ein Buch zu lesen, dass vor 12 Jahren über eine vor 14 Jahren stattgefundene Entführung, geschrieben wurde, zu lesen? In diesem Falle: ja. Jan Philipp Reemtsma erzählt in "Im Keller" nicht einfach nur seine Entführung, die 33 Tage in Haft, die Freilassung nach, sondern reflektiert auf erstaunliche Weise die eigene Rolle während der Gefangenschaft. Dabei bezieht er sich längst nicht nur auf sich selbst und seine Erfahrung, sondern schreibt über die Verarbeitung von infolge von Gewaltanwendung erlittenen Traumata im Allgemeinen. Auch nach all den Jahren noch sehr lesenswert!

Montag, 31. Mai 2010

Letztens gelesen (04)

Rajaa Alsanea: Die Girls von Riad. Roman. München / Zürich: Pendo, 2007.

Am Anfang war ich skeptisch.
Ein Buch über vier junge arabische Frauen, die "glücklich sein wollen, die lieben und leben wollen und die sich ihre Sehnsucht, ihr Begehren und ihre Freiheit nicht nehmen lassen" (so der Klappentext)? Hm, naja. Und dann wurde auch noch so ein Hype um das Buch und seine Verfasserin, die saudiarabische Medizinstudentin Rajaa Alsanea, gemacht... So kam es, dass ich das Buch, das 2007 in der deutschen Ausgabe erschienen ist und das wenig später hier bei uns zu Hause rumlag, erst vor einigen Wochen in die Hand nahm. Auf den ersten Seiten fand sich meine anfängliche Skepsis bestätigt: Das Buch ist in Form von E-Mails verfasst. Muss so was sein? Fünf Seiten später ist mir klar: Es kann. Zehn Seiten später will ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen und schließlich lese ich es tatsächlich in nur drei oder vier Tagen runter.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen vier junge Frauen der Oberschicht in Saudiarabien und ihre Erfahrungen mit der Liebe: Die eine heiratet und findet wenig später heraus, dass ihr Mann seit Jahren eine Freundin hat; die nächste wird von der Familie ihres Verlobten, die sie als nicht standesgemäßige Ehefrau betracht, um die Hochzeit mit dem Mann, den sie liebt, gebracht; die dritte gibt dem Drängen ihres Mannes nach und verbringt mit ihm nach der Eheschließung - aber vor der Hochzeitsfeier - die Nacht, was für ihn ein Grund zur Scheidung ist.

Hört sich nach Sex and the City auf Arabisch an? Es ist mehr. In einem der Großteil der Besprechungen in deutschen Medien wurde Rajaa Alsaneas Kritik an den Verhältnissen in ihrem Land als "halbherzig", "unentschlossen" bezeichnet und sie war schnell "die Revolutionärin, die keine sein will", weil man herausbekam, dass sie zwar kritisierte, sich aber nicht von ihrer Religion lossagen wollte. Dabei prangert sie unzweideutig die Unterdrückung der Frauen (und Männer!) in ihrem Land an. Nur den Gefallen, gleich das Kind mit dem Bade auszuschütten, tat sie dem unbefangenen Leser, der das vielleicht so erwartete, nicht: Sie betont an mehr als einer Stelle, dass es nicht der Islam als Religion ist, der für diese Missstände verantwortlich ist. Das schien einige deutsche Redakteurinnen, die in ihren Artikel und Reportagen oft Schwierigkeiten haben, zwischen Kultur und Religion zu unterscheiden, zu überfordern. Und auch die Mitarbeiter des Verlages, in dem meine Ausgabe erschienen ist, scheinen da nicht mehr ganz mitgekommen zu sein. So heißt es in der Kurzbeschreibung auf der Rückseite des Buches:
"Was heißt es für eine junge Frau in Saudi-Arabien, sich zu verlieben? Am Vorabend ihrer Hochzeit glaubt Kamra sich am Ziel ihrer Träume. Aufgewachsen mit Handy, Laptop und der neuesten westlichen Mode, bekommt sie schon bald die strengen Gesetze der Scharia zu spüren ..."
Dabei wird die Scharia in der Schilderung der Geschichte dieser Figur mit keinem Wort erwähnt: Kamra wird von ihrem Mann betrogen und, als sie dagegen aufbegehrt, geschieden - was mit der Scharia mal so ziemlich gar nichts zu tun hat bzw. eindeutig gegen sie verstößt.

Also: nicht abschrecken lassen vom Sex and the City-Touch und mittelmäßigen Klappentexten. Das ist ein tolles Buch, das hervorragend unterhält und gleichzeitig wesentliche Fragen stellt!