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Sonntag, 30. Juni 2013

Film (in Wien): Out of Cordoba

 .
"Out of Cordoba – Averroes und Maimonides in ihrer und unserer Zeit 

Dokumentarfilm von Jakob Bender 
Mittwoch, 3. Juli 2013, 18.00 Uhr
Wiener Urania (Mittlerer Saal) 
 
Freier Eintritt!

Filmvorführung in Anwesenheit des Regisseurs Jakob Bender (anschließendes Publikumsgespräch). Einleitende Worte zu Maimonides Bedeutung im Judentum von Dr. Paul Chaim Eisenberg, Oberrabbiner. Einleitende Worte zur Wirkungsgeschichte von Averroes von Univ. Prof. em. Dr. Susanne Heine, Institut für Praktische Theologie und Religionspsychologie der Evangelisch-Theologischen Fakultät Wien.

These vom "Kampf der Kulturen" widerlegen

„Ich habe das Bedürfnis gespürt, neue Hoffnung und neuen Idealismus zu entdecken, mit denen ich die These vom Kampf der Kulturen würde widerlegen können.“, so Jakob Bender, Regisseur des 2011 gedrehten Dokumentarfilms „Out of Cordoba“. Und tatsächlich lohnt es sich, den Spuren der beiden größten Denker des islamischen Spaniens nachzugehen. 

Zeitalter der Toleranz

Im allgemeinen Bewusstsein steht diese fast 900 Jahre währende Epoche für ein bemerkenswertes Zeitalter der Toleranz. „Convivencia“ – Zusammenleben zwischen Juden, Christen und Muslimen verlief nicht nur weitgehend friedlich, sondern auch in gegenseitiger Befruchtung. Diese Blütezeit endete mit der Reconquista 1492, der katholischen Rückeroberung, im Zuge derer Andersgläubige zwangsgetauft oder vertrieben wurden. 

Vernunft und Glaube in Verbindung bringen

Muhammad ibn Achmad ibn Rushd, auch als Averroes bekannt, und Rabbi Mosche ben Maimun, auch als Maimonides bekannt, waren beide fasziniert von der Philosophie des Aristoteles. Umfassend gebildet waren sie vor allem Experten jüdischer bzw. islamischer Theologie. Bahnbrechend war ihr Zugang Vernunft und Glauben miteinander in Verbindung zu bringen. Damit gaben sie auch der christlichen Scholastik wesentliche Impulse, ja können als frühe Aufklärer gelten. 

Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart

Dieses geistige Erbe verlangt gerade heute danach, wieder mit Leben erfüllt zu werden. „Out of Cordoba“ gibt dazu reiche Anstöße. Der Filmemacher sucht Orte des Wirkens der beiden Denker auf und lässt heutige Persönlichkeiten zu Wort kommen, die den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart spannen. So treten u.a. auf: André Azoulay, jüdischer Bürger und Chefberater des marokkanischen Königs; der tunesische Autor Abdelwahab Meddeb und der in Algerien geborene und jüngst verstorbene Mohammed Arkoun. 

Selbstkritische Tradition

Ein Höhepunkt des Films ist die Begegnung mit Rabbi Arik Ascherman in Jerusalem, der erläutert, warum Religion zu einem Teil der Lösung werden müsse. Der christliche Theologieprofessor David Burrell gibt am Schluss seiner Reflexion eine Antwort darauf, warum Averroes und Maimonides zu Leitfiguren unserer Zeit werden müssten: "Eine Tradition ist erst dann eine Tradition, wenn sie selbstkritisch ist." 

Eine Veranstaltung, getragen von: Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen, Jugendrat der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Kulturreferate der Islamischen Religionsgemeinde Wien und Niederösterreich, WIIEB (Wiener Islamisches Institut für Erwachsenenbildung) u.a. Mit freundlicher Unterstützung der Wien Holding und des Verbandes Wiener Volksbildung."

Donnerstag, 4. April 2013

Staatstheorie auf Feministisch

 .
"Gendering the State.
Feministische Staatstheorie.
Eine Einführung in zentrale Kontroversen 
und aktuelle Diskussionen

10. April 2013 18:00 - 20:00 
Otto-Suhr-Institut, Ihnestr. 21/A, Berlin
U-Bhf Thielplatz

Herkömmlicherweise wird der Staat als diejenige Institution verstanden, die das Gewaltmonopol über ein abgegrenztes Territorium beanspruchen kann und dieses mittels einer regelgebundenen, hierarchisch strukturierten und (geschlechts-)neutralen Verwaltung ausübt. 

Dabei taucht die Kategorie 'Geschlecht' in den gängigen wissenschaftlichen Debatten nicht auf. Auch in der marxistischen Staatstheorie wurde die Frage, welche Rolle der Staat im Zusammenhang mit der Entstehung, Reproduktion und Umgestaltung von Geschlechterverhältnissen spielt, lange Zeit nicht gestellt. 

Erst in den letzten Jahrzehnten haben verschiedene feministisch inspirierte Ansätze diese selbstverständliche Geschlechtsblindheit staatstheoretischer Debatten erschüttert. So machten feministische Kritiken beispielsweise darauf aufmerksam, dass das 'staatliche Gewaltmonopol über ein gegebenes Territorium' ein Mythos ist, weil es die vielfach von Männern ausgeübte häusliche Gewalt systematisch unterschlägt. 

Mittlerweile hat sich die feministische Staatstheorie zu einem eigenen breiten Diskussionsfeld entwickelt, deren Konzepte und Einsichten eng verbunden sind mit den Veränderungen innerhalb der Frauenbewegung. 

In der Diskussion mit Birgit Sauer und Gundula Ludwig wollen wir daher in einem ersten Teil die theoretische Entwicklung der feministischen Staatstheorie einführend nachvollziehen und dabei neben den theoretischen Debatten auch die institutionellen Widerstände und Vorbehalte betrachten, gegen die sich feministische Staatstheorie durchsetzen musste. 

Dabei sollen zentrale Einsichten feministischer staatstheoretischer Ansätze vorgestellt und der Frage nachgegangen werden, inwieweit Staat und Geschlecht systematisch zusammenhängen. 

In einem zweiten Teil werden Gundula Ludwig und Birgit Sauer einige zentrale Überlegungen aus ihren Arbeiten präsentieren. Enden wollen wir mit einer Diskussion darüber, welche Herausforderungen für politisches Handeln im/mit/gegen den Staat sich aus den jeweiligen Perspektiven auf den Staat ergeben. 

Birgit Sauer ist Professorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien mit dem Schwerpunkt Gender und Governance. 

Gundula Ludwig ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet als Lehrbeauftragte an der Universität Wien. Ihre Schwerpunkte sind Politische Theorie, feministische Theorie, Queer Theorie."

Dienstag, 2. Oktober 2012

Nicht-Posts

Zu wenig Zeit. Keine Lust, zu schreiben. Zu spät dabei. Und manchmal ist da ein Thema, das einen interessiert, aber man weiß nicht genau, wie man es in einen Text packen soll.

Es gibt viele Gründe, warum man über Dinge, zu denen man vorhatte, zu schreiben, doch keinen Blogeintrag verfasst. Als ich kürzlich meinen Posteingang aufräumte, stieß ich über eine ganze Menge an Mails, die zu Blogeinträgen hätten werden könnten - aber es nicht wurden.

Wenn nicht, hätte ich hier vielleicht unter anderem geschrieben über

...getrennte Orte in Deutschland,

...verschiedene Bilder der pakistanischen Hauptstadt Islamabad ,

...die x-te Studie zu Bildungschancen von Migranten in Deutschland,

...sieben Babys auf sieben Kontinenten,

...eine Handvoll Visionäre, die einen Picasso nach Palästina bringen wollten,

...Menschenrechtsverletzungen in Indonesien, die mit der Scharia gerechtfertigt werden,

...Minimalisten, die umso glücklicher sind, je weniger sie besitzen,

...die Combatants of Peace und den Parents Circle in Israel/Palästina,

...ein Programm zum Empowerment von Roma (Link funktioniert nicht mehr),


...die "tyrannische Kraft" der Mode,

...eine Menschenrechtsaktivistin in Tunesien, die einen sppäten (Teil)Erfolg erreicht hat,

 ...Kritik an Schule, wie wir sie in Westeuropa kennen.

Mittwoch, 11. Juli 2012

Bewerbungen (1)

Auf SPIEGEL Online auf einen Artikel zum Thema Bewerbungsgespräch per Skype gestoßen. Habe ich bereits hinter mir und finde es eine tolle Sache: Bewerberin in Wien, Recruiter in London; Bewerberin in London, Recruiterin in Wien - da spart es viel Zeit und Geld, wenn das (oder zumindest eines der) Vorstellungsgespräche per Skype absolviert werden kann.

Dass es zwischendurch mal Probleme mit der Verbindung gibt, kenne ich auch. Aber dann wird halt noch einmal angerufen. 

Und irgendwie finde ich es witzig, im Businessoutfit in einem komplett unaufgeräumten Zimmer zu sitzen (mit der Kamera so eingestellt, dass nur Bewerberin und die weiße Wand dahinter zu sehen sind) und Lebenslauf und Qualifikation zu erläutern.

Schlimmste Panne? War kein Skype-Interview sondern ein Vorstellungsgespräch per Telefon, wo fünf Minuten nach Beginn des Gesprächs plötzlich die Tür zu dem Raum, in den ich mich zurück gezogen hatte, aufgestoßen wurde und das Lieschen hereinspaziert kam und nach Mama verlangte. War dem Babysitter in einem unbeachteten Moment entkommen und hatte ganz genau gewusst, wo Mama zu finden war.

Der Recruiter nahm's mit Humor und schlug vor, in fünf Minuten noch einmal anzurufen. Gesagt, getan. (Ob ich den Job bekommen habe, müsste ich spätestens nächste Woche wissen. Falls nicht, könnten wir dann anfangen zu spekulieren, ob's am Minutenauftritt des Lieschens lag...)

Dienstag, 10. April 2012

Kezban

Oder: Auslandsstudium, Kopftuchtürkin

Beim Abendessen sitze ich Kezban gegenüber. Wunderhübsch ist sie mit ihrer hellen Haut und den dunklen, fast schwarzen Augen. Sie trägt ein helles Kopftuch (rosa und beige auf Weiß, toll sieht das aus) zum beigen, gut geschnittenen Mantel. Es ist nicht spät, aber sie sieht extrem müde aus. Als ich sie über Teller voll Reis, Suppe, Salat und Gemüse in Tomatensauce frage wie es ihr ihr geht, zuckt sie mit den Schultern lächelt und sagt "elhamdülillah, es geht", und dass sie müde ist. Seit sieben Uhr morgens wäre sie unterwegs und an der Uni gewesen. Ich denke nicht weiter drüber nach und erst als wir auf dem Weg nach Hause sind, und ich noch mal nachfrage, rückt sie mit der Sprache raus.

"Kein Wort hab ich verstanden"

Kezban studiert Agrarwissenschaften und in einer ihrer Arbeitsgruppen an der Uni ist heute etwas passiert. Sie erzählt, wie sie eine ihrer österreichischen Kommilitoninnen nicht verstanden und nachgefragt hat. "Sie hat es dann noch mal, noch schneller und total undeutlich gesagt", erzählt Kezban. "Kein Wort hab ich verstanden. Sie macht das immer so. Ich glaube, sie macht das extra. Ich glaube, sie hat was gegen mich." Ich widerspreche, meine, dass das doch auch Zufall gewesen sein könnte, dass sie das nicht zu schwer nehmen soll, dass sie nächstes Mal eben ein zweites Mal nachfragen soll.

"Die sind immer so zu mir"

Wir laufen weiter durch die Straßen Wiens und es dauert eine Weile bis ich merke, dass Kezban neben mir weint. "Es ist immer so, Lieselotte. Die sind immer so zu mir." Ich denke an die Erfahrungen, die ich in den letzten Monaten mit Wienern machen durfte. Wenn die bei ihr an der Uni nur halb so unhöflich sind, wie der Durchschnitt derer, die mir hier so jeden Tag über den Weg laufen - auweia. Und ich fühle mich sicher hier, bin der Sprache mächtig, geb Kontra, wenn es sein muss. Kezban - nein, Kezban macht das nicht. Sie ist zu Gast hier, seit vielleicht zwei Jahren im Land, ein wohlbehütetes, gut erzogenenes türkisches Mädchen - sie wird denen nicht zeigen, wo der Hase rennt.

"Immer muss ich besser sein"

Kezban weint. "Weißt du, zu Hause, da war ich eine der besten. Ich habe die Prüfungen zur Hochschulzulassung als eine der Landesbesten bestanden, und dann das Stipendium für das Studium in Österreich bekommen, Deutsch gelernt. Und jetzt bin ich hier und kann die Sprache immer noch nicht richtig und kann mich nicht richtig ausdrücken und fühle mich dumm, so dumm. Immer muss ich besser sein als die anderen. Es ist so schwer." Ich nehme sie in den Arm, rede ihr gut zu, sage, dass das doch ganz normal ist bei einem Auslandsstudium, dass das am Anfang allen so geht. Und gleichzeitig bin ich wütend auf Leute wie diese dumme kleine Studentin bei ihr an der Uni, die vielleicht ihr Leben noch nicht aus Österreich rausgekommen ist, aber meint, sie wäre was besseres als Kezban - ohne zu wissen, wer sie ist und was sie kann.

Verrückte Welt

Verrückte Welt. Kezban, die zu Hause eine der besten ist - fühlt sich hier wie ein Niemand. Das Mädchen an ihrer Uni, das vielleicht vor Begeisterung die Augen aufreißen würde, wenn ihr jemand ein Studium im Ausland anbieten würde ("Auslandsstudium - aaah!") guckt auf Kezban, die genau das macht, herunter ("Kopftuchtürkin - iiih!"). Und Kezban, die mindestens genauso viel, vielleicht sogar mehr als dieses Mädchen draufhat, traut sich nicht, den Mund aufzumachen - wegen einer doofen Sprachbarriere und weil ihr beigebracht wurde, dass sich das nicht gehört.

Drei Jahre noch

Drei Jahre, drei lange Jahre in Österreich hat Kezban noch vor sich. Sie wird es schaffen, da bin ich mir sicher, wird weitermachen, einfach immer weitermachen. In drei Jahren hat sie dann - inshaallah - ihr Diplom in der Hand und geht wieder nach Hause, wo anerkannt wird, was sie geleistet hat. Das habe ich ihr gesagt, und Kezban nickte und lächelte, da weinte sie schon nicht mehr, und ich wusste, dass es das war, was sie am Laufen hielt.

Donnerstag, 5. April 2012

"Bosnia changed my life"

Oder: 20 Jahre später

Vor ziemlich genau 20 Jahren passierte das, von dem wohl kaum einer in Bosnien damals geglaubt hatte, das es passieren würde: Kämpfe brachen aus. Der Krieg, der einige Monate zuvor in Slowenien und Kroatien ausgebrochen war, schaute nun auch in Bosnien vorbei. In Bosnien, das multikultureller als irgend eine andere der ehemaligen Republiken Jugoslawiens war und deshalb auch als "Jugoslawien im Kleinen" bekannt war.

Ein internationaler Krieg

Es folgten dreieinhalb Jahre Krieg, Vertreibung, Massaker, Folter, Vergewaltigung, Tod. In den Nachbarländern und vielen Staaten Westeuropas, Nordamerikas, selbst in Australien tauchten plötzlich Schutz suchende Bosnier (und Serben und Kroaten und so weiter) auf; der Krieg war, anders als viele "vergessene" Konflikte, über die kaum jemand berichtet, Dauerthema in vielen internationalen Medien, aber der Konflikt war auch deshalb international, weil Wiens Kroaten, Münchens Serben, griechische und islamistische Freiwillige zum Kämpfen auf den Balkan fuhren, mal kurz übers Wochenende oder für länger.

Krieg mitten in Europa

Aber auch vielen, die nicht ans Kämpfen dachten, war klar, dass der Krieg in Bosnien ein einschneidendes Erlebnis darstellte. Ein Krieg mitten in Europa, nur wenige Autostunden von Westeuropas Grpoßstädten entfernt. Ein Krieg gegen Europäer; ein Krieg, in dem sich Menschen, von denen viele vorher ähnlich wie viele Westeuropäer gelebt hatten, plötzlich einigen der schlimmsten Dinge, die Menschen Menschen antun können, gegenüber sahen.

Muslimische Perspektiven

Für viele, vor allem junge, Muslime in Europa sah es so aus, als würden in Bosnien Muslime, die blond und blauäugig, kaum praktizierend, auf "Westeuropäisch" also voll integriert waren, Opfer eines grausamen Kriegs, einer auf ethnischen Parametern beruhenden Vernichtungsstrategie werden. Dass das es ganz so einfach sicher auch nicht war, ist keine Frage - aber für viele damals sah es so aus. Wie sahen sie die Kriege auf dem Balkan damals, wie stehen sie dazu heute? Das Londoner muslimische Lifestyle-Magazin emel blickt zurück und interviewt vier britische Muslime, die meinen: Bosnia changed my life.

Donnerstag, 15. März 2012

Auslaenderfeindlichkeit im Alltag

Oder: persoenliche Erfahrungen. Oder: Wien ist anders.

Ich komme aus [einer deutschen Grossstadt]. Auslaenderfeindlichkeit, Rassismus, Islamophobie habe ich persoenlich, im direkten Kontakt mit anderen nicht bewusst erlebt. Kaum bewusst erlebt. In meiner Studienzeit in [Stadt im Osten der Republik] und in [Stadt in Frankreich] und zu Besuch in der Tuerkei hatte ich ein paar Begegnungen mit ganz besonders freundlichen - mir fremden - Zeitgenossen, die meinten, mir ihren Enthusiasmus ueber mein Kopftuch, meine Religion, mein (vermeintliches) Auslaendersein an den Kopf schleudern zu muessen. Einmal habe ich vor meiner Kopftuch- und Islam-Zeit von einer Gruppe Habescha-Jungs einen antideutschen Kommentar zu hoeren bekommen. Aber das war's. Mehr war da nicht.

Wien ist anders

Umso mehr erstaunt es mich, dass die Situation hier in Wien ganz anders zu sein scheint. Multikulti gibt's hier auch, Wien ist genauso eine europaeische Grossstadt wie London, Paris, Berlin. Dennoch haben es nur die Wiener hinbekommen, mir innerhalb von nur einer handvoll Monaten mindestens drei auslaenderfeindliche, rassistische, islamophobe Verbalattacken zu bescheren.

Situation 1 ... beschrieb ich hier.

Situation 2: Fruehmorgens an der U-Bahn-Haltestelle. Es ist - vor sechs Uhr - noch dunkel und kaum jemand unterwegs. Ich, gesundes Selbstbewusstsein, fuehle mich trotzdem sicher. Als sich eine scheinbar Obdachlose auf die Bank neben mich setzt, denke ich noch, "die arme Frau, bei dem Wetter auf der Strasse". Als sie anfaengt zu schreien und einen imaginaren Freund zu beschimpfen, tut sie mir noch mehr Leid. Bis ich auf einmal ein "Scheisszugewanderte" heraushoere und begreife, dass die Ansage an mich gerichtet ist. Ich habe das Lieschen bei mir und will nichts riskieren. Zum Glueck stehen ein paar dutzend Meter weiter mehr Leute, schnell bin ich aufgestanden und weg. Mit Verwirrten argumentiert man nicht.

Situation 3: Am spaeten Nachmittag in der Strassenbahn. Emel, das Lieschen und ich sind zusammen unterwegs zu Bekannnten. Als der Mann, vielleicht Ende Vierzig, zusteigt, starrt er uns Kopftuchtanten schon an wie Ausserirdische und laesst uns auch waehrend der Fahrt nicht aus dem Blick. Das habe ich nicht bemerkt, Emel mir spaeter gesagt. Kurz vor dem Aussteigen, er steht direkt neben uns, rotzt er, schoen laut, eine Ladung Schleim von irgendwo aus den Tiefen seines Halsnasenohrensystems nach oben. Boerks. Emel und ich schauen uns an und denken das gleiche. Wie widerlich. Die Bahn steht noch, der Mann ist schon draussen auf dem Bahnsteig und ich bin mit dem Lieschen beschaeftigt, bemerke gar nicht, was passiert, bis Emel sagt: "so ein Rassist". Wir sehen durch die Scheibe, wie er steht dort draussen und uns auf unglaublich vulgaere Art die Zunge rausstreckt und so tut, als wuerde er sich uebergeben.

Islamophob oder einfach nur ein Idiot?

Es gab noch mehr unschoene Erfahrungen, die ich in den paar Monaten, in denen ich Wien mit meiner Anwesenheit beglueckt habe, machen musste. Eindeutig rassistisch / auslaenderfeindlich / islamophoben Motiven zuordnen wuerde ich nur diese drei. Weil woher will man wissen, ob die Frau in der U-Bahn, die einen anschnauzt, "bewegst du dich jetzt mal endlich" oder der Mann auf der Strasse, der den vier Kopftuchmaedchen zuruft, "macht ihr jetzt mal langsam Platz" (und und und) nicht einfach nur unglaublich unhoeflich sind? Es gibt viele Leute, die aehnlichen diskriminierenden und degradierenden Attacken ausgesetzt sind, und irgendwann anfangen, ueberall den Auslaenderfeind zu sehen. Da muss man aufpassen, es passiert schnell, aber hilfreich ist es auch nicht.

Sonntag, 26. Februar 2012

Abschied

Oder: Zehn Jahre

Meral
geht. Nach zehn Jahren in Österreich, zehn Jahren in einem fremden Land, in dem sie vielleicht doch irgendwie auch zu Hause war, packt sie ihre Sachen, Kleider, Küchengeräte, Möbel, die Spielsachen ihrer Tochter, bald soll es losgehen. Einen halben Laster haben Sie zusammen mit einer befreundeten Familie gemietet, das muss reichen. Meral und die kleine Sena fahren morgen los, ihr Mann bleibt noch drei Wochen, dann kommt auch er nach.

Ich wusste, wir wussten alle, dass sie bald geht. Wohin, das weiß sie selbst noch nicht so genau. Die Familie kommt vom Schwarzen Meer, sie gehen jetzt erst einmal in den Süden, aber wollen letztendlich wahrscheinlich etwas in Ankara finden. EineTelefonnummer oder Adresse hat sie noch nicht, aber sie verspricht, sich zu melden.

Zehn Jahre waren sie hier. Sie haben beide studiert, Meral ist mit ihrer Promotion fertig geworden, ihr Mann ist es bald. Deutsch haben sie gelernt, Meral spricht es fließend, fast fehlerfrei, und sich mit dem Leben im fremden Land arrangiert. Freunde gefunden, die Tochter ist hier groß geworden, spricht genauso gut Deutsch wie Türkisch. "Im Kindergarten haben sie alle geweint. Sogar eine der Tanten", erzählt Meral. Nur ein bisschen älter als das Lieschen ist Sena.

Abends, im Wohnheim, ist Meral noch einmal zum Abschiednehmen vorbei gekommen. Umarmungen, Meral weint, die Adressen sind schon ausgetauscht, man wünscht sich alles Gute. Jemand macht einen Scherz, erzählt eine Geschichte von früher, alle lachen. Die Mädchen reden auf Türkisch durcheinander, Meral sagt etwas auf Deutsch. Spät ist es geworden und sie muss nach Hause, morgen geht es früh los.

Sonntag, 19. Februar 2012

Hoher Besuch

Heute war der Vorsitzende des Vereins, der Träger des muslimischen Mädchenwohnheims ist, bei uns zu Besuch. Das war etwas Besonderes, weil sonst außer Handwerkern kein Mann in den Räumlichkeiten erlaubt ist. Ausnahme: die zwei oder drei Vorträge und Treffen mit einem Wissenschaftler aus der Türkei, die seit ich hier bin im Mädchenwohnheim organisiert wurden. Heute also der Vorsitzende. Gerade zu Hause angekommen, treffe ich einige der Mädchen, die in der Küche mit Teekannen hantieren und Popcorn machen.

Türkischer Kopftuch-Chic

Ich kenne sie sonst draußen mit langem, gut geschnittenen Mantel und schickem Kopftuch oder drinnen in Jogginghose, Jeans, Pulli oder was man sonst eben so trägt. Heute sind sie zwar vollkommen bedeckt, tragen aber - zu Hause - keinen Mantel. Die beiden in der Küche stecken in langen, schicken Röcken, darüber eine in den Bund gesteckte Bluse und ein Satinkopftuch - sie sehen ein bisschen aus wie die Models moderner türkischer Tesettür-Mode. Die Mädchen laden auch das Lieschen und mich ein, runter zu kommen, aber wir haben noch etwas zu tun. Etwas später gehen wir dann noch mal gucken.

Kuchen mit Salat

Von weitem schon sehe ich, in welchem Zimmer sie sind - das mit dem Berg an Pantoffeln vor der Zimmertür. Als ich an der Schwelle stehe, sitzen dort mehr als ein Dutzend Mädchen, der Vorsitzende des Vereins, seine Frau und Töchter um eine riesiges Tischtuch, das auf dem Boden ausgebreitet wurde. Wir werden freudig begrüßt, kriegen zwei Plätze zugewiesen, Kissen zugeschoben, Tee und einen Teller mit kizir und kazandibi serviert. Mir fällt ein, wie verdutzt ich damals gewesen bin, als ich zum ersten Mal bei türkischen Bekannten Zitronenkuchen und Hackfleischtaschen auf ein- und demselben Teller serviert bekommen habe...

Deutsch, Türkisch, Englisch

Der Vorsitzende erklärt gleich, dass jetzt bitte nur noch Deutsch gesprochen wird. "Aber sie versteht uns doch", werfen gleich ein, zwei Mädchen lachend ein. Dann werden des Lieschens Deutsch- und Englischkenntnisse getestet und der Vorsitzende erzählt lachend, wie die Mädchen, weil sie im Wohnheim meistens nur Türkisch sprechen und ihre Deutschkenntnisse darunter leiden, einmal, vor einiger Zeit, bestimmt hatten, dass ab sofort nur noch Deutsch im Heim gesprochen werden dürfte. Eine Woche hätten sie das ausgehalten, sagt jemand; und dann jemand anderes: "In der Woche war es sehr still im Wohnheim", und alle lachen.

Türkisch nur auf dem Flur

Dann hätten sie sich überlegt, dass in den Gemeinschaftsräumen Türkisch ok sein sollte, in den Zimmern aber nur Deutsch gesprochen werden sollte. "Das sah dann so aus", erklärt der Vorsitzende und kann ein Lachen nur schwer unterdrücken, "dass man sich im Zimmer unterhalten hat, und wenn man auf schwierige Themen gekommen ist, raus in den Flur oder die Küche gegangen ist". Wieder lachen alle. Kaum eines der Mädchen hier ist zufrieden mit seinen Deutschkenntnissen, dabei sprechen bis auf die beiden Neuankömmlinge aus der Türkei alle Mädchen hier im Raum die Sprache fließend - und gut genug, um im Studium Fachliteratur zu wälzen.

Ausflug ins Skigebiet

Später erzählt eines der Mädchen von dem Wochenende, das sie kürzlich im Skigebiet verbracht hat. Mehr im Schnee gelegen als wirklich gefahren wäre sie, meint sie lachend, sie sei noch Anfängerin. Und dann verhandeln die Mädchen mit dem Vorsitzenden plötzlich, ob der Verein nicht auch bald einen Ausflug zum Skifahren organisieren könnte, vielleicht im März irgendwann? Kosten werden berechnet und geschaut, wer überhaupt Ski fahren kann oder Lust hätte, es zu lernen.

Mit wehendem Kopftuch

Ich muss daran denken, wie Esme, die auch hier mit uns in der Runde sitzt, und die ich auf der Straße noch nie ohne ihren langen Mantel und das Kopftuch gesehen habe, mir letztens erzählt hat, dass sie als junges Mädchen begeisterte Fußballspielerin war - in Mantel und Kopftuch zusammen mit den Jungs in ihrer Gasse. Noch heute macht sie, wenn ihr Studium und Arbeit Zeit lassen, gerne Sport. Badminton war sie letztens spielen, wobei mir ein Rätsel ist, wie sie das mit dem Mantel hinbekommen hat, und Eislaufen stand auch letztens auf der Liste.

Werd sie vermissen

Es sieht so aus, als hätten sich die Mädchen und der Vorsitzende geeinigt. Das Thema wechselt vom bevorstehenden Ausflug zu irgend etwas anderem, die Diskussion in der großen Runde verläuft sich und viele einzelne Gespräche entstehen. Ich schaue zu Saliha, die neben mir sitzt, in ihrem akkurat gebundenen Kopftuch, von H&M hat sie das und es sieht super aus zu ihrer hellen Haut, jetzt lächelt sie und ich denke daran, wie sehr ich diese Mädchen vermissen werde.

Mittwoch, 15. Februar 2012

Ismete

Oder: Zwischen Wien, Zagreb und Mazedonien

Ismete
lebt seit anderthalb Jahren in Wien. Dass sie aus Mazedonien kommt, darauf muss man erst mal kommen. Mit ihrem typisch türkisch gebundenen Kopftuch könnte man sie ohne Weiteres für eine Anatolierin halten.

Studentin der Islamischen Theologie

In Wien studiert sie Islamische Theologie, macht hier einen Master. Den ersten Abschluss hat sie im Kosovo erlangt. Mit dem Studium in Österreich ist sie nicht so richtig zufrieden. "Es geht nur um Kritik am Islam", sagt sie rollt genervt mit den Augen. "In Bezug auf theologische Fragen habe ich in den letzten anderthalb Jahren hier an der Uni nichts gelernt. Warum heißt es dann Islamische Theologie und nicht Kritische Islamwissenschaften - oder so?"

Zwischen Wien, Zagreb und Mazedonien

Ismete ist Ende Zwanzig und verheiratet. Ihr Mann kommt wie sie aus Mazedonien. Er studiert in Kroatien, bereitet sich dort auf seine Promotion vor. In welchem Fach habe ich sie nie gefragt. Sie pendelt zwischen Wien und Zagreb, jetzt in den Ferien ist sie wieder bei ihm.

Mehrsprachig

Neben Deutsch, was sie fließend spricht, beherrscht sie Albanisch und Mazedonisch - was für eine Angehörige der albanischen Minderheit in Mazedonien nichts außergewöhnliches ist. Außerdem ist ihr Türkisch perfekt, sie hat die Sprache in Mazedonien gelernt und im Wiener muslimischen Mädchenwohnheim perfektioniert. Link
Zukunftspläne: Deutschland...

Ihre Masterarbeit plant sie, zur Behandlung des interreligiösen Dialogs in islamischen Schulen in Österreich und Mazedonien zu schreiben. Was danach kommen soll? Vielleicht eine Promotion. Aber nicht in Österreich. Viel lieber will sie dafür nach Deutschland - "dort ist man im Bereich Islamische Theologie schon viel weiter als in Österreich. Wir haben hier in Wien einen Professor in dem Fachbereich..." Immer wieder bekomme ich mit, dass sie gerade wieder an einem Konferenzbeitrag arbeitet.

...oder doch UK? Und Kinder!

Auch ein Promotionsstudium in Großbritannien könnte sie sich vorstellen. Sie überlegt schon, demnächst bald einen Englischkurs zu machen, um ihr Englisch (das jetzt schon gut ist) auf Vordermann zu bringen. Kinder will sie auch mal - später irgendwann.

Was gesehen

Beim Tee erinnert sie sich an die Reise, zu der sie als community leader aus dem multiethnischen Mazedonien vor einigen Jahren von der US-Regierung zu einer Rundreise durch Amerika eingeladen wurde. Sie zählt die Städte auf, die sie im Zuge dieser Reise gesehen hat. "Mein Mann hat in Nordamerika studiert, aber er sagt selbst immer, dass ich definitiv mehr von den USA gesehen habe als er", sagt sie, lacht, und nimmt noch einen Schluck Tee.

Donnerstag, 2. Februar 2012

Immer diese Auslaender!

Oder: ein bisschen Fremdenfeindlichkeit am Abend

Wien, Westbahnhof, irgendwann im Dezember. Vollbepackt, mit Buggy, Lieschen und mehreren Taschen laufe ich durch den Bahnhof. Es ist voll, und wie so oft in Mitten einer Menschenmasse laufen mir immer wieder Leute vor den Buggy. Wenn ich dann nicht schnell genug ausweiche, bemerken sie erst, wenn sie ueber die Raeder stolpern, dass dort ein Buggy faehrt. Das ist teilweise wirklich unangenehm, weil die wenigsten sich bewusst zu sein scheinen, dass nicht ich ihnen in die Hacken gefahren bin, sondern sie mir so vor die Raeder gelaufen sind, dass ich keine Chance auszuweichen hatte. (Bremsen alleine bringt nichts - fallen sie trotzdem drueber. Alles schon erprobt!).

Kollision knapp verhindert

So kommt es also auch diesmal wieder - fast - zu einer Kollision. Ich schaffe es gerade noch, mit dem Buggy entgegen zu lenken, aber die Ecke meines Rades beruehrt fuer den Bruchteil einer Sekunde das auesserte Ende der Turnschuhsohle eines jungen Mannes, der mit einem Freund im Bahnhof unterwegs ist. Ich weiss, dass ist hier nicht ueblich, aber ich murmele ein "Entschuldigung" und laufe weiter, bin mir gar nicht sicher, ob die beiden ueberhaupt mitbekommen haben, dass der Zusammenstoss nur knapp verhindert wurde.

Ich bin (keine) Auslaenderin

Haben sie. Als naechstes hoere ich naemlich ein deutliches: "Immer diese Auslaender!" von einem der beiden jungen Maenner. Ich bin so baff, dass ich einen Moment brauche, um zu fassen, was mir da gerade entgegen geschleudert wurde. Noch einen Moment brauche ich, um zu verstehen, dass die Antwort, die mir auf der Zunge liegt ("Ich bin keine Auslaenderin!!!") hier nicht passt. Remember, in Wien sind wir, Wien, Oesterreich. So ein Mist aber auch.

Ohne Widerspruch

Bis ich auf eine weitere passende Antwort gekommen bin oder mir ueberlegt habe, ob ich doch den ersten Spruch bringen soll und darauf hoffen soll, dass die beiden a) mir abnehmen, ich sei mit perfekt deutsch-deutschem Akzent sprechende Oesterreicherin (als Oesterreicherin Jahre in Berlin gelebt und soweit integriert, dass gleich schon den deutschen Sprachklang angenommen - kann doch sein?!) oder b) meine neu angenommene oesterreichische Identitaet zumindest nicht offen in Frage stellen, sind die beiden schon weg. Und ich aergere mich noch den Rest des Tages ueber zwei Idioten und dass sie mit ihrem doofen Spruch ohne Widerspruch weggekommen sind.

Samstag, 28. Januar 2012

Samstagabend

Oder: Party im muslimischen Mädchenwohnheim

Es ist mal wieder Party im muslimischen Mädchenwohnheim. Eines der Mädchen, die bisher hier studiert hatte, geht zurück in die Türkei und ihre Freundinnen haben für sie heimlich eine Abschiedsfeier organisiert. Heute Mittag schon standen fünf, sechs, sieben Mädchen in der Küche, haben gebackt und gekocht und massenweise Essen vorbereitet. Seit dem frühen Abend wimmelte das Wohnheim plötzlich nur so vor jungen, hübschen, herausgeputzten Mädchen. All die Mädchen, die ich sonst entweder mit Kopftuch oder mit den Klamotten, die man eben an einem ganz normalen Tag zu Hause so trägt, spazieren hier plötzlich in der schicksten Abendkleidung, geschminkt und mit gemachten Haaren durchs Haus.

Je später es wird, desto mehr Gäste von draußen treffen ein; manche sind schon älter und ein oder zwei haben ihre Kinder mitgebracht. Ein kleiner Junge, der so blond ist, dass er Ole heißen könnte, aber Samet gerufen wird, läuft durch die Räume; außerdem zwei kleine Mädchen. Für die Studentin, die wieder zurück in die Türkei geht, haben ihre Freundinnen einen Film gedreht und geschnitten - kein Wunder, dass sie ihren Augen nicht traut, als sie wie gewöhnlich in den Aufenthaltsraum im obersten Stockwerk kommt und dort alle ihre Freundinnen auf sie warten und statt den Kinofilem, die sonst auf der großen Leinwand dort gezeigt werden, ein ganz persönlicher Abschiedsfilm gezeigt wird. Das Gelächter ist groß, es wirdlaut geklascht, und schon bald die Musik aufgedreht. Party im muslimischen Mädchenwohnheim eben.

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Dillsoße

Mittagspause, Supermarkt bei uns um die Ecke, die Schlange an der Kasse ist erstaunlich kurz. Hinter mir steht ein junger Mann. Schokoladeneis und Fertigcurrywurst kauft er. "Dabei biste nicht wirklich der Schlankeste", denke ich noch. Ich zahle meinen Mais und den Käse. Während ich meine Einkäufe einpacke, steht er neben mir und zahlt. Dabei balanciert er eine in Plastik eingepackte Styroporschachtel mit anscheinend irgendetwas Essbarem drin so ungeschickt, dass es schließlich passiert - er gießt mir einen ganz schönen Schwall grün-durchsichtiger Soße auf meinen Schuh. Iiiih.

Ich gucke auf meinen Schuh, er schaut darauf, dann sieht er wieder hoch und widmet sich der Kassiererin. Zu mir: Kein Blick, kein Wort, keine Geste, nichts. Ich bin erst mal so baff, dass ich gar nichts sage. Als nach einem Moment immer noch keine Entschuldigung, kein "ups", kein "hoppala", kein garnichts seinerseits zu hören ist, mache ich doch den Mund auf. Ob er ein Taschentuch habe, frage ich ihn. Wieder schaut er mich nicht an, sieht aber zur Kassiererin und fragt sie, ob sie eines hat. Hat sie und ich wische das Zeug von meinem Schuh. Und warte. Aber es kommt nichts. Das kann doch nicht sein. Dann frage ich: "Was war das denn?" Er, und jetzt schaut er mir endlich ins Gesicht: "Dillsoße". Und dann, endlich: "Tschuldigung". Umgangsformen sind das hier...

Dienstag, 27. Dezember 2011

Mensch ist Mensch

Oder: Philosophie am Dönerstand

Nach Stunden über Stunden Fahrt kommen wir endlich am Wiener Westbahnhof an. Das Lieschen und ich sind uns einig: Hunger! Ein kurzer Blick durch die Bahnhofshalle: Wir haben die Wahl zwischen Pizza, asiatischen Nudeln, Döner, belegten Brötchen und Fischfrikadellen. Nach einem Moment des Zögerns (ja, die Qual der Wahl und so) entscheide ich mich für den Dönerstand und bestelle ein Falafelsandwich. Schaue dem Mann hinter dem Tresen zu, wie er Falafelbällchen, Humus, gebratene Auberginen (nee, Melanzani sind das ja hier), Salat und so weiter in ein Pitabrötchen schaufelt. Zum Mitnehmen? Ja, bitte.

Er reicht mir das kleine Packet über die Theke und als ich bezahle, rückt er schließlich mit der Sprache heraus: "Sie Österreich?". "Nein", sage ich, " ich bin Deutsche" und starte gleich die Gegenfrage: "Und Sie?" (Das ist das tolle an diesen tendenziell distanzlosen Fragen nach der Herkunft; man darf dann genauso ungeniert zurückfragen.) "Ich bin Türkei", sagt der Mann. Lacht. Und verbessert sich. Er wäre Kurde, sein Kollege da hinten, er zeigt auf den Mann an der Friteuse, der wäre Türke. Beide lächeln und nicken bekräftigend. Dann sagt der erste: "Aber ist egal. Mensch ist Mensch. Hab ich mir nicht ausgesucht, wo ich geboren bin. Türke, Kurde, Deutscher ist doch egal."

Da kann ich auch nur nicken. Bis der Mann an der Friteuse fragt, ob ich Islam sei. Ich nicke und schiebe dem ein "mhm" hinterher. Beide nicken wieder und zum Abschied, denn in der Zwischenzeit hab ich Falafelsandwich, Tüte ("wollen Sie auch Sackerl?"), Servietten und Rückgeld erhalten, rufen sie mir ein freundliches selam aleyküm hinterher. "Tschüs", rutscht es mir nach mehreren Tagen Deutschland heraus, "wa alaikum salam". Die Cola (muss zum fettigen Falafelsandwich sein) hab ich mir dann beim Bäcker nebenan geholt, 30 Cent billiger war sie da, wieder was gespart.

Donnerstag, 17. November 2011

Neulich in der U-Bahn

Oder: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen

Mittwochabend, das Lieschen und ich sind auf dem Weg nach Hause. Ich war den ganzen Tag auf der Arbeit und bin müde, froh, dass endllich die U-Bahn kommt und ein Sitzplatz in Sichtweite ist. Im Eingangsbereich neben den Türen des U-Bahn-Waggons hockt einer, mit dem Rücken an die Trennwand gelehnt, aber irgendwie komme ich mit Lieschen, Kinderwagen und Taschen vorbei. Sitzen, endlich. Ich unterhalte mich mit dem Lieschen, nach Bah bah black sheep und One, two, three, four, five will sie Five little Monkeys singen, da bekomme ich aus den Augenwinkeln mit, dass der Mann, der da noch vorher an die Wand gelehnt saß, auf dem Boden liegt. Ich registriere es erst gar nicht richtig, schaue wieder weg, bis mir bewusst wird, dass da jemand auf dem Boden liegt. Mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden.

Ich schaue mich um. Das Abteil ist voll. Keiner scheint den Mann am Boden zu bemerken, aber es kann nicht sein, dass sie ihn nicht sehen. Der liegt da doch. Es dauert wieder eine Sekunde, bis ich weiß, was zu tun wäre. Ich schaue zu den beiden Männern, die genau zwischen mir und dem Mann am Boden stehen und frage, ob sie mal hingehen könnten und schauen, ob alles in Ordnung ist. Die beiden schauen mich an, als spräche ich Chinesisch. Der Ältere sagt nichts, reagiert nicht. Der Jüngere schüttelt, als ich meine Frage wiederhole, verneinend den Kopf. Ich schaue mich um. Keiner guckt. Sehen die nicht? Hören die nichts?

Ich sehe mich um, in die andere Richtung. Da stehen drei Jungs, vielleicht 16 oder 17, kleine Türken sind das oder Jugos vielleicht. Ich frage sie, ob sie mal nach dem Mann gucken wollen und plötzlich holt einer der drei sein Handy raus und sie überlegen noch, ob sie hier überhaupt eine Verbindung kriegen, da ist die Notrufnummer schon gewählt. Als ich höre, wie einer seinen Freund fragt: "Was soll ich denn da jetzt sagen? Mach du!", übernehme ich das Telefon und ziehe die Notbremse. Während ich am Telefon die Situation erkläre, erklärt der kleine Türke dem Fahrer über die Sprechanlage, was passiert.

Während wir - der Zug steht in der Station - auf den Fahrer warten, kommen mehr und mehr Fahrgäste in den Wagen. Die Erleichterung, die Bahn doch noch erwischt zu haben, die kennt man - aber für einen Platz im Waggon über einen, der da am Boden liegt, steigen? Kein "Oh, was ist denn hier los? Ist alles in Ordnung? Kann ich helfen?" Der Junge, der vorhin auf meine Frage hin nur den Kopf geschüttelt hat, schaut immer noch genauso wie vorher auf die Wand gegenüber von ihm. Keiner sagt was. Der Fahrer kommt, spricht den Mann an, hilft ihm, sich aufzusetzen. Es scheint alles mehr oder weniger in Ordnung zu sein, die Fahrt geht weiter. Ich erkläre den drei Jungs noch, dass sie, wenn immer sie in einer solchen Situation sind, selbst was machen oder zumindest Hilfe holen sollen, auch wenn sie der Rest der Leute deshalb für deppert hält. Wenn der komisch liegt, vielleicht besoffen ist und sich erbricht, kann er ersticken. Dann wollt ihr nicht der gewesen sein, der auf die Frage nach Hilfe den Kopf geschüttelt hat. Die Jungs nicken, und das Lieschen und ich steigen aus.

Montag, 14. November 2011

Gesucht, gefunden (1)

Und jetzt leben wir in einem Wohnheim für Studentinnen, die aus der Türkei zum Studium nach Österreich gekommen sind. Sie kommen aus allen Ecken der Türkei, viele aus Istanbul, aber auch aus dem Landesinnern, von der Schwarz- und Mittelmeerküste und aus dem Osten. Sie studieren BWL, Architektur, Psychologie, Ernährungswissenschaften, Medizin, Jura, islamische Theologie. Die "Türkinnen" sind Türkinnen, Kurdinnen, Angehörige der arabischen und der mazedonischen Minderheit. Zwei Österreicherinnen, deren Familien aus der Türkei stammen sind auch dabei. Ein Mädchen aus dem Kosovo, eine indonesische Phd-Studentin. Und das Lieschen und ich.

Zum Studium ins Ausland

Einige der Mädchen stehen schon am Ende ihres Studiums und leben seit fünf oder sechs Jahren hier. Andere sind erst seit einigen Wochen im Lande. Manche sprechen fließend Deutsch, andere stehen noch ganz am Anfang. Die Mädchen, die vor Jahren hierher kamen, haben Österreich als Studienort gewählt, weil sie so trotz Kopftuchverbot an türkischen Universitäten einen Studienabschluss erlangen konnten. Die, die jetzt (wo das Verbot nicht mehr durchgesetzt wird wie früher) kommen, wissen, dass sie hier eine bessere Ausbildung bekommen als zu Hause. Dauerhaft bleiben will keine.

Türkinnen, Österreicher, Deutsche

Österreichische Freunde haben die wenigstens. Zena hat eine österreichische Tandempartnerin - aber welcher Österreicher will schon Türkisch lernen? Die deutschen Studenten, von denen es hier Massen gibt, genießen unter den Mädchen einen weitaus besseren Ruf. "Die Österreicher sind irgendwie kalt", höre ich hier immer wieder, "ganz anders als die Deutschen, die sind viel freundlicher. Außerdem sprechen die Wiener so komisch, da verstehe ich nie ein Wort." Jetzt eine Muttersprachlerin im Haus zu haben, finden sie alle toll.

Tülin aus Ankara, Pervin aus Erzurum

Besonders beeindruckt hat mich Tülin. Ihre Eltern kommen aus Ankara und sind ganz einfache Leute. Tülin haben sie auf eine internationale Schule geschickt, in der auf Englisch unterrichtet wurde, so dass sie heute Englisch fließend spricht - mit britischem Akzent. Nach dem Abitur, dass sie diesen Sommer ablegte, lernte sie drei Monate lang an einer türkischen Sprachschule Deutsch. Dann kam sie nach Österreich. Ich lernte sie nur ein paar Tage nach ihrer Ankunft in Wien kennen. Ihr Deutsch war fließend. Pervin ist schon seit zwei Jahren hier. Sie ist Kurdin, ihre Familie stammt aus Erzurum, ist aber nach Istanbul gezogen. Pervins Deutsch ist noch abenteuerlich, das sagt sie selbst und lacht: "Ich denke einfach zu schnell, da kommt ich mit dem Sprechen nicht hinterher." Sie überlegt jetzt sich selbst eine Wohnung zu suchen und auszuziehen. "Ich habe mein Leben lang mein eigenes Zimmer gehabt", erklärt sie, "sich ein Zimmer zu teilen, war für zwei Jahre okay, aber jetzt langsam reicht es mir."

Von wegen "Kopftuchmädchen
"

Ich wohne hier mit Dutzenden von türkischen Mädchen. Einige sind türkisch, andere kurdisch, arabisch oder mazedonisch. Pervin kann armenische Lieder singen: "Bei uns in Mesopotamien sind wir alle durchgemischt, ein buntes Durcheinander", erklärt sie mit einem Augenzwinkern. Sie sind noch ganz jung oder schon etwas älter, tragen ihr Kopftuch im schicken türkischen Stil, als Schal gebunden, im Oma-Style - oder gar keins. Sie sind haben schneewittchenschwarze Haare, rapunzelblonde, irischrote oder kastanienbraune, Ela hat ihre orange gefärbt (bloß sieht das draußen keiner, wegen des Kopftuchs). Sie sind hübsch, hässlich, wunderschön; dick, dünn, ganz normal; verheiratet, ledig; sehr religiös oder nur ein bisschen; kreuzgescheit, gewitzt und frech oder eher brav und unauffällig - sie sind so verschieden, dass ich lügen würde, würde ich sagen, dass ich nicht wütend werde, wenn ich daran denke, dass sie für manche einfach nur Türken wären, Kopftuchmädchen.

Sonntag, 13. November 2011

Auf der Suche (1)

Auf Wohnungssuche

Ein Zimmer in einer fremden Stadt zu finden, ist nicht immer leicht. Vor allem, wenn man nicht vor Ort ist. Vor allem, wenn man nicht nur für sich sondern zusätzlich noch ein Kleinkind sucht. Die Recherche per Internet und E-Mail war nicht sonderlich ergiebig. Es stellte sich schnell heraus, dass meine bisherige Option der Wahl - ein Zimmer in einer WG - nicht besonders erfolgsversprechend zu sein schien. Zum einen scheine ich langsam aus dem Altersrahmen, den die meisten jungen WG-ler als Ideal für einen zukünftigen Mitbewohner vorstellen, herauszufallen. Zum anderen passt das einfach nicht wirklich: Leben mit Kleinkind vs. Studentenleben in der WG. Wobei noch nicht mal wir die Partei waren, die sich das nicht vorstellen konnte (ich habe schließlich eine ganze Reihe an E-Mails an WG-Bewohner geschickt), sondern eher die anderen, die vielleicht dachten, mit Kleinkind würde die Wohnung im Chaos versinken (na ja, so falsch hätten sie mit der Vermutung ja noch nicht einmal gelegen) oder man dürfte nie wieder laute Musik hören und ab sechs nur noch flüstern...

Nasibe weiß weiter

Die erste Woche, hatte uns eine Bekannte angeboten, dürften wir bei ihr übernachten. Sie war es auch, die uns vorschlug, doch mal in diesem türkisch-muslimischen Verein vorbeizuschauen. Also packte ich das Lieschen an einem schönen Dienstagnachmittag in seinen Buggy und machte mich auf den Weg. Ich wusste nicht, was für ein Verein das war und nach wem ich suchte, aber als ich an der Rezeption sagte, dass ich ein Zimmer brauche, wurde ich gleich zu Nasibe geschickt. Nasibe ist um die fünfzig, nicht mehr die schlankste, mit langem dunklen Mantel, gedecktem türkisch gebundenen Kopftuch und freundlichen Augen in einem kleinen Gesicht saß sie in der Cafeteria des Vereins. Sie war die einzige Frau im Raum, saß inmitten all der jungen Männer, die dort vor einem türkischen Glas Tee saßen, beriet sie, erklärte ihnen, nannte sie canim und lachte dabei selbstbewusst, rief dem Mann hinter der Theke quer durch den Raum Anweisungen zu.

Granatapfelsaft, Sesamsalzstangen und türkischer Tee

Zur Begrüßung schloß sie das Lieschen und mich in die Arme und küsste uns. Innerhalb von Minuten wurde das Lieschen mit Granatapfelsaft, Sesamsalzstangen und Schokokeksen versorgt und ich mit schwarzem türkischen Tee. Wir mussten erst mal erzählen, wie es uns geht und woher wir kommen und schließlich durfte ich zur Sache kommen. Sie beriet sich mit den beiden Mädchen, die in der Zwischenzeit zu uns gestoßen waren auf Türkisch. Dass ich verstand, konnten sie nicht wissen, aber es schien ein Zimmer zu geben. Normalerweise würde das nicht vermietet werden, aber: "Jetzt steht sie hier mit ihrem Kind und braucht ein Zimmer, ne yapim?". Mir wurde auf Deutsch erklärt, dass es ein Zimmer gäbe und ich es mir ansehen könnte. Und so kam es, dass ich zwei Tage nach unserer Ankunft in Wien ein Zimmer hatte. Am nächsten Tag zogen wir ein.

Donnerstag, 10. November 2011

Bei Nachbarn

Oder: Wie Deutschland, nur anders

Auf den ersten Blick wirkt Wien nicht fremd. Ein bisschen erinnert es mich an Berlin, mit seinen großen, imposanten Mietskasernen und historischen Prachtbauten. Die Menschen sehen auch aus wie bei uns. Gut gekleidete Berufstätige mittleren Alters, hippe bis lässige Studenten in ihren Zwanzigern, osteuropäische Bauarbeiter in mit weißer Farbe verschmierten Arbeitshosen, zwei oder drei türkische Kopftuchomis. Der Dialekt ist dem Bayrischen nicht unähnlich. Und wie in Bayern ist auch hier die Begrüßungsformel der Wahl Grüß Gott.

Was sind Melanzani?

Den ersten Moment des Fremdseins habe ich im Supermarkt. Dass dort Tomaten Paradeiser und Kartoffeln Erdäpfel heißen, wundert mich nicht weiter, das wusste ich, darauf war ich vorbereitet. Auch mit dem Begriff Karfiol konnte ich etwas anfangen - Blumenkohl ist das. Aber das man hier Auberginen Melanzani nennt, und grüne Bohnen Fisolen? Der Moment, wo erst mal gar nichts mehr geht, wartet an der Kasse (die hier die Kassa zu sein scheint).

"A Sackerl will sie"

Als ich den jungen Mann dort an der Kasse freundlich nach einer Tüte frage, schaut er mich an wie eine Kuh, wenn's donnert, und auch als ich meine Bitte noch und noch einmal wiederhole, scheint er mich nicht zu verstehen. Spreche ich so undeutlich? Hat er was an den Ohren? Was ist los? Eine Frau in der Schlange hinter mir hat schließlich Erbarmen (vielleicht war es auch die Ungeduld, nun endlich selbst dran zu sein) und meint lachend: "Sackerl, a Sackerl will sie. 'Tüte', das sagt man in Deutschland dazu, stimmt's?" Ich nicke, lächle und bekomme meine Tüte. Später bekomme ich erklärt, dass eine Tüte hier eine kleine, flache Papiertüte ist. Kein Wunder, dass der Mann an der Kasse nicht verstanden hat.

Polster ist Kissen, Sessel ist Stuhl

Und so wird meine imaginäre Liste an österreichisch-deutschen Wörtern länger und länger: Mist ist Müll, ein Mistkübel ein Mülleimer, drei Paar Socken um fünf Euro heißt 'drei Paar Socken für fünf Euro', wir sind umgesiedelt bedeutet 'wir sind umgezogen', Polster ist Kissen, Sessel ist Stuhl, und der Hausmeister heißt hier bisweilen Hausbesorger.

Nicht alles wie bei uns

Lieselotte ist in Wien und auf den ersten Blick mag es hier aussehen wie in Deutschland, aber sobald man etwas genauer hinschaut und -hört, wird einem klar, dass das hier nicht Deutschland ist. Sondern Österreich, wo - der erste Eindruck trügt - nicht alles so ist wie bei uns.