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Freitag, 24. Juli 2015

Beirut is...

After four days...

Beirut is hot. Beirut is humid. Beirut is big and busy.

It is old houses and modern buildings, broad highways and narrow streets.

Beirut is Hamra and it is all those people who are extra friendly to the German hijabi. Are they Sunni? Or just generally friendly?

Beirut is bushes of pink majnounieh, those flowers I know from Palestine. 

It is people advising me not to tell others that I have worked in Palestine or that my husband is Syrian because politics ... and me talking about it anyway because what the heck.

Beirut is full of Syrians, young people, families, poor rich, big cars with Syrian number plate parked outside of the 5 star hotel, and Ahmad who is going to the camps in the North, where thousands of Syrians are living surviving.

Beirut is Sanayeh with all its greenery. An urban jungle. Trees, bushes, palm trees, flowers. Green against the yellow and grey of the houses. Beirut is beautiful.

Beirut is the current waste management crisis, communication between the municipality and its waste collection company going wrong. 

Beirut is secretly guessing which sectarian group he / she / they belong to ... as if it mattered. It is seeing a cross, a picture of the Dome of Rock, a painting of Nasrallah, a hijab worn a certain way and  thinking 'aaaaaaah!'.

Beirut is sitting in a restaurant near the sea and realising that, even sitting so close to the water, does not really bring any relief from the heat.

It is sitting in a café with a former combattant, speaking about his past and the reconciliation work he is involved in now, before he buys Lieschen a fresh orange juice.

Beirut is full of foreigners. It is meeting an American-Lebanese family who used to live in Germany on the playground, it is Syrians, Syrians, everywhere, it is Italian tourists in Gemmayzeh, French volunteers in Dawrah, and all those Africans, Filipinos, Sri Lankans, Indians and Thais who came here for work.

Beirut is haggling with the servis drivers and making use of all those tricks you learned in Palestine. 

It is answering again and again, 'where are you from?', 'are you Muslim?', 'are you married to a Muslim?'.

Beirut is seeing, from your roof-top balcony, a mosque and a church ... and the sea.

Beirut is airconditioned rooms smelling of cigarette smoke.

Beirut is barely coping with the humidity and wondering how on earth they manage back in the days, without fan, no AC, God, what on earth did the French want here?! 

Beirut is hearing Arabic in the streets, English and French, marhaba, ahleen, kifak, ca va, yallah bye.

Beirut.

Currently doing fieldwork in Beirut. More pictures and texts to come inshaallah.

Dienstag, 4. Februar 2014

Ayo

Ayo: Live at the Olympia, Paris (2007)


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Samstag, 14. Dezember 2013

Zaz

Zaz - Zaz (Komplettes Album, 2010)

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Sonntag, 14. Juli 2013

Ramadan global

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 - 6. Ramadan - 
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Bilder, die zeigen, wie Muslime auf der ganzen Welt Ramadan begehen, beten, fasten und feiern findet man jedes Jahr wieder in "westlichen" Zeitungen. Und jedes Mal bin ich wieder fasziniert. Wie oft wird doch davon ausgegangen, dass Muslime weltweit doch irgendwie alle gleich seien - schließlich teilen sie die Religion.

Virtuelle Reise um die Welt

Wie oft vergessen wir, dass der Islam keineswegs nur in der Türkei, dem Iran und arabischen Staaten verbreitet ist, sondern fast überall auf der Welt Muslime leben und ihre Religion praktizieren - auf oft ganz unterschiedliche Art und Weise. Indonesien, Pakistan, Dubai, Frankreich, Serbien, Jemen, Palästina, Türkei - diese Bilderserie nimmt mit auf eine Reise um die Welt.

Vertraute Bilder

Beim Durchsehen der Bilder kam mir vieles vertraut vor, hatte ich doch in einigen der gezeigten Länder selbst schon Ramadan verbracht. Ein Text ist mir wieder eingefallen, den ich vor zwei Jahren für Muslime Helfen geschrieben habe - zu genau dem Thema, nämlich wie in Ländern rund um die Welt, all den Ländern, in denen ich in den letzten Jahren Ramadan verbracht habe, gefastet und gefeiert wird.

Ramadan in Paris, Bulgarien, London, Palästina, Indien...

Wie also feiert man Ramadan in ... Westdeutschland, Bulgarien, Ostdeutschland, Paris, Palästina, Indien, Pakistan, London? Hier geht es zu meinem in drei (eins, zwei, drei) Teilen veröffentlichten Text auf der Webseite von Muslime Helfen!

Donnerstag, 13. Juni 2013

Deutsche Kriegsverbrechen in Afrika

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Hitlers afrikanische Opfer

Die Massaker der Wehrmacht
an schwarzen französischen Soldaten

Vortrag von Raffael Scheck,
Professor für Europäische Geschichte
der neuesten Zeit am Colby College
in Waterville, Maine (USA)

Mittwoch, 19. Juni, 19.00 Uhr

Massaker an Soldaten aus Westafrika

Die Legende vom "sauberen Westfeldzug", in scharfem Kontrast zur verbrecherischen deutschen Kriegführung im Osten, ist nicht länger haltbar: Raffael Scheck belegt detailliert, dass die Wehrmacht im Mai und Juni 1940 Massaker an Soldaten und Kriegsgefangenen aus Westafrika verübte, die in der französischen Armee gekämpft hatten. Diese Gräueltaten waren weder Thema in der bekannten "Wehrmachtsausstellung" noch wurden sie nach dem Ende des Krieges gerichtlich verfolgt.

Brutalisierung deutscher Kolonialkriegsfuehrung

Der Autor untersucht die Gründe für die Massaker an schwarzen Soldaten und stellt sie in die Kontinuitätslinie der Brutalisierung deutscher Kolonialkriegsführung im Maji-Maji-Aufstand und im Krieg gegen die Herero. In der Veranstaltung informiert er zudem über den Stand der staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen heute noch lebende Angehörige der Wehrmacht.

Vergangenheitsbearbeitung

Wie diese Massaker und die Kriegserfahrungen der Kolonialsoldaten heute in der Politik, in den Medien und in den Familien westafrikanischer Länder thematisiert werden, beleuchten Vertreter des Afrikarates Norddeutschland im Anschluss an den Vortrag.

Die Veranstaltung findet im Rahmen der Ausstellung "Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" statt. Das Begleitprogramm gibt es zum Download als pdf.

Ort

W3 -- Werkstatt für internationale Kultur und Politik
Nernstweg 32-34, 22765 Hamburg-Altona

Veranstalter

Eine Welt Netzwerk Hamburg e.V.
KZ-Gedenkstätte Neuengamme
Afrikarat Norddeutschland e.V.
in Kooperation mit der W3

Informationen zum Buch

Scheck, Raffael: Hitlers afrikanische Opfer. Die Massaker der Wehrmacht an schwarzen französischen Soldaten. Verlag Assoziation A, Berlin/Hamburg, 2009. 200 Seiten, 20 Euro



Freitag, 31. Mai 2013

Zu Besuch bei Freunden


Geschichten von Heimat und neuer Welt, 
vom Anderssein und Ankommen

Lange nicht gesehen
 
Am Sonntag bin ich bei Hüma eingeladen. Wir haben zusammen Abitur gemacht, Hüma war damals nach der zehnten von der Realschule zu uns aufs Gymnasium gekommen. Es war nicht immer leicht für sie, aber sie war zielstrebig und hat sich durchgeboxt. Nach der Schule bin ich weg und sie hat in [unserer Stadt] Mathe und Sport auf Lehramt studiert, eine Zusatzausbildung in Reformpädagogik absolviert, Yasin kennen gelernt, sich verliebt, verlobt, verheiratet. Dann ist sie zu ihm nach [andere Stadt in Deutschland] gezogen, hat dort ihr Referendariat absolviert und begonnen, als Lehrerin zu arbeiten. Ich war nicht mehr in Deutschland, sie nicht mehr in [der Stadt, aus der wir kommen], wir haben uns nicht oft gesehen in den letzten Jahren.

Weißer Käse, Rührei, Mangosaft, Nutella

Als wir jetzt beide zur gleichen Zeit in [unserer Stadt] waren, war klar, wir müssen uns sehen. Bis wir uns erreicht haben, war es später Samstagabend, zwölf Stunden später standen das Lieschen und ich bei ihrer Familie auf der Matte. Ihre Mutter, ganz jung und sehr hübsch, öffnet uns die Tür, es werden alle begrüßt, das Lieschen bestaunt und Hümas Tochter, die erst einige Monate alt ist, bewundert. Es gibt kaum etwas besseres als ein türkisches Frühstück, und da sitzen wir dann zusammen im Esszimmer, Hümas Vater, ihre Mutter, Yasin, sie, das Lieschen, ich - das Baby wird rumgereicht. Weißer Käse, gelber Käse, Rohkost, Rühreier, Kartoffelsalat mit Sucuk, Tomaten-Mozzarella-Salat, Nutella für das Lieschen, in Scheiben geschnittene Orange und gestückelte Ananas für alle anderen, dazu Mangosaft und schwarzen Tee. So richtig Türkisch ist das zwar nicht, aber Hauptsache lecker.

Alte und neue Geschichten

Wir essen, lachen und erzählen von früher. Ich kenne quasi Hümas ganze Großfamilie, weil ich in einem Sommer vor vielen Jahren, als wir beide noch an der Uni waren, mal mit ihnen in den Urlaub in die Türkei mitgefahren sind. Und ein paar Jahre später, als ich in Frankreich studierte, und Yasin zufälligerweise auch gerade ein Auslandssemester in der gleichen französischen Stadt einlegte, kamen Hüma und ihre Mutter zu Besuch. Es gibt viele alte Geschichten, die wir uns wieder erzählen können. Und neue auch. Da ist das Lieschen, die kleine Tochter Hümas, mein Leben in London, und Hümas und Yasins bevorstehender Umzug.

Türkei - Deutschland - Harvard

Yasin hat eine Projektstelle in Harvard angeboten bekommen, im September geht er nach Boston, Hüma und die Kleine sollen bald nachkommen. Für ein Jahr, vielleicht auch zwei. Von seinen Eltern hat keiner studiert, auch Hüma ist die erste (und bis jetzt einzige) in ihrer Familie, die einen Uniabschluss gemacht hat. Ihr Vater hätte vielleicht auch gerne studiert, er musste aber damals in den Achtzigern die Türkei verlassen und kam zu seinem Vater, der schon in Deutschland arbeitete. Hümas Vater brachte seine Frau mit. Sie war sechzehn als Hümas Bruder Erol geboren wurde, ein Jahr später kam Hüma auf die Welt. Wie es für sie damals gewesen sein muss, alleine mit ihrem Mann und seinem Vater in dem fremden Land, schwanger, und dann mit zwei kleinen Kindern?

Sie haben sich durchgekämpft

Sie hat sich durchgekämpft, das haben sie beide gemacht. Deutsch gelernt, sie hat den Realschulabschluss nachgeholt, einen Job in einer Bank bekommen, sich hochgearbeitet. Früher hat sie Kopftuch getragen, das hat sie irgendwann abgelegt, aber religiös ist sie noch immer. Hümas Großvater ist irgendwann wieder in die Türkei zurückgegangen. Mit Deutschland ist er nie warm geworden, er kam nie wieder zu Besuch. Ich habe ihn kennen gelernt, bei Hümas und meiner Reise in die Türkei, er wohnte in einem kleinen Haus am Rand einer riesen Plantage, die er bewirtschaftete. Von Kopftuch und Co. hielt er nicht viel, aber wir haben uns verstanden. Auf der Plantage, wo er sich wohler fühlte als zu Hause, da ist er auch gestorben, vor einigen Jahren.

Kind in der einen Hand, Ipad in der anderen


Nach dem Frühstück sitzen wir zusammen im Wohnzimmer, Hümas Kleine wird rumgereicht, das Lieschen von Hümas Vater gekitztelt, bis es schreit; es werden Geschenke ausgetauscht; Yasin steht in einer Ecke des Wohnzimmers, seine Tochter auf dem einen Arm, den Ipad im anderen. Etwas später kommen auch Hümas Bruder Erol, seine Frau Nur, ihr Sohn und Nurs Mutter vorbei. Erols Sohn ist blond und als ich ihn sehe, zum ersten Mal, kann ich mir nicht verkneifen, zu sagen, dass sie es da mit der Integration aber genau genommen hätten, ein blondes Kind, ein kleiner blonder Türke, schwarz wäre doch auch ok gewesen, Erol! Dabei ist Nur blond, und ihre Mutter auch.

Irokesenschnitt, Gesichtsschleier, Zweitfrau, Homoehe

Erol kenne ich auch schon seit über zehn Jahren, vor zwei oder drei Jahren hat er geheiratet. Jetzt ist der Kleine fast ein Jahr und nach fast zwölf Monaten Elternzeit ist Erol kurz davor, wieder in den Beruf einzusteigen. Irgendwas mit Autos arbeitet er, Automechaniker oder Pkw-Händler. Als wir zusammen auf dem schicken schwarzen Sofa sitzen (Hümas Mutter hatte schon immer einen exquisiten Geschmack, sie ist weiter nicht aufgefallen, damals in Paris!), stellt Hümas Vater mir die unvermeintliche Frage, wo es mir denn besser gefalle, in London oder [hier in unserer Stadt in Deutschland]. Ich beginne zu erzählen, und eines der Argumente, das in meinen Augen für London spricht, ist die Toleranz: Egal, wie du aussieht und was du machst, London kann deine Stadt werden, es gibt da einen Platz für dich und du kannst dir sicher sein, nicht weiter aufzufallen. Rosa Irokesenschnitt, schwarzer Gesichtsschleier, Zweitfrau, Homoehe - gibt's alles schon, mindestens einmal, wahrscheinlich noch öfter.

Lieber kein Piercing am Arbeitsplatz

Hümas Vater nickt zustimmend und meint, dass das etwas sei, was ihm hier auch immer wieder auffalle und ihn störe. Die Intoleranz. Die Weigerung, das Andere als gleichwertig oder zumindest gleichberechtigt anzusehen. Er erzählt von einer Begebenheit auf seiner Arbeit, wo eine neue Kollegin, die mehrere Ohrringe getragen habe, das ganze Ohr hoch, angefangen habe. Der Chef, der zufällig hereingekommen sei, habe sie groß angesehen, sei aber ohne ein Wort zu verlieren, wieder gegangen - und etwas später hätte die Frau des Chefs ihn angerufen. Ob die neue Mitarbeiterin Piercings trage? Er bestätigte und fragte sich, was der Aufruhr solle. Am nächsten Tag war die neue Kollegin weg. Und das obwohl sie die Ohrringe auch während des vor Arbeitsbeginn abgehaltenen Vorstellungsgesprächs getragen hatte.

Ein bisschen mehr Gelassenheit

"Ja, haben die das beim ersten Mal nicht gesehen? Dachten die, sie zieht sie für die Arbeit aus? Das hab ich nicht verstanden", meint Hümas Vater. Ich erzähle ihm von dem Mann mit gefärbten Irokesenschnitt, den ich in Transport-for-London-Uniform in England in der tube arbeiten gesehen habe. Wen hat's gestört? Wir schütteln beide den Kopf. Von so einer Art Toleranz, Gelassenheit, Souveränität könnte auch Deutschland etwas vertragen, da sind wir uns einig. Dann würde ich hier auch lieber leben als in London.

Ob ihr Englisch reichen wird?

Als Hüma, Yasin und das Baby sich schließlich mehrmals von allen verabschiedet haben, wir ihnen zu siebt gewinkt haben, bietet Erol an, das Lieschen und mich nach Hause zu fahren. Ich lehne zwar ab, aber er besteht darauf und fährt uns. Auf der Fahrt unterhalten wir uns, über London, hier, Amerika. Hüma war noch nie in den Staaten und ein bisschen mulmig ist ihr schon. Ob ihr Englisch reichen wird? Sie hat mal zwei Monate in Bristol einen Sprachkurs gemacht, und irgendwo ist auch noch das Schulenglisch - aber ob ihr das reichen wird?

Damals - und heute

Erol und ich sind uns einig, dass Hüma keine großen Schwierigkeiten haben wird. Sie spricht die Sprache, und auch, wenn sie am Anfang eine Barriere wird überwinden müssen, wird sie doch bestimmt ganz schnell richtig gut werden auf Englisch; außerdem hat sie über ihren Mann Anschluss an die Uni und eine kunterbunte internationale Gruppe von anderen Unimitarbeitern und deren Familien. Mutterkindgruppen, Babymassage und Kleinkindschwimmen gibt es in Boston wie in [der Stadt, in der sie zurzeit in Deutschland lebt] und man lernt doch kaum so schnell Leute kennen wie über ein Kind. "Mensch", sage ich zu Erol, "guck mal, wie eure Eltern damals nach Deutschland gekommen sind, und wie Hüma und Yasin jetzt in die USA gehen."

Vier Generationen einer Familie

Und wieder einmal denke ich, dass das etwas ist, über das wir in all diesen Inte- und Migrationsdebatten viel zu selten sprechen: was viele derer, die zur ersten Generation der Neuhinzugekommenen gehören erreicht haben, wie schwer sie es hatten und wie sehr sie gekämpft haben, dass die, die danach kamen, es leichter hatten. Hümas Großvater kam damals hierher, hat sich kaputt gearbeitet und ist weg, sobald er es konnte. Hümas Eltern kamen nach, haben den größten Teil ihres Lebens hier verbracht, viel geopfert und es schwer gehabt, aber auch etwas erreicht, auf das sie stolz sein können, dass sie zu Hause nicht gehabt hätten. Zurück gehen würden sie nicht, sie sind nicht von hier - aber gehören hierher. Hüma und ihr Bruder, hier geboren, sind wie die von hier. Wie die hier und außerdem noch ein bisschen anders. Und Hümas Tochter? Hier geboren, wie die hier und außerdem noch ein bisschen anders. Und wenn sie erst in die USA gehen noch ein bisschen anders.

Wer weiß

"Manchmal mach ich mir Sorgen, dass wenn sie einmal dort sind, es ihnen so gut gefällt, dass sie nicht wiederkommen", sagt Hümas Mutter, "so wie du in London". Ich sage "nein" und "das glaube ich nicht" und "es ist ja nur für zwei Jahre" - aber wer weiß das schon. Wer weiß das schon...

Montag, 27. Mai 2013

Frauen-Treffen

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Sechs Frauen, zwei Kinder, Minztee und Kuchen

Muslime und Hipster und Ganznormale

Es ist Frühling in Deutschland, und weil ich gerade in town bin, fragt Victoria, ob ich auch mitkommen will. Zum Frauen-Treff. Muslimischen Frauen-Treff. Man trifft sich alle ein bis zwei Monate, diesmal in einem Café, in dem Hipster und Ganznormale an kleinen Tischchen, die sich auf dem Bordstein drängen, marokkanischen Minztee, Mangosaft und Mokka aus der Türkei schlürfen. Kleine türkische Gebäckteile gibt es auch und Bio-Eis. Das findet das Lieschen gut, und auch, dass sie nicht das einzige Kind ist, weil Victoria ihre Tochter Lina auch mitgebracht hat. 

Alle anderen sind zu spät. - Typisch Muslime.

Um fünf war das Treffen angesetzt, als das Lieschen und ich eintreffen, sitzt nur Victoria mit ihrem Mann und der Kleinen dort. Alle anderen sind zu spät. Typisch Muslime. Der Besitzer des Cafés kennt die anderen schon. Er ist selbst (praktizierender) Muslim und zuckt mit keiner Wimper, als schließlich eine junge betuchte Frau nach der anderen aufläuft. Victorias Mann verabschiedet sich, und wir sind unter uns. Da ist Victoria, sie ist seit über zehn Jahren Muslimin, hat in Deutschland auf Lehramt studiert, in Großbritannien noch einen Master in Islamischer Pädagogik draufgesetzt und steht jetzt kurz vor dem Referendariat. Wenn sie, als Kopftuchträgerin, eine Referendariatsstelle an einer staatlichen Schule finden würde.

Lehrerin, Juristin, Sozialarbeiterin

Ihre Tochter Lina ist ungefähr so alt wie das Lieschen. Victoria, ihr Mann und die Kleine haben in den letzten Jahren in Frankreich gelebt und sind erst seit Kurzem wieder zurück in Deutschland. Jessy ist auch so alt wie wir - oder vielleicht etwas jünger? Sie hat drei Kinder, ich glaube der älteste ist zehn, die Jüngste noch im Kindergartenalter. Sie ist auch schon lange Muslimin. Von ihrem Mann hat sie sich getrennt und lebt seitdem mit den drei Kleinen alleine. Sie studiert, irgendwas im sozialen Bereich. Heute sind die Kinder bei einem Babysitter. "Alle drei mitzubringen", sagt sie, "nee, das wär mir zu viel gewesen". Dann ist da Maysaa. Sie hat Jura studiert, bis zum ersten Staatsexamen und promoviert jetzt.

Erste kopftuchtragende Muslimin am Lehrstuhl

Als sie damals anfing, war sie die erste kopftuchtragende Muslimin an ihrem Lehrstuhl. Als Wissenschaftliche Mitarbeiterin eingestellt wurde sie trotzdem, in der Zwischenzeit gibt es an der Uni noch ein paar mehr. Nicht viele, aber mehr als damals. Maysaa hat sich auf Verfassungsrecht spezialisiert, und als Victoria von ihren Schwierigkeiten, eine Referendariatsstelle zu bekommen, erzählt, schüttelt Maysaa nur den Kopf, durch ihre Arbeit bekomme sie solche Fälle immer wieder mit: "Es ist ein Trauerspiel." Nummer fünf am Tisch ist Iman, die gerade ihr Abitur am Abendgymnasium erlangt hat und jetzt an der FH BWL studiert. Als sie von Victorias Berichten mitbekommt, erzählt sie auch gleich, dass sie ihre vorherige Schule unter anderem deshalb verlassen hat, weil sie dort von einem Lehrer ständig wegen ihres Kopftuchs vor versammelter Klasse bloßgestellt worden sei. 

"Wenn er mir jetzt endlich mal einen Heiratsantrag macht...!"

Schließlich sei die gesamte Klasse an eine neue Schule gewechselt, wo die Situation besser gewesen sei. Abi hat sie geschafft und studiert jetzt. Und dann sitzt da noch Nuray, mit der ich mich jedoch nicht unterhalte, weil sie so weit weg von mir sitzt, dass ich kaum etwas von ihr mitbekomme. Dann erwähnt sie in ihrem Gespräch mit Jessy immer wieder [einen bestimmten Stadtteil hier in dieser Stadt], bis Jessy sie fragt: "Sag mal wohnst du jetzt in [besagtem Stadtteil]? Nuray verdreht die Augen, sagt: "Ja, wenn er mir jetzt endlich mal einen Heiratsantrag macht!" und fängt an zu lachen, Jessy fällt ein, und wir müssen das Lieschen und Lina zur Ruhe rufen, die meinen, es sei in Ordnung, in dem Café Fußball zu spielen.

Montag, 6. Mai 2013

Eine Woche im April

Boston, Terror und Muslime

Am Montagabend schreibt Naima, die ich aus London kenne und die seit einigen Monaten mit ihrem Mann in Boston lebt, von einer Explosion im Stadtzentrum Bostons, dass wir uns keine Sorgen machen sollen, es ihr gut geht. Ihr Mann sei noch im Zentrum und versuche, nach Hause zu kommen. Ich bete, dass das kein Terroranschlag und keine Muslime waren und gehe schlafen, es ist schon spät.

Am Dienstag gibt es schon mehr Informationen. Ein Terroranschlag soll es gewesen sein. Naima ist fix und fertig, sie schreibt, sie hatte an dem Tag eigentlich vorgehabt, in die Bibliothek zu gehen, die nur wenige Meter vom Ort der Explosionen entfernt war. Wäre sie nicht zu müde gewesen an dem Tag, wäre sie zum Zeitpunkt des Anschlags vor Ort gewesen. Das ist das letzte Mal, dass sie schreibt; danach höre ich lange nichts mehr von ihr.

Es gibt schon mehr Informationen, aber wer hinter den Anschlägen steckt - da halten sich die Medien bedeckt. Ich bin erstaunt, positiv überrascht, dass keiner so richtig Spekulationen Vermutungen anstellen mag. Das war früher anders und die Schuldzuschreibungen ("vermutlich islamische Terroristen") schneller hervorgebracht. Wir scheinen doch etwas gelernt zu haben in den letzten Jahren. Oder ist das der Post-Breivik-Effekt und die Welt weiß jetzt, dass auch Nichtmuslime Terror können, sogar ganz gut? Ich bete, dass es keine Muslime waren.

Und natürlich gibt es auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis wieder so ziemlich alle möglichen Reaktionen. Von besorgten Bekannten, die in Boston studiert oder gearbeitet haben und nicht glauben können, dass so etwas in dieser Stadt, die sie als so offen und willkommenheißend erlebt haben, passiert bis zu angesichts des Medienhypes genervten Freunden, die daran erinnern, dass - hallo! - heute in Syrien über 200 Zivilisten getötet wurden - interessiert es jemanden?!

Am Mittwoch fahre ich mit der U-Bahn in die Stadt und bekomme eine Zeitung in die Hand. Das Bild des kleinen Jungen, der am Montag in Boston starb, bricht mir das Herz. Wie kann man einem Kind so etwas antun? Wie muss es den Eltern jetzt gehen? Ich mag es mir nicht vorstellen und muss mich zusammen nehmen, in dem vollen U-Bahn-Wagon nicht in Tränen auszubrechen.

Ich bin noch immer erstaunt über die Medienberichterstattung, die sich zumindest auf den Kanälen, über die ich davon mitbekomme, erstaunlich wenig spekulativ darstellt. Alles gut, denke ich, bis ich die Geschichte von dem saudischen Mann lese, der Opfer des Anschlags wurde, aber - obwohl unschuldig - wie ein Verdächtiger behandelt wurde. Verdammt, also doch. Die alten Reflexe sind noch aktiv. Und ich dachte, wir hätten etwas gelernt. 

Ismail, ein Bekannter aus London, der ursprünglich aus Südasien kommt und vier Jahre in den USA an einer der besten Universitäten des Landes studiert hat, kommentierte Obamas Statement nach den Anschlägen (“If you want to know who we are, what America is, how we respond to evil—that’s it. Selflessly. Compassionately. Unafraid") trocken: "I could think of a few more adjectives. Especially one that begins with an R." Rassist meinte er, rassistisch. 

In der Zwischenzeit heißt es, die Bauart der verwendeten Bomben erinnere an ähnliche Konstruktionen aus Pakistan und Afghanistan. Mir graut es. Also doch? Stehen doch Muslime hinter den Anschlägen?

Am Freitag verbringe ich einen Großteil des Nachmittags mit Camilo vor dem Fernseher. Er hat in den USA gelebt, hat Freunde dort und die Nachrichten seit Anfang der Woche wie gebannt gefolgt. Wir finden einen Nachrichtenkanal, wo die Berichterstattung nicht durch Fernsehserien, Werbung, Filme oder anderes unwichtiges Zeugs unterbrochen wird und bekommen die neusten Entwicklungen direkt in unser Wohnzimmer in London geliefert. In der Nacht wurde ein Polizeibeamter am MIT, wo einer von Alimustafas Cousins studiert hat, erschossen.

Während wir dort vor dem laufenden Fernseher sitzen, kommen mehr und mehr Informationen rein. Es wird vermutet, dass es sich um Tschetschenen handelt (oh nein!), ob es eine Verbindung zu tschetschenischen Terrorgruppen gibt, ist jedoch noch unklar (bitte nicht!), aber als ein paar Minuten später die Namen bekannt sind, bestätigt sich doch, was ich gehofft hatte, nicht wahrzusein. Das sind tschetschenische Namen. Es wird live berichtet, innerhalb von fünf Minuten hören wir drei verschiedene Varianten, in denen der Name der jüngeren Verdächtigen ausgesprochen wird (ist das so schwierig, hinzubekommen?!), und es wird klar: einer ist tot, der andere auf der Flucht.

Freitagabend sitzen wir wieder lange vor dem Fernseher, wie damals im März vor einem Jahr als wir verfolgten, was in Toulouse vor sich ging und ich bis spät die Berichterstattung auf Twitter verfolgte. Irgendwann, als sich die Aussagen der Reporter zu wiederholen beginnen, weil es nichts Neues zu berichten gibt, schalten wir ab. Ich denke an die Familien der bei den Anschlägen Getöteten; wie muss es sein, zu wissen, dass der, der wahrscheinlich das Attentat plante, ihre Kinder, den Bruder, die Schwester töte, weiter dort draußen unterwegs ist - vielleicht entkommt? Ich denke an die Bewohner der Stadt, an Naima, ich weiß gar nicht, in welchem Teil von Boston sie wohnt; hoffe, dass es weit weg ist von dem Ort, an dem der Verdächtige vermutet wird; dass sie sich sicher fühlt. 

Und ich denke an einen 19-Jährigen, der irgendwo alleine dort draußen unterwegs ist, der zum Mörder geworden ist, seinen Bruder verloren hat, vielleicht verletzt und jetzt von Bewaffneten gejagt wird. Was für ein Wahnsinn. Unschuldige töten, seinen Bruder verlieren, von der Polizei gejagt werden - für was? Ich kann mir nur zwei Ausgänge vorstellen, dass er geschnappt wird und den Rest seines Lebens im Knast verbringt oder auf der Flucht getötet wird; eins nicht besser als das andere; auch das Leben dieses 19-Jährigen - vorbei.

Am Samstagmorgen - wir haben ausgeschlafen, die Sonne scheint, das Lieschen will Frühstück, bevor es in den Park geht - ist die Hetzjagd in Boston vorbei. Kein weiterer Toter, zumindest das, und vielleicht wird der überlebende Verdächtigte wenigstens eine der Fragen beantworten können, die viele sich jetzt stellen. 

Auf mich warten eine Reihe von Artikeln zum Thema terrorism and whiteness, die ziemlich deutlich machen, dass auch, wenn die Berichterstattung (zumindest in Europa) dieses Mal viel professioneller war als so manches mal in der Vergangenheit, es doch immer noch verdammt viel zu tun gibt:




Sonntag, 5. Mai 2013

Als Muslime Juden retteten

In einer Zeit, in der kleine Türken in Deutschland Männer mit Kippa auf der Straße als Drecksjuden beschimpfen, weil sie denken, das wäre in Ordnung so; in der man als Muslim in so manchem Teil Jerusalems oder Tel Aviv Angst haben muss, heil wieder raus zu kommen; in der Muhammads in Südfrankreich kleine Myriams ermorden; in der muslimische Organisationen in Berlin Schwierigkeiten haben, jüdische Kooperationspartner für Dialogsprojekte zu finden, weil das Misstrauen zu groß ist - in einer solchen Zeit lohnt es sich - auch wenn es keine neue Info ist - mal wieder an eine Zeit zu erinnern, in der Muslime Juden vor denen, die ihnen nach dem Leben trachteten, und ihren Verbündeten retteten. Zurzeit in London zu sehen: eine Ausstellung zum Thema.

Samstag, 24. November 2012

Der militante Antikolonialist

"En lieu et place d’apporter un soutien à la résistance palestinienne, le Collectif National préfère déplorer « toutes les victimes civiles », renvoyant, encore une fois, dos-à-dos la résistance palestinienne qui lutte les armes à la main pour la libération de son peuple et de sa terre, et l’armée coloniale sioniste qui assassine et asservit le peuple palestinien depuis plus de soixante ans." Zum gesamten Text.

Donnerstag, 22. November 2012

Der Freund, der Konfliktbearbeitung studiert hat

"I don't have easy answers, even if I may make it sounds like this. And I know that injustice is being done by Israel and that we and the world need to speak out against it. 
 
I just think that it is important not to idealise one side of the conflict, the Palestinians, as a fighter for justice and to demonise the other, Israel, as an evil oppressor. It is more complex. Hamas is exploiting the despair of the Palestinian population to push its militarist agenda. They are no more working for peace than the Israeli hawks and generals.

 
No Palestinian is to blame for losing faith in the humanity of the Israeli occupiers. But also on the Israeli side the picture is more complex. It is not only militarists there, but normal people, who fear for their families and their lives. Targeting them, as if they were the enemy is not a great achievement that Palestinians have good reason to be happy about, but it will only deepen the hatred. It will not help to end the conflict.

 
The only lesson that Israelis learn from that is that Palestinians are terrorists, who don't care about the loss of civilian lives. I know that this is exactly how Palestinians see the Israeli military. But that is the point: both sides demonise each other and the only outcome this will have is a continuation of violence and hatred. Palestinians will continue to suffer and die and Israelis will continue to live in fear. There is no end to all of that in this mindset, only temporary breaks.

 
So is there another way? Only, if people, against all their experiences, stop seeing the world in black and white. Is this possible? I don't know. I have hope that it is.

I do know that I don't have to pretend to have to teach you anything about this. I don't know what it means to be a Palestinian and to see my people suffer.

 
All I know is that I have Jewish friends in Israel, who don't understand a lot about that either. And that many Palestinians don't understand them.

 
There is much more to say about this. One can probably never fully explain the complexity of such a conflict. But that, in the end, is all I want to say: it is not easy to make judgements and it is not right to be happy about a blown-up public bus in Tel Aviv.

(I did not write anything about the role of European countries in the world's conflicts and global injustice. All I want to say now is that, although I probably don't understand fully what that means, you are right: German, British and French people should be much more critical about their governments' policies, if anyone in Palestine is to take their criticism of Hamas seriously. People like me are probably no credible messengers. Maybe the message still rings true...)"

Samstag, 29. September 2012

Integration ... im Supermarkt

Dass ein Supermarkt die besonderen Bedürfnisse einer der ethnischen oder religiösen Minderheitengruppen bedient, habe ich zum ersten Mal vor zehn Jahren in Paris gesehen. Dort gab es in manchen Supermärkten ein Regal mit koscheren Lebensmitteln, mit halal Lebensmitteln, oder beides. Ich, Deutsche, konnte es kaum glauben.

Ähnlich groß war mein Erstaunen, als ich vor zwei Jahren hier in London entdeckte, dass in manchen Supermärkten nicht nur eine kleine Auswahl sondern ganze Regale voller "ethnischer Produkte", wie man hier sagt, angeboten werden. Meistens in den Vierteln, in denen auch die entsprechenden potentiellen Konsumenten leben.

Nicht weit von dem Viertel, in dem wir zurzeit leben, und das in ganz London eines der multikulturellsten ist, sieht das dann so aus:


Mit "Asian" ist hier südasiatisch gemeint. "Oriental" ist fernöstlich. Und neben der Bezeichnung "Halal" steht der Begriff gleich auch noch in arabischen Schriftzeichen - damit wirklich jeder schnackelt, was er hier bekommt. (Übrigens gibt es in manchen großen Supermärkten in Ostlondon neben der regulären Fleischtheke auch noch eine extra Halal-Fleischtheke.)


Hier gibt's die leckeren Oliven, eingelegte Weinblätter und Sesampaste:


Und hier diverse koschere Lebensmittel:


Koscher Wein:


Auf der anderen Seite: diverse europäische Spezialitäten.


Und auch wer in Großbritannien lebt und karibische Spezialitäten vermisst, findet hier zumindest die eine oder andere Zutat, das eine oder andere Fertiggericht:


In der "Halal"-Abteilung wurde auch ich fündig: Haribo-Tropifrutti - nicht nur in der Halal-Version (ich hab euch lieb, ihr türkischen Gummibärchen-Hersteller!), sondern zudem um die Hälfte reduziert. Oh yes.

Ostlondon, September 2012

Sonntag, 2. September 2012

Integration: die Litauer


Integration ist ankommen und da sein. 
Dazu gehören und mit reinpassen, 
trotzdem noch man selbst sein. 
Sich an das Hier anpassen und das Jetzt verändern. 
Was mitbringen, was annehmen.

Bild: Lieselotte
 Ostlondon, Sommer 2012

Einen kleinen Lebensmittelladen, ne Pizzeria oder Dönerbude aufmachen ist wohl einer der Klassiker, wie man es als jemand, der neu ins Land kommt und den ein bisschen Unternehmergeist piesackt, finanziell (und dann auch sonst) Fuß fassen kann. Und so hat Deutschland seine kleinen Pizza-, Döner- und China-Buden (die in der Zwischenzeit oft von Indern betrieben werden) und London seine pakistanischen chicken shops (wo es, nein, keine lebendigen sondern gebratene Hühner gibt, der Name ist da für nicht-England-Kundige nicht unbedingt unzweideutig). In den letzten Jahren öffneten in manchen Teilen der Stadt viele polnische Cafés (ja, richtige Cafés wie in Kontinentaleuropa! Rarität im Land der Pubs...), litauische Lebensmittelläden und Friseursalons...

Aber es geht noch weiter. Thai- und indisches Essen steht in traditionellen englischen Pubs schon lange auf der Karte. Und in der Zwischenzeit gibt es Pubs, die von außen aussehen, wie man sich einen englischen Pub eben vorstellt ... aber drinnen laufen die Kellnerinnen in litauischen Trachten umher und auf der Karte haben baltische Spezialitäten englische Traditionskost verdrängt... Ein weiteres Beispiel von Integration à l'anglaise kam mir kürzlich in Stratford vor die Linse. Lituanica - ein typischer englischer Kleinwarenladen - und nicht nur ein kleiner irgendwie zusammengefriemelter Tante-Emma-Laden, wie es hier so viele gibt, sondern ein professionell aufgemachter kleiner Supermarkt, Teil einer Kette (!) mit Logo und Slogan (!!), die the best from home anbietet. Na, wenn das mal nicht was ist.

Samstag, 7. Juli 2012

Harkis: Drei Gedanken

50 Jahre ist es her, dass Paris sich von Algerien, das bis dahin integraler Teil der französischen Republik gewesen war, löste. 50 Jahre, und angesichts des Jahrestages finden sich natürlich wieder vermehrt Artikel zum Thema in europäischen Zeitungen, und ich lese mal wieder über die Geschichte der Harkis.

Eins

Auf Seite der Franzosen gegen die algerische Unabhängigkeitsbewegung gekämpft, von Frankreich benutzt und hängen gelassen, vom unabhängigen Algerien verfolgt und ermordet. Zehntausende starben, nachdem ihr Land (Frankreich) den Kampf gegen ihr Land (Algerien) verloren hatte.

Zwei

Unter vielen französischen Maghrebinern ist "Harki" Synonym für Verbrecher. Aber wenn es tatsächlich so war, dass diese Menschen sich zwischen Heimatland und Heimatland entscheiden mussten, oder sogar aus Sorge um ihre Existenz, ihr Überleben auf Seiten Frankreichs kämpften, fällt es mir schwer, sie zu verurteilen. Wer weiß schon, wie er in solch einer Situation gehandelt hätte, wer weiß schon, ob er sich auf die Seite derer geschlagen hätte, die die Geschichte zu Siegern gemacht hat?

Drei

Was ich verurteile, ist - mal wieder - die Vorgehensweise des französischen Staates, der diese Menschen benutzt hat, sie die eigenen Landsleute hat verraten lassen, ohne sie als dass anzuerkennen, als was sie - die Harkis - sich in Bezug auf Frankreich und seine Bürger sahen, als Landsleute. Oh Frankreich, Mutterland der Menschenrechte, so groß in der Theorie, aber die Praxis...?

Samstag, 30. Juni 2012

Biester

Interessanten Artikel zum Thema Kindererziehung im Netz gefunden. Drüber nachgedacht. Teilen gewollt.

Voilà: "Spoiled Rotten".

Samstag, 7. April 2012

Ayo

Ayo: It's supposed to be love

Der Vater Nigerianer, die Mutter Roma aus Rumänien, gelebt hat sie in Deutschland, London, Paris, New York; Musik macht sie, die irgendwo zwischen Soul, Reggae und Folk anzusiedeln ist, meistens ist eine Gitarre dabei, ein eingängiger Rhythmus und eine Melodie, die im Ohr bleibt; sie singt auf Englisch und manchmal auch auf Französisch: das ist Ayo. Enjoy!

Ayo - It's supposed to be love from LN Prod on Vimeo.



Zum Lesen, Mitsingen, Nachdenken: der Text

Freitag, 6. April 2012

Multikulti auf Social Media-nisch

Multikulti ist, wenn auf deiner Social Media-Startseite Posts aufgelistet sind von

- griechisch-amerikanischer (bekennend lesbischer) Ex-Kommilitonin, die mit ihrer Freundin in London lebt,
- indisch-kaschmiri (aufgewachsen in Ostafrika, ausgebildet in den USA) muslimischem Ex-Kommilitonen, der Konfliktforschung studiert hat und auf elektronische Musik steht (und diese auch selbst macht),
- südasiatisch-nordamerikanischem Ehemann,
- französischem Ex-Kommilitone (Mutter Serbin, Vater Palästinenser) aus Paris, der sein Geld durch Campaigning für Freiheit in Palästina verdient,
- pakistanischer Freundin, die in Karachi als Journalistin arbeitet,
- libanesischer Ex-Kommilitonin, die (Kopftuch-Powerfrau!) in London ihren PhD in Economics and Gender macht und vier Sprachen fließend spricht,
- französischem Freund (Eltern Marokkaner), der sich über die Wahlkampfstrategie der Sarkozisten aufregt,
- deutsch-amerikanischer Bekannten, übergetreten zum Islam, die ihre Doktorarbeit zum Thema Sexualität im Islam geschrieben hat,
- französische Freundin, übergetreten zum Islam, die seitdem nicht mehr nur Béatrice, sondern außerdem noch Badriyya heißt,
- deutscher Ex-Kommilitonin, die vom Protestantismus zum Katholizismus konvertiert ist, seitdem Papstfan und Verfechter von "Kein Sex vor der Ehe" ist und Israel dolle findet,
- britischer Bekannten, übergetreten zum Islam, die, PhD in der Tasche, auf der Insel eine der Expertinnen auf ihrem Fachgebiet ist (Kopftuch-Powerfrau!),
- jüdischer Freundin, die nun endgültig von Deutschland nach Israel ausgewandert ist (oder kommt sie doch wieder zurück, so wie beim letzten Mal?),
- palästinensischem Bekannten, der, ursprünglich aus Jerusalem, nach Studium in Frankreich nun für die palästinensische Vertretung bei der EU arbeitet,
- französischer Freundin (Eltern irgendwo aus dem Maghreb), die als eine der wenigen Franzosen Deutsch fließend spricht und das Nachbarland der Franzuskis liebt, als Aupair rechts vom Rhein gearbeitet hat und zurzeit ihre deutsch-französische Doppelpromotion in Philosophie (Kopftuch-Powerfrau!) abschließt,
- US-amerikanischem Ex-Kollegen, der fließend Russisch spricht, ein Jahr im Kaukasus gelebt hat und sich zurzeit auf einen Studienaufenthalt in Saudi-Arabien vorbereitet.

Mittwoch, 4. April 2012

Letztens gelesen (19)

Jean-Louis Fournier: Wo fahren wir hin, Papa? München: dtv, 2008.

Daran, wie es wäre, wenn das eigene Kind mit einer Behinderung zur Welt kommt, denkt wohl jeder während der Schwangerschaft einmal nach, verliert zumindest einen Gedanken an die Möglichkeit. Jean-Louis Fournier und seine Frau bekommen ein Kind mit Behinderung und kurz darauf, als sie sich auf ein "normales" Kind freuen, noch eins. Beide Kinder sind schwer geistig und körperlich behindert. In Wo fahren wir hin, Papa? erzählt Fournier vom Leben mit seinen Söhnen, und das auf seine ganz eigene, direkte, ehrliche und ganz bestimmt nicht politisch korrekte Art.

Wie er Witze auf Kosten seiner Söhne macht, hat viele Leser bestürzt und das Buch erhielt, als es erschien, harsche Kritiken. Fourniers Exfrau sah sich gezwungen, eine dementierende Webseite zu eröffnen, auf der sie ihre ganz andere Sicht der Dinge darstellte. Dabei ist es vielleicht genau das, was Fourniers Kritiker verkannten: dass er einfach nur eine andere Sicht, seine Sicht auf das Leben mit seinen Söhnen hatte und dass seine Art, darüber zu schreiben, seine Weise war, mit dem umzugehen, auf das kaum einer von uns vorbereitet ist: dem Leben mit einem geistig und körperlich schwer behinderten Kind.

Montag, 2. April 2012

Letztens gelesen (18)

Anna Sam: Die Leiden einer jungen Kassiererin. München: Riemann, 2009.

Die Leiden einer jungen Kassiererin (Oder Les tribulations d'une cassière wie die französische Originalausgabe betitelt war) hat vor einigen Jahren für Trubel in den deutschen, und davor den französischen Medien gesorgt. Der Inhalt ist schnell zusammen gefasst: Junge Literaturstudentin findet sich, wegen Geldnot, an Supermarktkasse wieder. Zieht nicht nur Chipstüten, Nudelpackungen und Pralinenschachteln über den Scanner, sondern beobachtet nebenbei ihre Umgebung so genau, dass sie nach einiger Zeit mit viel Witz, Scharfsinn und einer großen Portion Zynismus ihre Erfahrungen in Texte fassen kann, die sie auf einem Blog veröffentlicht. Blog wird so erfolgreich, dass ein Buch draus wird. Und wir haben jede Menge Spaß (und vielleicht sogar die ein oder andere Einsicht, denn Anna Sams Texte sind nicht nur lustig sondern auch kritisch) beim Lesen.