Posts mit dem Label Uni werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Uni werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 6. Mai 2013

Eine Woche im April

Boston, Terror und Muslime

Am Montagabend schreibt Naima, die ich aus London kenne und die seit einigen Monaten mit ihrem Mann in Boston lebt, von einer Explosion im Stadtzentrum Bostons, dass wir uns keine Sorgen machen sollen, es ihr gut geht. Ihr Mann sei noch im Zentrum und versuche, nach Hause zu kommen. Ich bete, dass das kein Terroranschlag und keine Muslime waren und gehe schlafen, es ist schon spät.

Am Dienstag gibt es schon mehr Informationen. Ein Terroranschlag soll es gewesen sein. Naima ist fix und fertig, sie schreibt, sie hatte an dem Tag eigentlich vorgehabt, in die Bibliothek zu gehen, die nur wenige Meter vom Ort der Explosionen entfernt war. Wäre sie nicht zu müde gewesen an dem Tag, wäre sie zum Zeitpunkt des Anschlags vor Ort gewesen. Das ist das letzte Mal, dass sie schreibt; danach höre ich lange nichts mehr von ihr.

Es gibt schon mehr Informationen, aber wer hinter den Anschlägen steckt - da halten sich die Medien bedeckt. Ich bin erstaunt, positiv überrascht, dass keiner so richtig Spekulationen Vermutungen anstellen mag. Das war früher anders und die Schuldzuschreibungen ("vermutlich islamische Terroristen") schneller hervorgebracht. Wir scheinen doch etwas gelernt zu haben in den letzten Jahren. Oder ist das der Post-Breivik-Effekt und die Welt weiß jetzt, dass auch Nichtmuslime Terror können, sogar ganz gut? Ich bete, dass es keine Muslime waren.

Und natürlich gibt es auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis wieder so ziemlich alle möglichen Reaktionen. Von besorgten Bekannten, die in Boston studiert oder gearbeitet haben und nicht glauben können, dass so etwas in dieser Stadt, die sie als so offen und willkommenheißend erlebt haben, passiert bis zu angesichts des Medienhypes genervten Freunden, die daran erinnern, dass - hallo! - heute in Syrien über 200 Zivilisten getötet wurden - interessiert es jemanden?!

Am Mittwoch fahre ich mit der U-Bahn in die Stadt und bekomme eine Zeitung in die Hand. Das Bild des kleinen Jungen, der am Montag in Boston starb, bricht mir das Herz. Wie kann man einem Kind so etwas antun? Wie muss es den Eltern jetzt gehen? Ich mag es mir nicht vorstellen und muss mich zusammen nehmen, in dem vollen U-Bahn-Wagon nicht in Tränen auszubrechen.

Ich bin noch immer erstaunt über die Medienberichterstattung, die sich zumindest auf den Kanälen, über die ich davon mitbekomme, erstaunlich wenig spekulativ darstellt. Alles gut, denke ich, bis ich die Geschichte von dem saudischen Mann lese, der Opfer des Anschlags wurde, aber - obwohl unschuldig - wie ein Verdächtiger behandelt wurde. Verdammt, also doch. Die alten Reflexe sind noch aktiv. Und ich dachte, wir hätten etwas gelernt. 

Ismail, ein Bekannter aus London, der ursprünglich aus Südasien kommt und vier Jahre in den USA an einer der besten Universitäten des Landes studiert hat, kommentierte Obamas Statement nach den Anschlägen (“If you want to know who we are, what America is, how we respond to evil—that’s it. Selflessly. Compassionately. Unafraid") trocken: "I could think of a few more adjectives. Especially one that begins with an R." Rassist meinte er, rassistisch. 

In der Zwischenzeit heißt es, die Bauart der verwendeten Bomben erinnere an ähnliche Konstruktionen aus Pakistan und Afghanistan. Mir graut es. Also doch? Stehen doch Muslime hinter den Anschlägen?

Am Freitag verbringe ich einen Großteil des Nachmittags mit Camilo vor dem Fernseher. Er hat in den USA gelebt, hat Freunde dort und die Nachrichten seit Anfang der Woche wie gebannt gefolgt. Wir finden einen Nachrichtenkanal, wo die Berichterstattung nicht durch Fernsehserien, Werbung, Filme oder anderes unwichtiges Zeugs unterbrochen wird und bekommen die neusten Entwicklungen direkt in unser Wohnzimmer in London geliefert. In der Nacht wurde ein Polizeibeamter am MIT, wo einer von Alimustafas Cousins studiert hat, erschossen.

Während wir dort vor dem laufenden Fernseher sitzen, kommen mehr und mehr Informationen rein. Es wird vermutet, dass es sich um Tschetschenen handelt (oh nein!), ob es eine Verbindung zu tschetschenischen Terrorgruppen gibt, ist jedoch noch unklar (bitte nicht!), aber als ein paar Minuten später die Namen bekannt sind, bestätigt sich doch, was ich gehofft hatte, nicht wahrzusein. Das sind tschetschenische Namen. Es wird live berichtet, innerhalb von fünf Minuten hören wir drei verschiedene Varianten, in denen der Name der jüngeren Verdächtigen ausgesprochen wird (ist das so schwierig, hinzubekommen?!), und es wird klar: einer ist tot, der andere auf der Flucht.

Freitagabend sitzen wir wieder lange vor dem Fernseher, wie damals im März vor einem Jahr als wir verfolgten, was in Toulouse vor sich ging und ich bis spät die Berichterstattung auf Twitter verfolgte. Irgendwann, als sich die Aussagen der Reporter zu wiederholen beginnen, weil es nichts Neues zu berichten gibt, schalten wir ab. Ich denke an die Familien der bei den Anschlägen Getöteten; wie muss es sein, zu wissen, dass der, der wahrscheinlich das Attentat plante, ihre Kinder, den Bruder, die Schwester töte, weiter dort draußen unterwegs ist - vielleicht entkommt? Ich denke an die Bewohner der Stadt, an Naima, ich weiß gar nicht, in welchem Teil von Boston sie wohnt; hoffe, dass es weit weg ist von dem Ort, an dem der Verdächtige vermutet wird; dass sie sich sicher fühlt. 

Und ich denke an einen 19-Jährigen, der irgendwo alleine dort draußen unterwegs ist, der zum Mörder geworden ist, seinen Bruder verloren hat, vielleicht verletzt und jetzt von Bewaffneten gejagt wird. Was für ein Wahnsinn. Unschuldige töten, seinen Bruder verlieren, von der Polizei gejagt werden - für was? Ich kann mir nur zwei Ausgänge vorstellen, dass er geschnappt wird und den Rest seines Lebens im Knast verbringt oder auf der Flucht getötet wird; eins nicht besser als das andere; auch das Leben dieses 19-Jährigen - vorbei.

Am Samstagmorgen - wir haben ausgeschlafen, die Sonne scheint, das Lieschen will Frühstück, bevor es in den Park geht - ist die Hetzjagd in Boston vorbei. Kein weiterer Toter, zumindest das, und vielleicht wird der überlebende Verdächtigte wenigstens eine der Fragen beantworten können, die viele sich jetzt stellen. 

Auf mich warten eine Reihe von Artikeln zum Thema terrorism and whiteness, die ziemlich deutlich machen, dass auch, wenn die Berichterstattung (zumindest in Europa) dieses Mal viel professioneller war als so manches mal in der Vergangenheit, es doch immer noch verdammt viel zu tun gibt:




Montag, 16. Juli 2012

Uni-Rassismus

Ein super Artikel von Kübra zum Thema Rassismus an deutschen Universitäten (und den Vergleich mit einer englischen Universität - wobei man wissen muss, dass sie an einer der als liberalsten geltenden Unis in Großbritannien studiert hat) findet sich in der heutigen Ausgabe von ZEIT Online.

Mir ging es gut an meiner Uni in Deutschland - aber ich glaube, das hatte vor allem auch damit zu tun, dass es weder bei uns an der Uni noch in der Stadt (in Ostdeutschland!) andere Kopftuchträgerinnen gab. Als ich zu studieren begann, war ich die einzige Kopftuchtante an der ganzen Universität (später gab es noch ein oder zwei andere) und in der Stadt habe ich in den zweieinhalb Jahren, die ich dort studierte, nur ein oder zwei andere Betuchte gesehen. Statt wegen meines Kopftuchs Nachteile zu haben, war ich bekannt wie ein bunter Hund, jeder kannte mich und ich war mir sicher, im Seminar auch nur einmal den Mund aufmachen zu müssen, um zu wissen, dass Prof und Studenten meinen Namen erst einmal gespeichert hatten (was in einem überfüllten Vorlesungssaal oder Seminarraum schon was wert ist).

Am besten an Kübras Artikel hat mir übrigens das Ende gefallen. Den Spruch, den der Prof dort bringt, habe ich schon öfters von Freundinnen gehört, die Ähnliches selbst erleben mussten. Von einer, die so gekontert hat, wie die Frau in Kübras Artikel, habe ich noch nicht gehört. Es wird also, Freunde. Es wird!

Dienstag, 10. April 2012

Kezban

Oder: Auslandsstudium, Kopftuchtürkin

Beim Abendessen sitze ich Kezban gegenüber. Wunderhübsch ist sie mit ihrer hellen Haut und den dunklen, fast schwarzen Augen. Sie trägt ein helles Kopftuch (rosa und beige auf Weiß, toll sieht das aus) zum beigen, gut geschnittenen Mantel. Es ist nicht spät, aber sie sieht extrem müde aus. Als ich sie über Teller voll Reis, Suppe, Salat und Gemüse in Tomatensauce frage wie es ihr ihr geht, zuckt sie mit den Schultern lächelt und sagt "elhamdülillah, es geht", und dass sie müde ist. Seit sieben Uhr morgens wäre sie unterwegs und an der Uni gewesen. Ich denke nicht weiter drüber nach und erst als wir auf dem Weg nach Hause sind, und ich noch mal nachfrage, rückt sie mit der Sprache raus.

"Kein Wort hab ich verstanden"

Kezban studiert Agrarwissenschaften und in einer ihrer Arbeitsgruppen an der Uni ist heute etwas passiert. Sie erzählt, wie sie eine ihrer österreichischen Kommilitoninnen nicht verstanden und nachgefragt hat. "Sie hat es dann noch mal, noch schneller und total undeutlich gesagt", erzählt Kezban. "Kein Wort hab ich verstanden. Sie macht das immer so. Ich glaube, sie macht das extra. Ich glaube, sie hat was gegen mich." Ich widerspreche, meine, dass das doch auch Zufall gewesen sein könnte, dass sie das nicht zu schwer nehmen soll, dass sie nächstes Mal eben ein zweites Mal nachfragen soll.

"Die sind immer so zu mir"

Wir laufen weiter durch die Straßen Wiens und es dauert eine Weile bis ich merke, dass Kezban neben mir weint. "Es ist immer so, Lieselotte. Die sind immer so zu mir." Ich denke an die Erfahrungen, die ich in den letzten Monaten mit Wienern machen durfte. Wenn die bei ihr an der Uni nur halb so unhöflich sind, wie der Durchschnitt derer, die mir hier so jeden Tag über den Weg laufen - auweia. Und ich fühle mich sicher hier, bin der Sprache mächtig, geb Kontra, wenn es sein muss. Kezban - nein, Kezban macht das nicht. Sie ist zu Gast hier, seit vielleicht zwei Jahren im Land, ein wohlbehütetes, gut erzogenenes türkisches Mädchen - sie wird denen nicht zeigen, wo der Hase rennt.

"Immer muss ich besser sein"

Kezban weint. "Weißt du, zu Hause, da war ich eine der besten. Ich habe die Prüfungen zur Hochschulzulassung als eine der Landesbesten bestanden, und dann das Stipendium für das Studium in Österreich bekommen, Deutsch gelernt. Und jetzt bin ich hier und kann die Sprache immer noch nicht richtig und kann mich nicht richtig ausdrücken und fühle mich dumm, so dumm. Immer muss ich besser sein als die anderen. Es ist so schwer." Ich nehme sie in den Arm, rede ihr gut zu, sage, dass das doch ganz normal ist bei einem Auslandsstudium, dass das am Anfang allen so geht. Und gleichzeitig bin ich wütend auf Leute wie diese dumme kleine Studentin bei ihr an der Uni, die vielleicht ihr Leben noch nicht aus Österreich rausgekommen ist, aber meint, sie wäre was besseres als Kezban - ohne zu wissen, wer sie ist und was sie kann.

Verrückte Welt

Verrückte Welt. Kezban, die zu Hause eine der besten ist - fühlt sich hier wie ein Niemand. Das Mädchen an ihrer Uni, das vielleicht vor Begeisterung die Augen aufreißen würde, wenn ihr jemand ein Studium im Ausland anbieten würde ("Auslandsstudium - aaah!") guckt auf Kezban, die genau das macht, herunter ("Kopftuchtürkin - iiih!"). Und Kezban, die mindestens genauso viel, vielleicht sogar mehr als dieses Mädchen draufhat, traut sich nicht, den Mund aufzumachen - wegen einer doofen Sprachbarriere und weil ihr beigebracht wurde, dass sich das nicht gehört.

Drei Jahre noch

Drei Jahre, drei lange Jahre in Österreich hat Kezban noch vor sich. Sie wird es schaffen, da bin ich mir sicher, wird weitermachen, einfach immer weitermachen. In drei Jahren hat sie dann - inshaallah - ihr Diplom in der Hand und geht wieder nach Hause, wo anerkannt wird, was sie geleistet hat. Das habe ich ihr gesagt, und Kezban nickte und lächelte, da weinte sie schon nicht mehr, und ich wusste, dass es das war, was sie am Laufen hielt.

Freitag, 6. April 2012

Multikulti auf Social Media-nisch

Multikulti ist, wenn auf deiner Social Media-Startseite Posts aufgelistet sind von

- griechisch-amerikanischer (bekennend lesbischer) Ex-Kommilitonin, die mit ihrer Freundin in London lebt,
- indisch-kaschmiri (aufgewachsen in Ostafrika, ausgebildet in den USA) muslimischem Ex-Kommilitonen, der Konfliktforschung studiert hat und auf elektronische Musik steht (und diese auch selbst macht),
- südasiatisch-nordamerikanischem Ehemann,
- französischem Ex-Kommilitone (Mutter Serbin, Vater Palästinenser) aus Paris, der sein Geld durch Campaigning für Freiheit in Palästina verdient,
- pakistanischer Freundin, die in Karachi als Journalistin arbeitet,
- libanesischer Ex-Kommilitonin, die (Kopftuch-Powerfrau!) in London ihren PhD in Economics and Gender macht und vier Sprachen fließend spricht,
- französischem Freund (Eltern Marokkaner), der sich über die Wahlkampfstrategie der Sarkozisten aufregt,
- deutsch-amerikanischer Bekannten, übergetreten zum Islam, die ihre Doktorarbeit zum Thema Sexualität im Islam geschrieben hat,
- französische Freundin, übergetreten zum Islam, die seitdem nicht mehr nur Béatrice, sondern außerdem noch Badriyya heißt,
- deutscher Ex-Kommilitonin, die vom Protestantismus zum Katholizismus konvertiert ist, seitdem Papstfan und Verfechter von "Kein Sex vor der Ehe" ist und Israel dolle findet,
- britischer Bekannten, übergetreten zum Islam, die, PhD in der Tasche, auf der Insel eine der Expertinnen auf ihrem Fachgebiet ist (Kopftuch-Powerfrau!),
- jüdischer Freundin, die nun endgültig von Deutschland nach Israel ausgewandert ist (oder kommt sie doch wieder zurück, so wie beim letzten Mal?),
- palästinensischem Bekannten, der, ursprünglich aus Jerusalem, nach Studium in Frankreich nun für die palästinensische Vertretung bei der EU arbeitet,
- französischer Freundin (Eltern irgendwo aus dem Maghreb), die als eine der wenigen Franzosen Deutsch fließend spricht und das Nachbarland der Franzuskis liebt, als Aupair rechts vom Rhein gearbeitet hat und zurzeit ihre deutsch-französische Doppelpromotion in Philosophie (Kopftuch-Powerfrau!) abschließt,
- US-amerikanischem Ex-Kollegen, der fließend Russisch spricht, ein Jahr im Kaukasus gelebt hat und sich zurzeit auf einen Studienaufenthalt in Saudi-Arabien vorbereitet.

Montag, 27. Februar 2012

Katharina


Katharinas Tod war ein Schock.

Wir hatten zusammen in der Altbauwohnung im dritten Stock des Hauses an den Straßenbahnschienen gewohnt, seit einem halben Jahr. Katharina war neu dazu gekommen, sie hatte vorher in Baden-Württemberg studiert und sich jetzt unsere Uni für einen Master in Internationalen Beziehungen ausgesucht. War quer durch die Republik gefahren und hatte hier, weit weg von zu Hause ein Zimmer gefunden, bei uns, und das neue Studium begonnen.

Ich war gerade wieder in die Stadt im Osten des Landes, in der wir studierten, gekommen. Über drei Monate Nahen Osten im Gepäck, stand jetzt der Endspurt in meinem Studium an. Ich hatte hier lange genug gelebt, um da weitermachen zu können, wo ich vor meiner Abreise Richtung Südost aufgehört hatte. Ich war spät dran, das Semester hatte schon begonnen, aber das war in Ordnung, mir fehlte nur noch die Abschlussarbeit. Und ein bisschen arbeiten wollte ich, am Lehrstuhl.

Die Wochen liefen langsam an. Ich hatte mir viel vorgenommen, aber die Recherche zog sich dahin. Es war Winter, ich war viel zu Hause, manchmal in der Bibliothek. Katharina, Anna und ich verstanden uns gut. Jede hatte ihr Zimmer, in der Küche traf man sich, ich saß da oft mit meinem Computer oder einem Buch und einer Tasse Tee. Katharina erzählte. Sie hatte wie ich einige Zeit in Frankreich studiert, auf die französische Bürokratie schimpften wir gemeinsam. Viel lieber noch wäre sie für ein Semester nach Syrien gegangen, aber das hatte ihre Familie ihr ausgeredet. Jetzt bereute sie es, und ich meinte, dass sie doch immer noch für ein Semester ins Ausland gehen konnte. Vielleicht nicht nach Syrien, aber doch woanders hin.

Wir haben zusammen in der Küche gesessen, abends, mittags, mit den Nachbarn. Waren an der Uni, einkaufen, sie hat die leeren Kaffeegläser gewaschen, mit Etiketten beklebt und Zucker, Salz und Mehl hineingefüllt, schön sah das aus. Wir haben beide zum Lernen am liebsten Cola getrunken und flaschenweise Aldi-Cola die Treppen zu unserer Wohnung geschleppt. Unsere Wohnungstür hatte eine gereffelte Glasscheibe und wir haben gemeinsam darüber gelacht, wie unheimlich uns der Gedanke war, dass so jemand von draußen erahnen konnte, wann wir zu Hause waren und wann nicht. Einmal sind wir gemeinsam in die Amnesty-Gruppe unserer Stadt gegangen, weil wir dachten, ein bisschen Engagement muss sein, aber dann sah uns das so nach Laberclub aus, dass wir doch wieder gegangen sind.

Der Anruf kam abends.

Ich war drei Wochen oder länger bei meiner Familie gewesen. Hatte eigentlich früher wieder zurück kommen wollen, aber es war Weihnachten, Silvester, Neujahr, da war bei uns oben in unserer Stadt eh nicht viel los; ich hatte meinen Aufenthalt Stück für Stück, Tag für Tag verlängert.

Anna rief mich an. Sie musste es mir sagen. Einer musste es mir sagen. Sie musste es mir sagen.

Sie war zu Hause gewesen, als die Polizei klingelte, vor der Tür stand, die Nachricht überbrachte.

Auf Katharinas Tisch wurde ein Zettel gefunden, auf den sie mit krakeliger Schrift ihren Namen und dass sie mit uns (unsere Namen) zusammen wohnte, geschrieben hatte.

Anna hat die Schritte im Flur und die Tür gehört, als sie sich hinter ihr schloss.

Von unserer Wohnung bis zum Bahnhof waren es etwa fünfzehn Minuten. Dann war da der Zug. Und Katharina sprang nicht, sie legte sich, weil man, wenn man springt, abprallt und nicht stirbt. Es gab einen Zeugen, jemanden, der da stand, so früh am Morgen und sah, wie Katharina auf die Gleise kletterte. Legte sie sich hin? Sie ist nicht gesprungen, weil, wenn man springt, prallt man ab und überlebt. Vielleicht.

Katharina war tot.
.

Sonntag, 26. Februar 2012

Abschied

Oder: Zehn Jahre

Meral
geht. Nach zehn Jahren in Österreich, zehn Jahren in einem fremden Land, in dem sie vielleicht doch irgendwie auch zu Hause war, packt sie ihre Sachen, Kleider, Küchengeräte, Möbel, die Spielsachen ihrer Tochter, bald soll es losgehen. Einen halben Laster haben Sie zusammen mit einer befreundeten Familie gemietet, das muss reichen. Meral und die kleine Sena fahren morgen los, ihr Mann bleibt noch drei Wochen, dann kommt auch er nach.

Ich wusste, wir wussten alle, dass sie bald geht. Wohin, das weiß sie selbst noch nicht so genau. Die Familie kommt vom Schwarzen Meer, sie gehen jetzt erst einmal in den Süden, aber wollen letztendlich wahrscheinlich etwas in Ankara finden. EineTelefonnummer oder Adresse hat sie noch nicht, aber sie verspricht, sich zu melden.

Zehn Jahre waren sie hier. Sie haben beide studiert, Meral ist mit ihrer Promotion fertig geworden, ihr Mann ist es bald. Deutsch haben sie gelernt, Meral spricht es fließend, fast fehlerfrei, und sich mit dem Leben im fremden Land arrangiert. Freunde gefunden, die Tochter ist hier groß geworden, spricht genauso gut Deutsch wie Türkisch. "Im Kindergarten haben sie alle geweint. Sogar eine der Tanten", erzählt Meral. Nur ein bisschen älter als das Lieschen ist Sena.

Abends, im Wohnheim, ist Meral noch einmal zum Abschiednehmen vorbei gekommen. Umarmungen, Meral weint, die Adressen sind schon ausgetauscht, man wünscht sich alles Gute. Jemand macht einen Scherz, erzählt eine Geschichte von früher, alle lachen. Die Mädchen reden auf Türkisch durcheinander, Meral sagt etwas auf Deutsch. Spät ist es geworden und sie muss nach Hause, morgen geht es früh los.

Sonntag, 19. Februar 2012

Hoher Besuch

Heute war der Vorsitzende des Vereins, der Träger des muslimischen Mädchenwohnheims ist, bei uns zu Besuch. Das war etwas Besonderes, weil sonst außer Handwerkern kein Mann in den Räumlichkeiten erlaubt ist. Ausnahme: die zwei oder drei Vorträge und Treffen mit einem Wissenschaftler aus der Türkei, die seit ich hier bin im Mädchenwohnheim organisiert wurden. Heute also der Vorsitzende. Gerade zu Hause angekommen, treffe ich einige der Mädchen, die in der Küche mit Teekannen hantieren und Popcorn machen.

Türkischer Kopftuch-Chic

Ich kenne sie sonst draußen mit langem, gut geschnittenen Mantel und schickem Kopftuch oder drinnen in Jogginghose, Jeans, Pulli oder was man sonst eben so trägt. Heute sind sie zwar vollkommen bedeckt, tragen aber - zu Hause - keinen Mantel. Die beiden in der Küche stecken in langen, schicken Röcken, darüber eine in den Bund gesteckte Bluse und ein Satinkopftuch - sie sehen ein bisschen aus wie die Models moderner türkischer Tesettür-Mode. Die Mädchen laden auch das Lieschen und mich ein, runter zu kommen, aber wir haben noch etwas zu tun. Etwas später gehen wir dann noch mal gucken.

Kuchen mit Salat

Von weitem schon sehe ich, in welchem Zimmer sie sind - das mit dem Berg an Pantoffeln vor der Zimmertür. Als ich an der Schwelle stehe, sitzen dort mehr als ein Dutzend Mädchen, der Vorsitzende des Vereins, seine Frau und Töchter um eine riesiges Tischtuch, das auf dem Boden ausgebreitet wurde. Wir werden freudig begrüßt, kriegen zwei Plätze zugewiesen, Kissen zugeschoben, Tee und einen Teller mit kizir und kazandibi serviert. Mir fällt ein, wie verdutzt ich damals gewesen bin, als ich zum ersten Mal bei türkischen Bekannten Zitronenkuchen und Hackfleischtaschen auf ein- und demselben Teller serviert bekommen habe...

Deutsch, Türkisch, Englisch

Der Vorsitzende erklärt gleich, dass jetzt bitte nur noch Deutsch gesprochen wird. "Aber sie versteht uns doch", werfen gleich ein, zwei Mädchen lachend ein. Dann werden des Lieschens Deutsch- und Englischkenntnisse getestet und der Vorsitzende erzählt lachend, wie die Mädchen, weil sie im Wohnheim meistens nur Türkisch sprechen und ihre Deutschkenntnisse darunter leiden, einmal, vor einiger Zeit, bestimmt hatten, dass ab sofort nur noch Deutsch im Heim gesprochen werden dürfte. Eine Woche hätten sie das ausgehalten, sagt jemand; und dann jemand anderes: "In der Woche war es sehr still im Wohnheim", und alle lachen.

Türkisch nur auf dem Flur

Dann hätten sie sich überlegt, dass in den Gemeinschaftsräumen Türkisch ok sein sollte, in den Zimmern aber nur Deutsch gesprochen werden sollte. "Das sah dann so aus", erklärt der Vorsitzende und kann ein Lachen nur schwer unterdrücken, "dass man sich im Zimmer unterhalten hat, und wenn man auf schwierige Themen gekommen ist, raus in den Flur oder die Küche gegangen ist". Wieder lachen alle. Kaum eines der Mädchen hier ist zufrieden mit seinen Deutschkenntnissen, dabei sprechen bis auf die beiden Neuankömmlinge aus der Türkei alle Mädchen hier im Raum die Sprache fließend - und gut genug, um im Studium Fachliteratur zu wälzen.

Ausflug ins Skigebiet

Später erzählt eines der Mädchen von dem Wochenende, das sie kürzlich im Skigebiet verbracht hat. Mehr im Schnee gelegen als wirklich gefahren wäre sie, meint sie lachend, sie sei noch Anfängerin. Und dann verhandeln die Mädchen mit dem Vorsitzenden plötzlich, ob der Verein nicht auch bald einen Ausflug zum Skifahren organisieren könnte, vielleicht im März irgendwann? Kosten werden berechnet und geschaut, wer überhaupt Ski fahren kann oder Lust hätte, es zu lernen.

Mit wehendem Kopftuch

Ich muss daran denken, wie Esme, die auch hier mit uns in der Runde sitzt, und die ich auf der Straße noch nie ohne ihren langen Mantel und das Kopftuch gesehen habe, mir letztens erzählt hat, dass sie als junges Mädchen begeisterte Fußballspielerin war - in Mantel und Kopftuch zusammen mit den Jungs in ihrer Gasse. Noch heute macht sie, wenn ihr Studium und Arbeit Zeit lassen, gerne Sport. Badminton war sie letztens spielen, wobei mir ein Rätsel ist, wie sie das mit dem Mantel hinbekommen hat, und Eislaufen stand auch letztens auf der Liste.

Werd sie vermissen

Es sieht so aus, als hätten sich die Mädchen und der Vorsitzende geeinigt. Das Thema wechselt vom bevorstehenden Ausflug zu irgend etwas anderem, die Diskussion in der großen Runde verläuft sich und viele einzelne Gespräche entstehen. Ich schaue zu Saliha, die neben mir sitzt, in ihrem akkurat gebundenen Kopftuch, von H&M hat sie das und es sieht super aus zu ihrer hellen Haut, jetzt lächelt sie und ich denke daran, wie sehr ich diese Mädchen vermissen werde.

Mittwoch, 15. Februar 2012

Ismete

Oder: Zwischen Wien, Zagreb und Mazedonien

Ismete
lebt seit anderthalb Jahren in Wien. Dass sie aus Mazedonien kommt, darauf muss man erst mal kommen. Mit ihrem typisch türkisch gebundenen Kopftuch könnte man sie ohne Weiteres für eine Anatolierin halten.

Studentin der Islamischen Theologie

In Wien studiert sie Islamische Theologie, macht hier einen Master. Den ersten Abschluss hat sie im Kosovo erlangt. Mit dem Studium in Österreich ist sie nicht so richtig zufrieden. "Es geht nur um Kritik am Islam", sagt sie rollt genervt mit den Augen. "In Bezug auf theologische Fragen habe ich in den letzten anderthalb Jahren hier an der Uni nichts gelernt. Warum heißt es dann Islamische Theologie und nicht Kritische Islamwissenschaften - oder so?"

Zwischen Wien, Zagreb und Mazedonien

Ismete ist Ende Zwanzig und verheiratet. Ihr Mann kommt wie sie aus Mazedonien. Er studiert in Kroatien, bereitet sich dort auf seine Promotion vor. In welchem Fach habe ich sie nie gefragt. Sie pendelt zwischen Wien und Zagreb, jetzt in den Ferien ist sie wieder bei ihm.

Mehrsprachig

Neben Deutsch, was sie fließend spricht, beherrscht sie Albanisch und Mazedonisch - was für eine Angehörige der albanischen Minderheit in Mazedonien nichts außergewöhnliches ist. Außerdem ist ihr Türkisch perfekt, sie hat die Sprache in Mazedonien gelernt und im Wiener muslimischen Mädchenwohnheim perfektioniert. Link
Zukunftspläne: Deutschland...

Ihre Masterarbeit plant sie, zur Behandlung des interreligiösen Dialogs in islamischen Schulen in Österreich und Mazedonien zu schreiben. Was danach kommen soll? Vielleicht eine Promotion. Aber nicht in Österreich. Viel lieber will sie dafür nach Deutschland - "dort ist man im Bereich Islamische Theologie schon viel weiter als in Österreich. Wir haben hier in Wien einen Professor in dem Fachbereich..." Immer wieder bekomme ich mit, dass sie gerade wieder an einem Konferenzbeitrag arbeitet.

...oder doch UK? Und Kinder!

Auch ein Promotionsstudium in Großbritannien könnte sie sich vorstellen. Sie überlegt schon, demnächst bald einen Englischkurs zu machen, um ihr Englisch (das jetzt schon gut ist) auf Vordermann zu bringen. Kinder will sie auch mal - später irgendwann.

Was gesehen

Beim Tee erinnert sie sich an die Reise, zu der sie als community leader aus dem multiethnischen Mazedonien vor einigen Jahren von der US-Regierung zu einer Rundreise durch Amerika eingeladen wurde. Sie zählt die Städte auf, die sie im Zuge dieser Reise gesehen hat. "Mein Mann hat in Nordamerika studiert, aber er sagt selbst immer, dass ich definitiv mehr von den USA gesehen habe als er", sagt sie, lacht, und nimmt noch einen Schluck Tee.

Mittwoch, 8. Februar 2012

Homs saigne*

In der Nacht von Freitag auf Samstag ging es los. Was da gerade im Gange war, hätte ich nie mitbekommen, wenn ich nicht zufällig noch zu ziemlich unchristlicher Zeit auf gewesen wäre. Plötzlich mehrten sich die Nachrichten von den Freunden, die einen direkten Syrien-Bezug haben. Wie Noora aus London, die Mutter Irin, der Vater Syrer. Oder Rania aus dem Libanon, die seit anderthalb Jahren in London studierte und Familie in Syrien hat - ein Cousin, Mitte Zwanzig erst, ein hübscher Junge, gerade fertig mit dem Studium, wurde vor einigen Monaten im Auto in Syrien ermordet, bis heute ist nicht bekannt, von wem. Und von Assia, der Schwester von Ilyas in Frankreich, der, ich wusste, seit Monaten die Kämpfe, niedergeschlagenen Aufstände, die unglaubliche Gewalt in Syrien verfolgte.

Assia, Ilyas' Schwester

Assia ist wie ihr Bruder Ilyas im Norden Frankreichs groß geworden, wie ihr Bruder hat sie jeden Sommer ihre Ferien in der Heimat ihrer Eltern verbracht; jeden Sommer gab es neue Fotos zu sehen: Assia im Vorhof einer Moschee, auf dem Bazar, in Damaskus, Aleppo, und wenn sie mal ein Jahr nicht fahren konnte, war die Enttäuschung aus ihren Zeilen zu lesen. Ihren Mann hat Assia an der Uni kennen gelernt, er war im gleichen Jahr wie sie, sie haben letztes Jahr geheiratet, darauf folgten ihr Diplom und die Zulassung zum Promotionsstudium. Keine Frage, Assia ist genauso zielstrebig und entschlossen wie ihr Bruder - und das trotz ihrer Jugend, gerade mal Anfang Zwanzig ist sie.

Von Stunde zu Stunde schlimmer

Dass in Homs sich diese Nacht etwas Schreckliches anbahnte, hätte ich nicht erfahren, wäre ich diese Nacht nicht noch lange wach geblieben. Doch plötzlich häuften sich die Nachrichten von Noora, Rania, Ilyas, und plötzlich schrieb auch Assia. Die Verzweiflung in ihren Zeilen wurde von Stunde zu Stunde größer. Ich war nicht da, war nicht bei ihr, aber ich konnte sie förmlich fühlen, ihre Verzweiflung, ihre Angst, ihren Schmerz. Im deutschen Teil des Netzes fanden sich keine Hinweise darauf, was gerade in Homs geschah, kein Wunder, es war ja mitten in der Nacht, aber Al Jazeera berichtete, stellte erste Videomitschnitte ins Netz. Das müssen die Bilder gewesen sein, vor denen jetzt gerade auch Assia saß.

"Homs saigne, Homs saigne"

Dass Assias Familie aus Homs kommt, hätte ich nicht erfahren, wäre ich diese Nacht nicht noch lange wach geblieben. Ich will mir nicht vorstellen, wie es gewesen sein muss, Bilder des Hauses ihrer Familie unter Beschuss zu sehen, des Hauses, in dem sie ihre Tante, ihren Onkel weiß; Bilder der Stadt, in der sie jeden Sommer verbrachte; der Stadt, die jetzt, wie sie schrieb blutete, ihre Kinder verlor. Homs saigne, Homs saigne, es waren nur geschriebene Worte, aber ich konnte die Verzweiflung hören.

Da saß sie nun in Paris

Da saß sie nun in Paris, in ihrer Wohnung, vor dem Fernseher, sah wie ihre Stadt, die Stadt, die ihr so viel bedeutete, in der sie ihre Familie, ihre Freunde wusste, im Chaos versank. Wurde fast verrückt bei dem Gedanken, nichts tun zu können. Wünschte diese Stadt und die Menschen, die dort lebten, nicht zu kennen, weil sie ahnte, dass der Schmerz dann zumindest etwas weniger groß wäre. Fühlte sich hilflos, so machtlos angesichts der Gewalt, der sie nichts entgegen zu setzen hatte. Jubelte über die Geste der neuen tunesischen Regierung, den syrischen Botschafter auszuweisen, war fassungslos angesichts der ausbleibenden Reaktion der Arabischen Liga, der UN, oder wer-könnte-sonst-noch-was-tun. Wünschte sich eine externe Intervention und hatte Angst davor, weil sie noch mehr Tote bedeutet hätte und vielleicht eine weitere Eskalation. Saß vor dem Fernseher bis spät in die Nacht, schickte Nachrichten in die Welt. Und weinte, weinte um Homs' Kinder.

* Frz.: Homs blutet

Dienstag, 20. Dezember 2011

Umzug

Guter Rat ist teuer, hier ist einer umsonst: Wähle den Zeitpunkt deines Umzugs strategisch. Umziehen, wenn alle Freunde, Bekannten, Kommilitonnen (sprich: potentielle Helfer) mit Prüfungsvorbereitungen und Essayschreiben beschäftigt sind, ist nicht wirklich eine gute Idee.

Von über zehn Leuten, denen ich eine Notfall-SMS schicke, antworten vielleicht zwei Drittel. Die Hälfte davon hat keine Zeit, die andere sagt erst zu und dann plötzlich wieder ab: Notfall zu Hause, doch noch was dazwischen gekommen; sorry, dieses Mal klappt es nicht, aber nächstes Mal ganz bestimmt. Toll. Da standen wir also mit all unseren Koffer und Kisten plus Lieschen, die alle irgendwie runter zum Taxi sollten.

Und dann, Licht am sich aufklärenden Himmel, Rahana sagt zu. Und Sebastian. Und so kam es, dass bei einem der letzten meiner vielen Umzüge mir Rahana aus East London, in tiefschwarzem Gewand und mit Gesichtsschleier ausgestattet, und der blonde Sebastian aus Deutschland, der mit einer neckigen Jack Union-Mütze auf dem Kopf vorbei geschlendert kam, halfen, meine Kisten zu tragen. Wenn das nicht mal wieder ein Anwärter auf Multikulti at its best ist.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Salah Hamouri


Oder: Eine palästinensische Geschichte


Salah Hamouri ist frei. Endlich. Über sechs Jahre saß der 26-Jährige in israelischen Gefängnissen. Seine Geschichte ist eine sehr palästinensische. Schon als 16-Jähriger, als Schüler, verbüßte er eine mehrmonatige Haftstrafe - für das Verteilen von Flugblättern gegen die israelische Besatzung. Ein zweites Mal wurde er während seiner Zeit als Soziologiestudent in Bethlehem festgenommen - wegen angeblicher Kontakte zu einem politischen Aktivisten.

Im März 2005 wird Salah zum dritten Mal festgenommen. Diesmal ist es ernst. Es wird ihm die Beteiligung an einem Komplott zur Tötung des israelischen Rabbi Obadia Yossef, einem der Oberen der ultrareligiösen, extrem rechten Partei Schas vorgeworfen. Salah streitet dies bis heute ab. Es folgen drei Jahre Administrationshaft. Das heißt: drei Jahre Haft, ohne das es zu einem Gerichtsverfahren gekommen, ohne das ein Richterspruch gefallen wäre. In Israel ist das möglich, ein Erbe aus der Mandatszeit. Ich kenne Palästinenser, die monatelang in Haft waren, ohne zu wissen, weshalb.

Als Salah endlich vor ein Gericht, ein Militärgericht, gestellt wird, wird ihm geraten, sich schuldig zu bekennen, um statt der ihm drohenden 14-jährigen Haftstrafe "nur" sieben im Gefängnis verbringen zu müssen. So kommt es, und Salah bekennt sich schuldig für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat, und von dem er bis heute sagt, dass er auch nie vorhatte, es zu begehen, wie ihm von den israelischen Behörden vorgeworfen wird.

Geschichten wie die von Salah Hamouri sind Alltag in Palästina. 16-Jährige, die wegen des Verteilen von Flugblättern ein halbes Jahr im Gefängnis verbringen; Festnahmen wegen angeblicher Kontakte zu politischen Aktivisten; und diese unsagliche Administrationshaft - es gibt wohl kaum eine palästinensische Familie, die nicht einen Sohn, Vater, Bruder, Onkel, eine Tochter, Mutter, Schwester, Tante hat, der ähnliches passiert ist.

Aber Salah ist nicht einfach nur Palästinenser. Er ist Franko-Palästinenser, die Mutter Französin, der Vater Palästinenser. Die doppelte Staatsangehörigkeit, ihr Alter und die Tatsache, dass sie fast die gleiche Zeit in Gefangenschaft verbrachten, brachte viele Beobachter dazu, ihn mit Gilad Schalit, Franko-Israeli (Lieselotte berichtete), zu vergleichen. Ihre Geschichte ist nicht die selbe; ich selbst säße wahrscheinlich lieber in einem israelischen Gefängnis als Gefangener der Hamas zu sein - aber Unrecht, unglaubliches Unrecht, das begangen wurde, spiegeln beide Geschichten, die von Salah und die von Gilad, wieder.

Man sollte als 16-Jähriger nicht für das Verteilen von Flugblättern 5 Monate in Haft verbringen, als 19-Jähriger als Soldat dienen müssen, Administrationshaft geht mal gar nicht, und gekidnappt werden soll natürlich auch keiner - aber das ist Israel, das ist Palästina, und so lange die Mehrheit der Leute da draußen nur (oder vor allem) um Gilad Shalit bangt oder sich nur (oder vor allem) über das Unrecht, das Salah Hamouri widerfuhr, aufregen - so lange werden wir das nicht hinkriegen mit dem Frieden in dieser Region.

Montag, 14. November 2011

Gesucht, gefunden (1)

Und jetzt leben wir in einem Wohnheim für Studentinnen, die aus der Türkei zum Studium nach Österreich gekommen sind. Sie kommen aus allen Ecken der Türkei, viele aus Istanbul, aber auch aus dem Landesinnern, von der Schwarz- und Mittelmeerküste und aus dem Osten. Sie studieren BWL, Architektur, Psychologie, Ernährungswissenschaften, Medizin, Jura, islamische Theologie. Die "Türkinnen" sind Türkinnen, Kurdinnen, Angehörige der arabischen und der mazedonischen Minderheit. Zwei Österreicherinnen, deren Familien aus der Türkei stammen sind auch dabei. Ein Mädchen aus dem Kosovo, eine indonesische Phd-Studentin. Und das Lieschen und ich.

Zum Studium ins Ausland

Einige der Mädchen stehen schon am Ende ihres Studiums und leben seit fünf oder sechs Jahren hier. Andere sind erst seit einigen Wochen im Lande. Manche sprechen fließend Deutsch, andere stehen noch ganz am Anfang. Die Mädchen, die vor Jahren hierher kamen, haben Österreich als Studienort gewählt, weil sie so trotz Kopftuchverbot an türkischen Universitäten einen Studienabschluss erlangen konnten. Die, die jetzt (wo das Verbot nicht mehr durchgesetzt wird wie früher) kommen, wissen, dass sie hier eine bessere Ausbildung bekommen als zu Hause. Dauerhaft bleiben will keine.

Türkinnen, Österreicher, Deutsche

Österreichische Freunde haben die wenigstens. Zena hat eine österreichische Tandempartnerin - aber welcher Österreicher will schon Türkisch lernen? Die deutschen Studenten, von denen es hier Massen gibt, genießen unter den Mädchen einen weitaus besseren Ruf. "Die Österreicher sind irgendwie kalt", höre ich hier immer wieder, "ganz anders als die Deutschen, die sind viel freundlicher. Außerdem sprechen die Wiener so komisch, da verstehe ich nie ein Wort." Jetzt eine Muttersprachlerin im Haus zu haben, finden sie alle toll.

Tülin aus Ankara, Pervin aus Erzurum

Besonders beeindruckt hat mich Tülin. Ihre Eltern kommen aus Ankara und sind ganz einfache Leute. Tülin haben sie auf eine internationale Schule geschickt, in der auf Englisch unterrichtet wurde, so dass sie heute Englisch fließend spricht - mit britischem Akzent. Nach dem Abitur, dass sie diesen Sommer ablegte, lernte sie drei Monate lang an einer türkischen Sprachschule Deutsch. Dann kam sie nach Österreich. Ich lernte sie nur ein paar Tage nach ihrer Ankunft in Wien kennen. Ihr Deutsch war fließend. Pervin ist schon seit zwei Jahren hier. Sie ist Kurdin, ihre Familie stammt aus Erzurum, ist aber nach Istanbul gezogen. Pervins Deutsch ist noch abenteuerlich, das sagt sie selbst und lacht: "Ich denke einfach zu schnell, da kommt ich mit dem Sprechen nicht hinterher." Sie überlegt jetzt sich selbst eine Wohnung zu suchen und auszuziehen. "Ich habe mein Leben lang mein eigenes Zimmer gehabt", erklärt sie, "sich ein Zimmer zu teilen, war für zwei Jahre okay, aber jetzt langsam reicht es mir."

Von wegen "Kopftuchmädchen
"

Ich wohne hier mit Dutzenden von türkischen Mädchen. Einige sind türkisch, andere kurdisch, arabisch oder mazedonisch. Pervin kann armenische Lieder singen: "Bei uns in Mesopotamien sind wir alle durchgemischt, ein buntes Durcheinander", erklärt sie mit einem Augenzwinkern. Sie sind noch ganz jung oder schon etwas älter, tragen ihr Kopftuch im schicken türkischen Stil, als Schal gebunden, im Oma-Style - oder gar keins. Sie sind haben schneewittchenschwarze Haare, rapunzelblonde, irischrote oder kastanienbraune, Ela hat ihre orange gefärbt (bloß sieht das draußen keiner, wegen des Kopftuchs). Sie sind hübsch, hässlich, wunderschön; dick, dünn, ganz normal; verheiratet, ledig; sehr religiös oder nur ein bisschen; kreuzgescheit, gewitzt und frech oder eher brav und unauffällig - sie sind so verschieden, dass ich lügen würde, würde ich sagen, dass ich nicht wütend werde, wenn ich daran denke, dass sie für manche einfach nur Türken wären, Kopftuchmädchen.

Sonntag, 13. November 2011

Auf der Suche (1)

Auf Wohnungssuche

Ein Zimmer in einer fremden Stadt zu finden, ist nicht immer leicht. Vor allem, wenn man nicht vor Ort ist. Vor allem, wenn man nicht nur für sich sondern zusätzlich noch ein Kleinkind sucht. Die Recherche per Internet und E-Mail war nicht sonderlich ergiebig. Es stellte sich schnell heraus, dass meine bisherige Option der Wahl - ein Zimmer in einer WG - nicht besonders erfolgsversprechend zu sein schien. Zum einen scheine ich langsam aus dem Altersrahmen, den die meisten jungen WG-ler als Ideal für einen zukünftigen Mitbewohner vorstellen, herauszufallen. Zum anderen passt das einfach nicht wirklich: Leben mit Kleinkind vs. Studentenleben in der WG. Wobei noch nicht mal wir die Partei waren, die sich das nicht vorstellen konnte (ich habe schließlich eine ganze Reihe an E-Mails an WG-Bewohner geschickt), sondern eher die anderen, die vielleicht dachten, mit Kleinkind würde die Wohnung im Chaos versinken (na ja, so falsch hätten sie mit der Vermutung ja noch nicht einmal gelegen) oder man dürfte nie wieder laute Musik hören und ab sechs nur noch flüstern...

Nasibe weiß weiter

Die erste Woche, hatte uns eine Bekannte angeboten, dürften wir bei ihr übernachten. Sie war es auch, die uns vorschlug, doch mal in diesem türkisch-muslimischen Verein vorbeizuschauen. Also packte ich das Lieschen an einem schönen Dienstagnachmittag in seinen Buggy und machte mich auf den Weg. Ich wusste nicht, was für ein Verein das war und nach wem ich suchte, aber als ich an der Rezeption sagte, dass ich ein Zimmer brauche, wurde ich gleich zu Nasibe geschickt. Nasibe ist um die fünfzig, nicht mehr die schlankste, mit langem dunklen Mantel, gedecktem türkisch gebundenen Kopftuch und freundlichen Augen in einem kleinen Gesicht saß sie in der Cafeteria des Vereins. Sie war die einzige Frau im Raum, saß inmitten all der jungen Männer, die dort vor einem türkischen Glas Tee saßen, beriet sie, erklärte ihnen, nannte sie canim und lachte dabei selbstbewusst, rief dem Mann hinter der Theke quer durch den Raum Anweisungen zu.

Granatapfelsaft, Sesamsalzstangen und türkischer Tee

Zur Begrüßung schloß sie das Lieschen und mich in die Arme und küsste uns. Innerhalb von Minuten wurde das Lieschen mit Granatapfelsaft, Sesamsalzstangen und Schokokeksen versorgt und ich mit schwarzem türkischen Tee. Wir mussten erst mal erzählen, wie es uns geht und woher wir kommen und schließlich durfte ich zur Sache kommen. Sie beriet sich mit den beiden Mädchen, die in der Zwischenzeit zu uns gestoßen waren auf Türkisch. Dass ich verstand, konnten sie nicht wissen, aber es schien ein Zimmer zu geben. Normalerweise würde das nicht vermietet werden, aber: "Jetzt steht sie hier mit ihrem Kind und braucht ein Zimmer, ne yapim?". Mir wurde auf Deutsch erklärt, dass es ein Zimmer gäbe und ich es mir ansehen könnte. Und so kam es, dass ich zwei Tage nach unserer Ankunft in Wien ein Zimmer hatte. Am nächsten Tag zogen wir ein.

Samstag, 29. Oktober 2011

Zehn Tage

Heute ist - laut islam.de - der 1. Dhu al-Hidschah. Der zwölfte und letzte Monat des islamischen Kalenders hat eine besondere Bedeutung. In ihm findet die rituelle Pilgerfahrt, die Hadsch, statt, die eine der fünf Säulen des Islams* darstellt. Besonders den ersten zehn Tage wird ein besonderer Stellenwert beigeschrieben. So heißt es in einem von Bukhari überlieferten Hadith: "There are no days in which righteous deeds are more beloved to Allaah than these ten
days."


Ein ganz besonderer Tag

Es ist deshalb Tradition, an diesen zehn Tagen zu fasten, besonders viel und intensiv zu beten und sich auf die Grundsätze seiner Religion zu besinnen. Wer kann, fährt zur Hadsch. Unter den ersten zehn Tagen ist besonders wichtig der 9. Dhu al-Hidschah, der Tag von Arafat. Zu diesem Tag ist nach Muslim überliefert: The Prophet (sal Allaahu Alayhi wa Sallam) used to fast on the ninth day of Dhu’l-Hijjah and he said: "Fasting the Day of 'Arafah (ninth Dhul-hijjah) is an expiation for (all the sins of) the previous year and an expiation for (all the sins of) the coming year."

Countdown zum Opferfest

Am Tag nach Arafat wird Eid al-Adha, das Opferfest (Kurban bayrami auf Türkisch), das das Ende der Hadsch markiert, gefeiert. Anders als Eid al-Fitr, das Fest am Ende des Fastenmonats Ramadhan dauert Eid al-Adha vier und nicht drei Tage.

Muslimische Feiertage, westeuropäischer Alltag

Im Alltag in einem nicht-muslimischen Land gehen selbst wichtige Ereignisse wie das bevorstehende Opferfest und die dort hin führenden zehn Tage unter - irgendwo zwischen Arbeit, Schule, Studium, Alltag eben. Ich weiß noch, wie letztes Jahr, mitten im Unistress Eid al-Adha, das ja eigentlich das wichtigste Fest im Islam ist, ziemlich sang- und klanglos an mir vorbei ging ("Eid mubarak!" - "Ach, es ist Eid?"). Wie froh ich bin, dass das dieses Jahr anders ist. Laut islam.de ist heute der 1. Dhu al-Hidschah, die zehn Tage liegen also vor mir, und es ist ein schönes Gefühl, zu wissen, dass es an mir liegt, das Beste daraus zu machen.

(* Sorry, miserables Video, aber das Lied ist toll!)

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Lieblingsstadt


Istanbul ist eine meiner Lieblingsstaedte. Eine Stadt am Meer, in der Fundamentalisten und Liberale, Kopftuch und Minirock, Kirchen und Moscheen, Coca-Cola und Kebab ihren Platz haben; wo man in einer halben Stunde mit der Faehre von Europa nach Asien uebersetzen kann; roemische Ruinen, byzantinische Kirchen und osmanische Palaeste besichtigen kann; dazu tuerkisches Essen, und das alles nur zwei Flugstunden von Deutschland entfernt - ich war begeistert. Wenn nur Verkehrschaos, Erdbebengefahr, kulturelle Differenzen und Korruption nicht waren - ich koennte mir glatt vorstellen, in Istanbul zu leben.


Fuer ein kleines bisschen Istanbul in Nordostdeutschland koennte man am 2. November, Mittwoch kommender Woche, nach Frankfurt (Oder) fahren, wo eine gute Zugstunde von Berlin entfernt Alan Duben, Professor an der renommierten Istanbuler Bilgi-Universitaet, zurzeit Inhaber der neuen Aziz-Nesin-Gastprofessur in Frankfurt, einen Vortrag ueber Istanbul im 20. Jahrhundert halten wird: "20th century Istanbul. The fall and rise of a city". Hoert sich gut an.


Freitag, 21. Oktober 2011

Gen Ost


On the Road

In einem roten Smart, den kleinen Kofferraum bis oben vollgestopft mit einem Koffer, einer Tasche, Buechern, dem Computer, meiner Yucca-Palme und was man sonst noch so zum Ueberleben in der Fremde braucht, brauste die Lieselotte damals ueber geschniegelte Autobahnen von der westdeutschen Heimat gen Osten. Der Studienbeginn in einer fremden Stadt stand bevor.

"Wie ... du willst im Osten studieren?"

Zwar hielt sie ein Grossteil ihrer Freunde und Bekannten fuer leicht bis mittel schwachsinnig, dass sie doch tatsaechlich im Osten studieren wollte, aber Lieselotte war guten Mutes. Auch die ersten am Horizont auftauchenden grauen Wohnbloecke, die sie auch sie spaeter einfach Platte nennen wuerde, konnten sie nicht davon abhalten.

Campus-Shuttle

Erst einige Monate spaeter holte sie Moebel und den Rest ihres Besitzes nach, in einem gemieteten Sprinter, in dem jeder Zentimeter Volumen ausgenutzt wurde. Gegen einen gesponsorten Campus-Shuttle, der einen aus dem Westen der Republik nach Fernost bringt, haette sie nichts gehabt. Aber fuer manche Sachen ist man eben einfach zu frueh geboren.

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Von Ilyas

...der fuer sein Land kaempfen wollte

Als ich Ilyas in Frankreich kennen lernte, war er 18, einige Jahre jünger als ich. Wir studierten an der selben Universität in Frankreich und er war einer der wenigen anderen Muslime, so haben wir uns kennen gelernt. Er wurde einer meiner besten Freunde dort. Als ich fragte, woher seine Familie stammte, sagte er: "Ich bin Syrer", dabei hatte er den Großteil seines Lebens in Frankreich verbracht. Ein Jahr war er, als seine Eltern mit ihm nach Europa gekommen waren. Dass er in Damaskus geboren war, erzählte er mir voller Stolz. Seine Eltern waren Ärzte und lebten mit ihren drei Söhnen und der Tochter in einer kleinen Stadt im Norden Frankreichs. Ilyas besuchte sie an den Wochenenden. Ilyas war intelligent, gebildet, höflich, gutaussehend - wie stolz sie auf ihren ältesten Sohn sein mussten.

Hochschulengagement vom Regime nicht gern gesehen

Als ich an der Uni eine Hochschulgruppe gründen wollte, war Ilyas von der Idee begeistert und sagte mir seine Hilfe zu. Gemeinsam mit einer Reihe anderer Kommilitionen arbeiteten wir an der Idee und wollten unsere Gruppe gerade bei der Universitätsverwaltung anmelden - was nötig war, um als offizielle Studentengruppe der Uni anerkannt zu werden -, als Ilyas mir plötzlich erklärte, dass er zwar gerne weiter mit uns arbeiten würde, sein Name aber in keinem Fall auf der Webseite der Gruppe oder der Universität vermerkt sein dürfte. Sein Vater hatte ihn daran erinnert, dass er aus Syrien stammte und dass die Familie in enorme Schwierigkeiten kommen könnte, falls Ilyas Name in Verbindung mit einer Hochschulgruppe im Ausland im Internet zu finden sei. So kam es, dass nicht Ilyas sondern zwei weitere Freunde von mir mit mir gemeinsam als offizielle Gründer unserer Gruppe bei der Hochschulverwaltung registriert wurden.

Sein Heimatland im Kriegsfall verteidigen

Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen, aber irgendwann meinte Ilyas, dass, wenn jemals ein Krieg gegen Syrien geführt werden würde, er natürlich in sein Heimatland, wie er es nannte, fahren würde und sich an seiner Verteidigung beteiligen würde. Da saßen wir in der Mensa einer französischen Universität, neben uns seine besten Freunde Eloise, Anna und Mathieu, die gerade mit uns in der Vorlesung gewesen waren, und unterhielten uns auf Französisch über die Möglichkeit eines Krieges im Nahen Osten und dass er, Ilyas, der Franzose, in diesem Falle die Heimat seiner Eltern mit der Waffe in der Hand verteidigen wollte. Surreal? Ja, ein bisschen schon.

Krise im Nahen Osten

Ein paar Monate später war ich im Nahen Osten, nicht in Syrien, aber nicht weit von dort. Das Thema überall war der neuste bewaffnete Zusammenstoß an der Grenze zwischen Israel und dem Libanon. "Und", fragte meine Freundin Lana ihren Bekannten Mahmoud, mit dem wir auf der größten Einkaufsstraße der Stadt unterwegs waren, "was glaubst du, wenn das Ganze so weiter geht, meinst du, die Syrer greifen auch ein?" Mahmoud lachte und sagte schnell etwas auf Arabisch. Lana nickte und sah ihn an. Ich bat um Übersetzung und als sie mir erklärte, was er gesagt hatte, glaubte ich für einen Moment, nicht atmen zu können: "Wir fragen uns alle, warum die Syrer nicht schon längst eingegriffen haben". Ich dachte an Ilyas, wie jung er war, und dass er, falls es zu einem Krieg zwischen Israel und Syrien kommen sollte, vielleicht wirklich glauben würde, das Land, dass er tatsächlich doch nur aus den Sommerferien kannte, als Soldat verteidigen zu müssen. Mir war schlecht und auf Einkaufen hatte ich keine Lust mehr.

Volksaufstand in Syrien

Dass alles ist Jahre her. Ilyas ist in der Zwischenzeit älter als ich es damals war. Er hat sein Studium beendet, sich für einen Ausbildungslehrgang zum Beamten beworben, in den er aufgenommen wurden, eine Prüfung nach der anderen bestanden und wird in einigen Jahren wohl in irgend einem Ministerium für Frankreich, sein Land, arbeiten. Und dann war plötzlich tatsächlich Krieg in Syrien. Das syrische Volk lehnte sich endlich, endlich gegen das Regime auf, dass es seit Jahren unterdrückte hatte und ich dachte, beschäftigt mit Studium, Arbeit und Familie, nicht gleich an Ilyas. Erst als sich die Berichte aus Syrien sich häuften, fiel er mir ein und was er damals gesagt hatte.

Cousin verhaftet, Nachbar ermordet

Aber Ilyas fuhr nicht zum Kämpfen nach Hause. Er saß zu Hause vor dem Fernseher und Computer, sah sich Nachrichtensendung über Nachrichtensendung, Youtube-Video über Youtube-Video, Zeitungsartikel über Zeitungsartikel durch. Ein Cousin wurde verhaftet, der nächste, ein Freund aus Kindestagen, und er konnte nur hoffen, dass sie Folter und Erniedrigungen entgehen würden und bald freigelassen werden würden. Wenn ich in den Nachrichten von der Ermordung noch eines Regimekritikers hörte, las ich nicht viel später, dass Ilyas die Familie seit Jahren kannte, es Nachbarn waren, er mit den Söhnen als Kind gespielt hatte.

Vor dem Bildschirm...

Ilyas
ging auf Demos in Frankreich, eröffnete einen Twitter-Account und postete regelmäßige Updates zu den Entwicklungen in Syrien und der Region. Welche Freude, als Ben Ali, der Diktator, Tunesien verlassen musste! Welche Erleichterung, als Mubarak, auch der ein Diktator, abdanken musste! Ungläubig verfolgte er das Vorstoßen von Rebellen und westlichen Allierten in Lybien - aber was war mit Syrien? Seit Monaten wurden die Proteste des Volks nun fortgeführt, seit Monaten antwortete das Regime auf jeden Widerspruch mit brutalster Gewalt - und Ilyas konnte nicht viel mehr tun, als die Geschehnisse zu Hause vor dem Bildschirm mitzuverfolgen.

...bis nachts um drei

Ein Video von der Hinrichtung eines syrischen Journalisten durch regimenahe Sniper, auf das er auf Youtube gestoßen war, veröffentlichte er, noch eins, auf dem nächsten war es ein kleines Mädchen, dass durch einen Bauchschuss ums Leben gekommen war, dann eine alte Frau, deren Blut die Straße tränkte, noch ein Video und noch eins und noch eins, und ich sah ihn nicht, aber ich wusste, wie er sich quälte, konnte mir vorstellen, wie er glaubte, all diese Filme zu sehen, um, wenn er doch letztendlich nicht viel ausrichten konnte, wenn er nicht in Syrien, nicht bei seinen Freunden, seinen Nachbarn, seiner Familie war, doch wenigstens so am Geschehen zu sein, mitzufühlen, bei ihnen zu sein. Ich wollte ihm sagen, dass er das lassen sollte, dass er sich informieren und Nachrichten sehen konnte, aber dass bis spät in die Nacht Hinrichtung über Hinrichtung auf dem Bildschirm zu verfolgen, keinem der Menschen dort helfen würde. Ich wollte es ihm sagen. Und habe nichts gesagt.

Freitag, 23. September 2011

Arbeit muss bezahlt werden

Als der Alimustafa hörte, dass der damalige Freund meiner Schwester eine dreijährige Ausbildung zum Maler machte, brauchte er ein ganzes Weilchen, bis er sich von seinem Lachanfall erholt hatte. "Wie? Der lernt drei Jahre lang, wie man 'ne Wand anmalt?" Ich versuchte ihm zu erklären, dass der junge Mann neben Englisch, Deutsch und allen anderen regulären Schulfächern eben vor allem auch Mathe und Chemie lernte - wo man sich doch zumindest vorstellen konnte, dass Hintergrundwissen in diesen Bereichen einem angehenden Maler von Nutzen sein konnte. Alimustafa war, ganz Angelsachse, nicht überzeugt.

Zwei Wochen und er kann's

Hier in London las ich letztens in einem Zeitungsartikel die "Erfolgsstory" irgend eines ehemals arbeitslosen Eastlondoners, der jahrelang nichts gemacht hat und nun endlich, endlich wieder einen anständigen Job, sowie das Geld und das Ansehen das dieser mit sich bringt, hatte. Er arbeitete auf dem Bau, was er nicht gelernt hatte, aber nach einem zweiwöchigen Einführungskurs "konnte" der Mann dann Zement gießen und Kacheln legen. Kein Wunder, dass sich selbst mir als Totallaie angesichts so mancher Elektro- oder Sanitärkonstruktion hier die Haare sträuben.

Dual - und sogar bezahlt

Wenn ich in meinen Deutschkursen hier auf das Duale System, das ich zusammen mit dem deutschen Ausbildungssystem im Allgemeinen anhand eines großen Schaubildes mit einer Menge Balken, Kreisen und Pfeilen erläuterte, und die Tatsache, dass Auszubildende bei uns bezahlt werden, verwies, blickte ich immer wieder in die gleichen nickenden Gesichter - mit einem Ausdruck irgendwo zwischen ungläubig, anerkennend, tief beeindruckt und das-brauchen-wir-auch.

Ausbildungsgehalt: 50 Pfund pro Woche

Hier in Großbritannien bekommt man als Auszubildender mitunter nur 50 Pfund pro Woche. Das ist selbst außerhalb der überteuerten Riesenstadt London gerade mal genug, um die Kosten für Lebensmittel zu begleichen. Natürlich gibt es auch in Deutschland Ausbildungsberufe, in denen man im ersten Jahr lächerlich wenig verdient - als Friseurlehrling zum Beispiel. Aber zumindest im zweiten und dritten Jahr ist man finanziell besser dabei - und selbst ganz am Anfang verfügt man doch über eine solide Grundlage.

Nach dem Studium wieder nach Hause zu Mama?

Wieso man aber als angehender Arzt im so genannten Praktischen Jahr (PJ), als angehender Erzieher oder als Psychotherapeutin in der Ausbildung kaum bis gar kein Gehalt gezahlt bekommt, ist mir ein Rätsel. Als Erzieher mag das noch halbwegs machbar sein, nach dem Realschulabschluss oder Abitur ist man ja noch relativ jung, dann bleibt man halt noch ein bisschen länger zu Hause wohnen. Nicht ideal, aber sicher machbar. Aber wie soll das als PJ-ler zu machen sein? Als Psychologe? Nach dem Studium plötzlich wieder gar nichts verdienen? Wollen wir, dass nur die, die es sich leisten können, das aus eigener (oder Papas - oder Mamas) Tasche zu finanzieren oder das finanzielle Risiko eines horrenden Kredits auf sich zu nehmen, Mediziner und Psychotherapeuten werden?

Arbeit muss bezahlt werden

Wer über Jahre in verantwortungsvoller Position Vollzeit arbeitet (selbst wenn er sich noch in der Ausbildung befindet), der muss dafür anständig bezahlt werden. Zumindest muss er mit dem Geld seine Lebenskosten begleichen können. 150 Euro im Monat, die manche Psychotherapeuten in Ausbildung bekommen, sind nicht genug.

Mittwoch, 14. September 2011

Frau Gelehrte

Dass es im Islam weiblichen Gelehrte, die zum Beispiel Hadithe sammelten und überlieferten und Männer und Frauen unterrichteten, gab, ist in den letzten Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten in Vergessenheit geraten. Muhammad Akram Nadwi, ein aus Indien stammender, in Oxford forschender Alim, der sich auf der Suche nach Informationen über diese Frauen durch die Archive arbeitete, hat vor vier Jahren die Zusammenfassung seiner Enzyklopädie zum Thema in der englischen Übersetzung herausgegeben.

Am Samstag, 17. September kommt Nadwi nach London (Geary Lecture Theatre, City University). Tickets können hier bestellt werden.

Mittwoch, 7. September 2011

Hümeyra

Oder: Osttürkei. Westtürkei. Deutschland. USA?

Hümeyra ist Mitte Zwanzig. Sie ist in [Stadt in Deutschland] geboren und hat einen Bruder, der ein Jahr älter ist als sie. Ihre Großeltern waren vor Jahren aus dem Osten der Türkei nach [Stadt in der Westtürkei] gekommen. Auf der Suche nach Arbeit kam ihr Großvater vor Jahrzehnten dann nach Deutschland. Holte seinen Sohn, als die Situation in der Türkei nach einem der Putsche für junge Leute gerade mal wieder unsicher aussah, nach. Und schließlich auch die junge Frau des Vaters. Sechzehn war sie, als sie heiratete; er nur ein Jahr älter als sie.

Schwieriger Start

Es muss schwierig gewesen sein für Hümeyras Mutter, damals in den ersten Jahren. Jung war sie, so jung, mit zwei kleinen Kindern, in einem fremden Land, mit zwei Männern, die bis vor kurzem auch noch Fremde waren für sie. Sie blieb bei den Kindern zu Hause, aber als sie in der Schule waren, begann sie, Deutsch zu lernen und ihren Realschulabschluss nachzuholen. Sie bekam eine Stelle bei der Deutschen Bank und arbeitete sich in den nächsten Jahren langsam hoch. Ihr Mann hätte in der Türkei vielleicht studiert. Hier, in Deutschland, musste er arbeiten, um seine Familie durchzukriegen. Er ist bis heute Lagerarbeiter.

Erster Schritt: Abitur

Hümeyras Bruder kam aufs Gymnasium. Er hatte dort aber Schwierigkeiten und wurde schließlich wieder zurückgestuft. Die Erfahrung wollte Hümeyras Mutter nicht noch einmal machen und schickte ihre Tochter gleich auf die Realschule. Im Nachhinein glaubt Hümeyra, dass das ein Fehler war. Sie hatte auf der Realschule ausgezeichnete Noten, aber der Übergang zum Gymnasium fiel ihr schwer. Mit viel Fleiß, Durchsetzungswillen und Unterstützung von Freunden hat sie es dennoch geschafft.

Zweiter Schritt: Studium

Nach dem Abitur begann sie Physik und Musik auf Lehramt zu studieren. Sie schaffte das Studium in der Regelstudienzeit, machte nebenbei noch eine Ausbildung in Montessoripädagogik und absolvierte Praktika an einer der renommiertesten Privatschulen ihrer Stadt. In der Zwischenzeit hatte sie Yasin kennen gelernt. Der hatte Ingenieurwissenschaften studiert, noch ein bisschen Zeit bis zum Studienabschluss und studierte deshalb ein halbes Jahr Spanisch in Madrid.

Englisch lernen in Cambridge

Etwas später planten Hümeyra und Yasin ihre Verlobung. Zu dem Zeitpunkt waren die Familien bereits involviert. Hümeyra war es wichtig, vor der Verlobung, sie war gerade mit dem Studium fertig geworden, für einige Zeit ins Ausland zu gehen. Sie wollte ihr Englisch verbessern. Yasins Eltern waren von der Idee nicht angetan, aber schließlich setzte Hümeyra sich durch und fuhr für zwei (oder waren es drei?) Monate zum Englisch lernen nach Cambridge.

Wie weiter?

In der Zwischenzeit sind Hümeyra und Yasin seit einigen Jahren verheiratet. Sie hat ihr Referendariat absolviert und anschließend eine Stelle gefunden. Nebenbei macht sie einen Master in Islamischer Religionspädagogik. Yasin steht kurz davor, seine Promotion zu Ende zu bringen. Er war in der Vergangenheit oft frustriert gewesen, in Deutschland immer noch "der Türke" zu sein und hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, in die Heimat seiner Eltern zurück zu gehen. Jetzt besteht für ihn eventuell die Möglichkeit, für einige Zeit an eine der besten Universitäten in seinem Fach in den USA zu gehen. Wenn er dort war, stehen ihm, aus akademischer Sicht, alle Türen offen. Hümeyra überlegt schon, ob sie ihn dann dorthin begleiten wird oder lieber ihrer Stelle zuliebe in Deutschland bleiben soll. Reizen würde sie es schon, eine Zeit in den USA zu leben, und mit ihm zusammen zu sein, ist ihr wichtig - ihr Job aber auch.