Montag, 6. Mai 2013

Eine Woche im April

Boston, Terror und Muslime

Am Montagabend schreibt Naima, die ich aus London kenne und die seit einigen Monaten mit ihrem Mann in Boston lebt, von einer Explosion im Stadtzentrum Bostons, dass wir uns keine Sorgen machen sollen, es ihr gut geht. Ihr Mann sei noch im Zentrum und versuche, nach Hause zu kommen. Ich bete, dass das kein Terroranschlag und keine Muslime waren und gehe schlafen, es ist schon spät.

Am Dienstag gibt es schon mehr Informationen. Ein Terroranschlag soll es gewesen sein. Naima ist fix und fertig, sie schreibt, sie hatte an dem Tag eigentlich vorgehabt, in die Bibliothek zu gehen, die nur wenige Meter vom Ort der Explosionen entfernt war. Wäre sie nicht zu müde gewesen an dem Tag, wäre sie zum Zeitpunkt des Anschlags vor Ort gewesen. Das ist das letzte Mal, dass sie schreibt; danach höre ich lange nichts mehr von ihr.

Es gibt schon mehr Informationen, aber wer hinter den Anschlägen steckt - da halten sich die Medien bedeckt. Ich bin erstaunt, positiv überrascht, dass keiner so richtig Spekulationen Vermutungen anstellen mag. Das war früher anders und die Schuldzuschreibungen ("vermutlich islamische Terroristen") schneller hervorgebracht. Wir scheinen doch etwas gelernt zu haben in den letzten Jahren. Oder ist das der Post-Breivik-Effekt und die Welt weiß jetzt, dass auch Nichtmuslime Terror können, sogar ganz gut? Ich bete, dass es keine Muslime waren.

Und natürlich gibt es auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis wieder so ziemlich alle möglichen Reaktionen. Von besorgten Bekannten, die in Boston studiert oder gearbeitet haben und nicht glauben können, dass so etwas in dieser Stadt, die sie als so offen und willkommenheißend erlebt haben, passiert bis zu angesichts des Medienhypes genervten Freunden, die daran erinnern, dass - hallo! - heute in Syrien über 200 Zivilisten getötet wurden - interessiert es jemanden?!

Am Mittwoch fahre ich mit der U-Bahn in die Stadt und bekomme eine Zeitung in die Hand. Das Bild des kleinen Jungen, der am Montag in Boston starb, bricht mir das Herz. Wie kann man einem Kind so etwas antun? Wie muss es den Eltern jetzt gehen? Ich mag es mir nicht vorstellen und muss mich zusammen nehmen, in dem vollen U-Bahn-Wagon nicht in Tränen auszubrechen.

Ich bin noch immer erstaunt über die Medienberichterstattung, die sich zumindest auf den Kanälen, über die ich davon mitbekomme, erstaunlich wenig spekulativ darstellt. Alles gut, denke ich, bis ich die Geschichte von dem saudischen Mann lese, der Opfer des Anschlags wurde, aber - obwohl unschuldig - wie ein Verdächtiger behandelt wurde. Verdammt, also doch. Die alten Reflexe sind noch aktiv. Und ich dachte, wir hätten etwas gelernt. 

Ismail, ein Bekannter aus London, der ursprünglich aus Südasien kommt und vier Jahre in den USA an einer der besten Universitäten des Landes studiert hat, kommentierte Obamas Statement nach den Anschlägen (“If you want to know who we are, what America is, how we respond to evil—that’s it. Selflessly. Compassionately. Unafraid") trocken: "I could think of a few more adjectives. Especially one that begins with an R." Rassist meinte er, rassistisch. 

In der Zwischenzeit heißt es, die Bauart der verwendeten Bomben erinnere an ähnliche Konstruktionen aus Pakistan und Afghanistan. Mir graut es. Also doch? Stehen doch Muslime hinter den Anschlägen?

Am Freitag verbringe ich einen Großteil des Nachmittags mit Camilo vor dem Fernseher. Er hat in den USA gelebt, hat Freunde dort und die Nachrichten seit Anfang der Woche wie gebannt gefolgt. Wir finden einen Nachrichtenkanal, wo die Berichterstattung nicht durch Fernsehserien, Werbung, Filme oder anderes unwichtiges Zeugs unterbrochen wird und bekommen die neusten Entwicklungen direkt in unser Wohnzimmer in London geliefert. In der Nacht wurde ein Polizeibeamter am MIT, wo einer von Alimustafas Cousins studiert hat, erschossen.

Während wir dort vor dem laufenden Fernseher sitzen, kommen mehr und mehr Informationen rein. Es wird vermutet, dass es sich um Tschetschenen handelt (oh nein!), ob es eine Verbindung zu tschetschenischen Terrorgruppen gibt, ist jedoch noch unklar (bitte nicht!), aber als ein paar Minuten später die Namen bekannt sind, bestätigt sich doch, was ich gehofft hatte, nicht wahrzusein. Das sind tschetschenische Namen. Es wird live berichtet, innerhalb von fünf Minuten hören wir drei verschiedene Varianten, in denen der Name der jüngeren Verdächtigen ausgesprochen wird (ist das so schwierig, hinzubekommen?!), und es wird klar: einer ist tot, der andere auf der Flucht.

Freitagabend sitzen wir wieder lange vor dem Fernseher, wie damals im März vor einem Jahr als wir verfolgten, was in Toulouse vor sich ging und ich bis spät die Berichterstattung auf Twitter verfolgte. Irgendwann, als sich die Aussagen der Reporter zu wiederholen beginnen, weil es nichts Neues zu berichten gibt, schalten wir ab. Ich denke an die Familien der bei den Anschlägen Getöteten; wie muss es sein, zu wissen, dass der, der wahrscheinlich das Attentat plante, ihre Kinder, den Bruder, die Schwester töte, weiter dort draußen unterwegs ist - vielleicht entkommt? Ich denke an die Bewohner der Stadt, an Naima, ich weiß gar nicht, in welchem Teil von Boston sie wohnt; hoffe, dass es weit weg ist von dem Ort, an dem der Verdächtige vermutet wird; dass sie sich sicher fühlt. 

Und ich denke an einen 19-Jährigen, der irgendwo alleine dort draußen unterwegs ist, der zum Mörder geworden ist, seinen Bruder verloren hat, vielleicht verletzt und jetzt von Bewaffneten gejagt wird. Was für ein Wahnsinn. Unschuldige töten, seinen Bruder verlieren, von der Polizei gejagt werden - für was? Ich kann mir nur zwei Ausgänge vorstellen, dass er geschnappt wird und den Rest seines Lebens im Knast verbringt oder auf der Flucht getötet wird; eins nicht besser als das andere; auch das Leben dieses 19-Jährigen - vorbei.

Am Samstagmorgen - wir haben ausgeschlafen, die Sonne scheint, das Lieschen will Frühstück, bevor es in den Park geht - ist die Hetzjagd in Boston vorbei. Kein weiterer Toter, zumindest das, und vielleicht wird der überlebende Verdächtigte wenigstens eine der Fragen beantworten können, die viele sich jetzt stellen. 

Auf mich warten eine Reihe von Artikeln zum Thema terrorism and whiteness, die ziemlich deutlich machen, dass auch, wenn die Berichterstattung (zumindest in Europa) dieses Mal viel professioneller war als so manches mal in der Vergangenheit, es doch immer noch verdammt viel zu tun gibt:




Kommentare:

conring hat gesagt…

@ Liselotte
Worin sollen jetzt eigentlcih konkret der Zusammenhang von "Whiteness" und "terrorism" in Boston bestehen?
Haben die beiden Brüder als Agenten der "Whiteness" getötet?
Deren Motivation kann man doch eher im Bereich der "Muslimness" suchen.

Lieselotte hat gesagt…

Lesen hilft. Klicken Sie mal auf die Links.

Anonym hat gesagt…

Bei Boston muss ich u.a. immer an die gerhirngewaschene Katherine Russell denken.

Sie nicht auch?

Lieselotte hat gesagt…

Doch, ich auch. Artikel dazu ist in the making.

(Davon abgesehen haben Sie ein paar Anführungszeichen vergessen. Aber dazu mehr dann im Artikel.)

Anonym hat gesagt…

Ich glaube irgendwie, dass ich den Inhalt dieses Artikels schon jetzt repetieren könnte, ohne ihn gelesen zu haben.

Aber ich lasse mich mal überraschen.